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Anwerbekampagne in Asien Sachsen-Anhalt ruft nach vietnamesischen Arbeitskräften

Um ausreichend Auszubildende für die Unternehmen zu bekommen, setzt Wirtschaftsminister Sven Schulze (CDU) auf Zuwanderung. Eine Hürde dabei: die Vergabe von Visa.

Von Hagen Eichler und Steffen Höhne 14.06.2024, 18:00
Wirtschaftsminister Sven Schulze (CDU) wirbt für eine freundliche Aufnahme der Neuen.
Wirtschaftsminister Sven Schulze (CDU) wirbt für eine freundliche Aufnahme der Neuen. (Foto: Carsten Koall/dpa)

Magdeburg/Halle/MZ - Mit einer großangelegten Kampagne will die Landesregierung Schulabgänger aus Vietnam nach Sachsen-Anhalt holen, um so dem Arbeitskräftemangel zu begegnen. Angesichts bevorstehender Großansiedlungen reiche die Zahl der einheimischen Jugendlichen nicht aus, sagte Wirtschaftsminister Sven Schulze (CDU). „Wir sind nicht in der Lage, das aus uns selbst heraus hinzubekommen. Es reicht nicht.“ Auf dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalt liegt die Zahl der Geburten seit den 1970er Jahren unter jener der Sterbefälle. Im vergangenen Jahr gab es mit 13.550 Geburten ein Allzeittief.

Mit Ansiedlungen wie Intel in Magdeburg oder UPM in Leuna (Saalekreis) habe das Land eine historische Chance zum Aufstieg, sagte Schulze. Sowohl Großunternehmen als auch Mittelständler bräuchten aber ausreichend Arbeitskräfte. „Dieses Land muss deshalb etwas Neues auf den Weg bringen und Gas geben“, sagte Schulze. Auch in Indien und den USA wolle man aktiv werden.

Wir wollen unsere Betriebe animieren, Azubis von dort einzustellen.

Thomas Keindorf, Handwerkskammer Halle

Die Anwerbung aus Vietnam soll unter anderem über die Industrie- und Handelskammern, die Handwerkskammern sowie den Hotel- und Gaststättenverband laufen. In Vietnam gebe es jährlich eine Million Schulabgänger „mit relativ gutem Bildungsniveau“, sagte Thomas Keindorf, Chef der Handwerkskammer Halle. „Wir wollen unsere Betriebe animieren, Azubis von dort einzustellen.“

Das Land unterstützt die Initiative mit jährlich einer Million Euro. Den Auftrag für eine Werbekampagne erhält die Agentur Scholz & Friends. Deren Vertreter Stefan Wegner sagte, Ziel sei eine „Sogwirkung“ nach Sachsen-Anhalt. Es gehe um das Erzählen positiver Geschichten von Vietnamesen, die sich hier bereits ein Leben aufgebaut hätten.

Suche im Ausland - doch 85.000 Menschen sind arbeitslos gemeldet

Eine Zahl, wie viele Auszubildende angeworben werden sollen, nannte Schulze nicht. „Ich habe keine Vorgabe gemacht“, sagte er. Der Erfolg sei auch davon abhängig, wie schnell das deutsche Konsulat Visa ausstelle. Dauere das zu lang, bestehe die Gefahr, dass sich Ausbildungswillige für andere Länder entschieden.

Der CDU-Politiker betonte, das Anwerben von Ausländern sei nur ein Baustein: „Natürlich haben wir auch eine gewisse Reserve im Land.“ Aktuell gibt es in Sachsen-Anhalt 85.000 arbeitslos gemeldete Frauen und Männer. Zur Frage, warum dennoch Stellen unbesetzt bleiben, hatte die Arbeitsagentur jüngst auf fehlende Qualifikationen verwiesen. „Rund 45 Prozent der Arbeitslosen hatten im März 2024 keinen verwertbaren Berufsabschluss“, sagte Markus Behrens, Chef der Landesarbeitsagentur.

Dringend gesucht werden Kraftfahrer und Elektroniker

Wie groß die Fachkräftelücke ist, ermittelt das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln regelmäßig. Demnach stehen in Sachsen-Anhalt 30.456 qualifizierten Arbeitslosen 35.335 offene Stellen für Fachkräfte gegenüber. Das entspricht rein rechnerisch einer Fachkräftelücke von knapp 4.900 Arbeitnehmern. Viele offene Stellen ließen sich laut IW-Forscher Dirk Werner nicht besetzen, da qualifiziertes Personal fehle. Das IW zählt nicht nur die freien Stellen, die bei der Arbeitsagentur gemeldet sind, sondern auch Angebote in privaten Jobbörsen. Besonders groß sind die Engpässe bei Elektronikern, Berufskraftfahrern und Mechatronikern.

Bei der Aufnahme ausländischer Auszubildender hofft Wirtschaftsminister Schulze auf ein offenes Klima. „Es ist sehr wichtig, zu zeigen, dass sie hier willkommen sind“, sagte er. Migrantenorganisationen beklagen regelmäßig eine feindselige Stimmung gegen Zugewanderte. Viele Menschen ausländischer Herkunft verließen Sachsen-Anhalt schon nach kurzer Zeit, sagte jüngst Mamad Mohamad vom Landesnetzwerk Migrantenorganisationen.