Mit Salz und guter Laune

Wird die neue Bahn-Schnellstrecke München-Berlin soll ein Segen

Die neue Bahn-Schnellstrecke München-Berlin soll ein Segen für 17 Millionen Menschen sein. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff verspricht sich neue Impulse für die Region. Warum das nicht alle so sehen.

Von Alexander Schierholz 08.12.2017, 22:45

Angelika Weises Experiment, soviel steht fest, ist geglückt. „Wir wollten mal ausprobieren, ob die Verbindung wirklich in so kurzer Zeit klappt“, sagt sie, als sie am Freitagnachmittag mit ihrer Freundin Katrin Hasler an Gleis 8 des halleschen Hauptbahnhofs steht. Wenig später, kurz vor 15 Uhr, steigen die beiden Frauen aus Sangerhausen in den ICE nach Berlin, um 16.15 Uhr erreichen sie ihr Ziel. ICE 2581 ist nicht irgendein Zug, es ist einer von zwei Sonderzügen zwischen München und Berlin, mit denen die Deutsche Bahn am Freitag die Eröffnung der Schnellfahrstrecke zwischen beiden Metropolen feiert.

In Berlin haben sie vor dem Hauptbahnhof deshalb ein Festzelt aufgebaut, dazu eine Großbildleinwand. Die Bühne im Zelt ist in rotes und blaues Licht getaucht. Bahn-Vorstandschef Richard Lutz spricht, nach ihm die amtierende Bundeskanzlerin Angela Merkel. Auch entlang der Strecke ist gefeiert worden - mit Festakten in Wittenberg, Leipzig, Erfurt und Nürnberg. In Halle, immerhin, haben Vertreter der Salzwirkerbruderschaft der Halloren den Sonderzug begrüßt.

Mit der neuen Trasse verkürzt sich die Bahnverbindung zwischen Berlin und München auf knapp vier Stunden (bisher sechs), jedenfalls in den schnellsten ICE-Zügen, den sogenannten Sprintern. Sie machen unterwegs nur in Halle, Erfurt und Nürnberg Halt. Drei dieser Sprinter verkehren pro Tag, die Fahrt von der Saale an die Isar dauert damit nur noch zwei Stunden und 45 Minuten, statt knapp fünf Stunden.

Neue ICE-Schnellfahrstrecke zwischen Metropolen Berlin und München

Davon haben Angelika Weise und Katrin Hasler noch nichts, sie fahren schließlich nach Berlin. Ihre Tickets haben sie bei einer Verlosung der MZ gewonnen. Der Sonderzug, in den sie in Halle steigen, war am Mittag in München losgefahren. In der Hauptstadt traf er zeitgleich mit einem zweiten Sonder-ICE aus München ein, in dem die amtierende Kanzlerin saß. Dem Vernehmen nach soll Merkel allerdings erst in Berlin-Südkreuz zugestiegen sein, kurz vor dem Hauptbahnhof.

In ihrer Festrede nennt die Kanzlerin und CDU-Parteichefin die neue Trasse ein „bahnbrechendes Projekt, das seinesgleichen sucht“. Sie schlägt den ganz großen Bogen, benennt ein wachsendes Verkehrsaufkommen, die Digitalisierung und den Klimaschutz als Herausforderungen, auf die moderne Verkehrssysteme sich einstellen müssten. Und sonst? Sonst bemerkt Merkel mit Blick auf die Schwesterpartei CSU süffisant, man sei dank der neuen Trasse „in Konfliktfällen schneller beieinander“.

Was der Bahn-Konzern von der Strecke erwartet, hatte zuvor dessen Vorstandschef Richard Lutz erklärt: Die Bahn will ihren Marktanteil zwischen Berlin und München auf 40 Prozent verdoppeln. Auch die Zahl der jährlichen Passagiere auf der Route soll sich von 1,8 auf 3,6 Millionen verdoppeln, geht es nach den Bahn-Strategen. Insgesamt sollen nach den Worten von Lutz bundesweit sogar 17 Millionen Kunden direkt oder indirekt von der Trasse profitieren - neue schnelle Anschlüsse machen es möglich. Die Bahn spricht vom größten Fahrplanwechsel ihrer Geschichte, mehr als ein Drittel der Fahrpläne wird umgekrempelt. Halle, Erfurt und Leipzig werden zu ostdeutschen ICE-Knotenpunkten.

