1. MZ.de
  2. >
  3. Mitteldeutschland
  4. >
  5. Sportwetten-Boom zur EM - Der Angriff der Glücksritter

Wettbüros und Online-Wetten Sportwetten-Boom zur EM - Der Angriff der Glücksritter

Jahrzehntelang kämpften deutsche Behörden gegen Glücksspiele rund um Sportereignisse. Seit drei Jahren sind sie nun legal. Wer beim großen Spiel um die Spieler gewinnt.

Von Steffen Könau Aktualisiert: 15.06.2024, 13:49
Sportwetten sind zum ersten Mal bei einem Turnier in Deustchland erlaubt.
Sportwetten sind zum ersten Mal bei einem Turnier in Deustchland erlaubt. IMAGO/ActionPictures

Halle/MZ. - Zwei schmale Euro hatte der junge Mann gesetzt, der gerade vor die Tür der Filiale eines Wettbüros in Halle tritt. Eine Hand nestelt die Zigarettenpackung hervor, die andere entsorgt den Wettschein im Rinnstein. Nicht mal gewonnen und dann zerronnen, sondern gewettet und verloren: Vier Spiele hatte der Glücksritter in einer Wette kombiniert. Quote 332,64, möglicher Gewinn 632,02. Ein zweiter Wettschein liegt daneben. Für vier Euro hätte es 432,09 Euro gegeben. Auch daraus ist nichts geworden.

Sportwetten: Alles nur Mathematik?

Am Ende gewinnt beim Wetten nicht immer die Bank. Aber meistens,. Sportwetten sind für die, die sie abgeben, reines Glücksspiel. Für die Sportwettenanbieter aber Mathematik, Statistik und kühle Kalkulation. Aus Daten werden Zahlen, aus Zahlen Wahrscheinlichkeiten und daraus die Wettquoten.

Selbst wenn hier und da ein Außenseiter überraschend obsiegt, haben die großen Glücksspielkonzerne das bessere Ende für sich: Im Gegensatz zu dem, was Wett-Fans glauben, wetten sie nicht etwa gegen Tipico, Bet365 oder Interwetten. Sondern mit den aufgrund der errechneten Wahrscheinlichkeit des Spielausganges erstellten Quoten gegen all die, die auf ein anderes Ergebnis gesetzt haben als sie selbst.

Ein Tippschein der geplatzten Träume.
Ein Tippschein der geplatzten Träume.
Foto: Steffen Könau

Ein todsicheres Geschäft, bei dem drei bis sieben Prozent der Einsätze beim Buchmacher verbleibt. Nur die Spieler können am Ende von Glück sagen, wenn sie gewinnen. Nur etwa einem Drittel der Teilnehmer gelingt es langfristig, Gewinn einzufahren. Der Rest zahlt drauf.

In Deutschland war das Geschäft mit dem Glück über Jahrzehnte hinweg nicht nur verboten, sondern selbst noch illegal, als es erlaubt war. Die Landesregierung von Sachsen-Anhalt kämpfte besonders energisch gegen jeden Liberalisierungsversuch, den die oft aus Österreich, Malta, Zypern und Großbritannien stammenden Wettkonzerne mit dem Verweis auf die EU-Dienstleistungsrichtlinie unternahmen. Eigentlich war deren Tätigkeit in Deutschland nicht zu unterbinden, wenn sie eine Zulassung aus einem EU-Land vorzuweisen hatten. Und über das Internet konnten auch deutsche Spieler problemlos Wetten platzieren.

Sachsen-Anhalt plante Internetsperren für Sportwetten

Doch als der Bundesligist Werder Bremen kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 zu einem Freundschaftsspiel nach Magdeburg kam, mit Trikots, auf denen ein Werbelogo des Glücksspielanbieters Bwin prangte, ermittelte die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Werbung auf illegales Glücksspiel. Einheimischen Vereinen wie dem Halleschen FC wurden Sponsorverträge mit Wettanbietern verboten. Die Teilnahme an Wetten über das Netz plante Sachsen-Anhalt damals sogar mit Hilfe von speziellen Internetsperren zu unterbinden.

Sportwetten werden inzwischen überall angenommen.
Sportwetten werden inzwischen überall angenommen.
Foto: Steffen Könau

Kein Einzelfall. In Sachsen erging gegen den FC Neugersdorf eine Verfügung, seine Werbepartnerschaft mit einem österreichischen Konzern zu beenden, der eine aus DDR-Zeiten stammende Lizenz nutzte, um vermeintlich legale Wetten anzubieten. Es wurden Prozesse geführt, Bußgelder verhängt und nachdem Schleswig-Holstein im Alleingang begonnen hatte, Lizenzen an Glücksspielkonzerne zu vergeben, bekamen TV-Spots einen Warnhinweis im Kleingedruckten: Teilnehmen dürften nur Menschen, die sich gerade im nördlichsten Bundesland aufhielten.

Sportwetten: Wie ist die Lage zur Europameisterschaft in Deutschland?

Bei der eben gestarteten Europameisterschaft aber ist das alles nun hinfällig. Seit die Bundesländer sich vor drei Jahren im zweiten Anlauf auf eine Legalisierung der früheren Schmuddelbranche geeinigt haben, können Anbieter, die bestimmte Auflagen erfüllen, mit einer deutschen Lizenz Wetten anbieten. Überwacht von der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder (GGL) mit Sitz in Halle, sind aktuell 26 Firmen zugelassen − und die Branche boomt. Nach Zahlen, die das Portal Statista ermittelt hat, haben 72 Prozent aller Vereine der 1. Bundesliga einen Wettanbieter als Werbepartner.

Europaweit sind Glücksspielkonzerne nach dem Einzelhandel die zweitgrößten Sponsoren von Sportvereinen. Die Einnahmen der deutschen Spitzenvereine aus Werbung für Glücksspiel und Sportwetten stiegen in den letzten fünf Jahren von 19,6 Millionen Euro auf 26,4 Millionen Euro. Noch mehr profitierte die zweite Bundesliga, die 12,3 Millionen Euro kassierte – 71 Prozent mehr als vor fünf Jahren.

Weitere Informationen finden Sie hier: www.gluecksspiel-behoerde.de

Tipico: Der DFB spielt mit

Auch der Deutsche Fußballbund (DFB) hat sich mit dem maltesischen Konzern Tipico einen Sportwetten-Giganten an Land gezogen. Kurz vor der EM wurde der Vertrag bis 2026 verlängert. Ein lohnendes Geschäft für Vereine, den DFB und die Wettkonzerne. Wurden 2014 in Deutschland nach Angaben des Sportwettenverbands noch 4,52 Milliarden Euro mit Tipps auf Spielausgänge und Meistertitel umgesetzt, waren es 2022 schon 8,2 Milliarden Euro − ein Wachstum von 80 Prozent.

Rund um das laufende Großturnier steigt das Interesse noch einmal. Tippspiele im Freundes- oder Kollegenkreis sind ohnehin gefragt. Doch der eine oder andere Euro wird auch für eine Geldwette gewagt. Und das diesmal legal.