Kommentar

Kommentar: Walter Kohl fügt dem Image von Kanzlerin Angela Merkel eine Scharte zu

Walter Kohls Darstellung ist hanebüchen und verdreht Ursache und Wirkung.

Von Daniela Vates 22.02.2017, 16:12

Der größte Vorwurf, den man einem Menschen machen kann, ist, dass er einen anderen umgebracht habe. Ganz so sagt es der Sohn von Altkanzler Helmut Kohl nicht. Aber die Formulierung von Walter Kohl ist nicht minder brutal: Angela Merkel habe „einen nicht unerheblichen Anteil“ am Tod seiner Mutter Hannelore. Als Botschaft schwingt mit, nicht im juristischen Sinne, aber als Eindruck: Merkel wirkt mörderisch.
Schlimmer geht es kaum.

Sachlich hanebüchen und verdreht

Sachlich ist Walter Kohls Darstellung hanebüchen, weil er Ursache und Wirkung verdreht: Helmut Kohl war für die Spendenaffäre verantwortlich. Er hatte Spenden für die CDU angenommen und nicht ordnungsgemäß deklariert. Er weigert sich bis heute, die Spender zu nennen. Die damalige CDU-Generalsekretärin wagte, was sich kein anderer in der Partei sich traute: sich von dem Verursacher der Affäre loszusagen und der CDU damit einen Neuanfang zu ermöglichen.

Walter Kohl mag Recht haben mit der Darstellung, dass Hannelore Kohl von Merkel enttäuscht gewesen ist. Aber wer in welchem Maße in die Affäre verstrickt war und wer nicht, konnte Merkel nicht absehen. Das Leiden der Familie Kohl, das ja unbestreitbar ist, hat seinen Grund im Fehlverhalten des Vaters.

Lapidar sind die Vorwürfe für Merkel dennoch nicht. Merkels politische Entscheidungen, ihr Führungsstil wird bereits von anderen kritisiert. Nun gesellt sich dazu ein Angriff auf den Charakter. Als eine Art Mutter der Nation hatte sie sich etabliert, bei der sich eine große Mehrheit der Bevölkerung aufgehoben zu fühlen schien.

Angriff auf Merkels Image

Der einst verächtlich gemeinte Spitzname „Mutti“ wandelte sich zu einem positiv besetzten Markennamen. Wenige Monate vor der Bundestagswahl aber und während die SPD in einem Energie- und Gute-Laune-Bad schwelgt, und die Union ohnehin schon einigermaßen verunsichert von einem Bein aufs andere tritt, steht bei CDU nun zusätzlich noch der Vorwurf im Raum, Merkel gehe über Leichen, buchstäblich.

Es werden sich nun deswegen nicht Wähler in Scharen von der CDU abwenden, dafür ist Walter Kohl dann wohl doch zu sehr Nebenperson im politischen Geschäft, zu sehr auch gefangen in der jahrelangen Aufarbeitung des Selbstmords seiner Mutter, der für ihn zum Trauma wurde. Aber eine Scharte mehr hat der Kanzlersohn der Nachfolgerin seines Vaters beigefügt.