Eröffnungstrubel am Bahnhof in Halle zweitweise recht unübersichtlich

So ist es kein Wunder, dass die Bahn seit Wochen massiv Werbung für die Schnellfahrstrecke macht. Auch in Halle, wo sie am Freitag in der Bahnhofshalle Stände aufgebaut haben. Mitarbeiter in grauen Jacken mit der Aufschrift „Diese Strecke gehört dir“ verteilen Infobroschüren. Bei einem Quiz kann man sein Wissen über die Trasse testen. Zu gewinnen gibt es Kaffee-Becher und Christbaum-Anhänger in ICE-Form. Die längste Schlange aber bildet sich vor einer Fotowand mit einem Motiv des halleschen Marktplatzes - dort kann man Erinnerungsfotos schießen lassen.

Mitten im Gewühl: Angelika Weise und Katrin Hasler - und Dutzende andere, die bei verschiedenen Gewinnspielen Sonderzug-Tickets gewonnen haben. Die Bahn hat sie alle mit blauen Bändern und Namensschildchen ausgestattet. Bahn-Mitarbeiter tragen weiße und graue Bändchen, Journalisten rote. Dennoch ist die Lage auf dem halleschen Hauptbahnhof am Freitagnachmittag zuweilen etwas unübersichtlich. Schließlich fahren hier auch noch andere Züge. Zum Beispiel Regionalbahn 75 aus Eilenburg, die gerade an Gleis 8 einrollt, als Bahnhofsmanagerin Cornelia Kadatz die Gäste begrüßt, flankiert von drei Halloren.

Die aussteigenden Fahrgäste schauen irritiert auf die Männer in ihren roten und blauen Fest-Uniformen. Ingo Kautz, einer von ihnen, lobt Kadatz später stellvertretend für alle Bahn-Mitarbeiter mit den Worten: „Haste fein jemacht, Meine!“ Sein Kollege Hartmut Machts entbietet den traditionellen Halloren-Gruß: „Hallisch Salz, Gott erhalt’s!“ Nun kann der Sonderzug kommen.

Haseloff: „Nur über Sachsen-Anhalt geht’s nach Berlin“

In Wittenberg trifft etwa zur selben Zeit der zweite Sonderzug München- Berlin ein, der über Leipzig gefahren ist. An der Elbe wird nicht nur die Schnellfahrstrecke gefeiert, sondern auch die Auszeichnung des neuen Hauptbahnhofes als „Bahnhof des Jahres“ - ein Preis, den die Vereinigung „Allianz pro Schiene“ verleiht. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) verbreitet gute Laune: „Nur über Sachsen-Anhalt geht’s nach Berlin“, bemerkt er, bevor er in den Zug steigt. Mit der neuen Trasse, lobt der Regierungschef, verbessere sich die Erreichbarkeit Mitteldeutschland erheblich. Haseloff spricht von „Impulsen für die Stadtentwicklung“, die dank der Strecke etwa in Halle bereits „spürbar“ seien. Halle plant in der Nähe des Hauptbahnhofs ein Kongresszentrum samt Hotel. Allerdings ist noch nicht ausgemacht, ob das Projekt sich rechnet: Die Wirtschaftlichkeitsuntersuchung ist noch nicht abgeschlossen.

So viel Freude überall über eine Bahnstrecke. Überall? Nein. Götz Ulrich, Landrat des Burgenlandkreises, spricht von einem „Trauertag“ für seine Region. Der CDU-Kommunalpolitiker, auch Gast der Festveranstaltung mit Merkel in Berlin, sieht seinen Landkreis abgehängt von den Verkehrsströmen. Der Grund: Die Kreisstadt Naumburg war bisher ICE-Halt auf der Strecke nach München. Das ist vorbei, weil die Züge Richtung Süden nun die neue Trasse von Erfurt quer durch den Thüringer Wald befahren - und damit an Naumburg vorbeirasen. Auch Regierungschef Haseloff mahnt deshalb, das Saaletal müsse wieder an den Schienen-Fernverkehr angeschlossen werden.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch: In der Region im Süden Sachsen-Anhalts werden bereits seit zwei Jahren deutlich mehr Nahverkehrszüge eingesetzt. Damals hatte Naumburg mit der Inbetriebnahme der Schnellstrecke Halle/Leipzig-Erfurt bereits den ICE in Richtung Frankfurt (Main) verloren. Dafür gibt es mehr Direktverbindungen nach Halle, Erfurt und Leipzig - nur eben nicht im ICE.  (mz)