"Zwölf Stämme" in der Altmark

"Zwölf Stämme" in der Altmark: Umstrittene Sekte soll Kinder nach Tschechien gebracht haben

Dolchau/Augsburg/MZ - Nach Berichten über das Verschwinden von Kindern aus einem Dorf in der Altmark will die Staatsanwaltschaft Augsburg einen Zusammenhang zu Fällen mutmaßlicher Kindesmisshandlung in Bayern prüfen. Nach Angaben von „Spiegel Online“ und der „Volksstimme“ sollen Mitglieder der umstrittenen christlichen Glaubensgemeinschaft „Zwölf Stämme“ auch einen Gutshof in der 76-Einwohner-Ortschaft Dolchau im Altmarkkreis Salzwedel bewohnt haben. Von dort sollen vor wenigen Tagen rund zehn schulpflichtige Kinder nach Tschechien gebracht worden ...

Von Alexander Schierholz

Nach Berichten über das Verschwinden von Kindern aus einem Dorf in der Altmark will die Staatsanwaltschaft Augsburg einen Zusammenhang zu Fällen mutmaßlicher Kindesmisshandlung in Bayern prüfen. Nach Angaben von „Spiegel Online“ und der „Volksstimme“ sollen Mitglieder der umstrittenen christlichen Glaubensgemeinschaft „Zwölf Stämme“ auch einen Gutshof in der 76-Einwohner-Ortschaft Dolchau im Altmarkkreis Salzwedel bewohnt haben. Von dort sollen vor wenigen Tagen rund zehn schulpflichtige Kinder nach Tschechien gebracht worden sein.

Eltern vorläufig das Sorgerecht entzogen

Vor gut zwei Wochen hatte die Polizei 40 Kinder und Jugendliche aus zwei Anwesen der „Zwölf Stämme“-Sekte in Bayern geholt. Amtsgerichte hatten deren Eltern vorläufig das Sorgerecht entzogen. Ehemalige Sektenmitglieder hatten zuvor Schläge und körperliche Züchtigungen Heranwachsender zu Protokoll gegeben. Ein TV-Journalist hatte mit versteckter Kamera gefilmt, wie Jungen und Mädchen von Erwachsenen mit Stöcken oder Ruten auf den entblößten Po geschlagen werden. Die Staatsanwaltschaft Augsburg ermittelt gegen Sektenmitglieder wegen gefährlicher Körperverletzung und Missbrauch von Schutzbefohlenen.

Die umstrittene Glaubensgemeinschaft „Zwölf Stämme“ ist in den 1970er Jahren in den USA entstanden. Als ihre wichtigsten Werte nennen die radikalen Christen Liebe, Ehrfurcht vor Gott, Familie und Freundschaft. „Unsere Liebe füreinander durchbricht die Barrieren von Nationalität, Hautfarbe, Kultur und sozialer Herkunft“, heißt es auf der Homepage. Kritiker allerdings sehen in der Gemeinschaft eine Sekte, die straff hierarchisch organisiert ist. Mit den Behörden gibt es seit Jahren Ärger.

Schon im vorigen Jahr waren in Medien Vorwürfe ehemaliger Schüler laut geworden, dass Kinder geschlagen würden. Daraufhin wurden Behörden aktiv. Die Mitglieder der Gruppe weigern sich außerdem, ihre Kinder in eine staatliche Schule zu schicken, um sie nach eigener Aussage von Alkohol, Drogen und Gewalt fernzuhalten. Einer „privaten Ergänzungsschule“ in Bayern hatten die Behörden im Sommer die Genehmigung entzogen. Grund war der offizielle Ausstieg des einzigen staatlich anerkannten Lehrers.

Rund 2000 Mitglieder weltweit zählen die „Zwölf Stämme“ derzeit nach eigenen Schätzungen.

Von einer angeblichen Verbindung in die Altmark wissen die dortigen Behörden nichts. Laut der Stadt Kalbe, zu der Dolchau gehört, haben sich Anfang Juli auf dem alten Gutshof lediglich drei Erwachsene angemeldet, auf Kinder gebe es keine Hinweise. Nach MZ-Informationen soll das Trio aus Tschechien zugereist sein, darunter soll eine Deutsch-Amerikanerin sein. Die „Zwölf Stämme“ unterhalten nach eigenen Angaben auch Anwesen in Tschechien, in den USA und in weiteren Ländern weltweit. Von der Gemeinschaft wollte sich am Montag niemand äußern.

Ermittler in Augsburg wollen Berichte aus Sachsen-Anhalt ernst nehmen

Kalbes Bürgermeister Karsten Ruth sagte, seiner Kenntnis nach lebten die drei Personen noch in Dolchau, sie seien „unauffällig“, hätten aber Kontakte zur Dorfgemeinschaft. Der Sozialdezernent des Landkreises, Eckhard Gnodtke, sagte, es gebe keine Anhaltspunkte dafür, dass in dem Ort Kinder schlecht behandelt worden seien. Laut Polizei liegen auch keine entsprechenden Anzeigen vor. Die Ermittler in Augsburg wollen die Berichte aus Sachsen-Anhalt trotzdem ernst nehmen: „Wir nehmen alles auf, was uns zur Kenntnis kommt“, sagte Oberstaatsanwalt Matthias Nickolai, Sprecher der Behörde.