Privat-Konzerte

Neonazi spielen Privat-Konzerte: Rechtsrock beim Nachbarn

Magdeburg - Immer mehr Nazi-Konzerte bei Privatleuten - Polizei meist machtlos

Von Alexander Schierholz
Tonträger mit rechtsextremen Liedgut liegen  im Landeskriminalamt Sachsen (LKA) in Dresden (Sachsen) auf einem Tisch. (Symbolfoto) dpa-Zentralbild

Irgendwann hatten sie in Nienhagen die Nase voll. Über Jahre hatten die 380 Einwohner des Dorfen im Vorharz Neonazi-Konzerte mit bis zu 1.800 Besuchern mitten im Ort erdulden müssen. Der Organisator: ein Nachbar.

Schließlich sammelten die Bürger Unterschriften und erzwangen so, dass die für die Auftritte rechtsextremer Bands genutzte Lagerhalle nicht mehr an die Rechtsrocker vermietet wird. 2012 war das.

Zwei Konzerte fanden danach doch noch statt, das letzte im Juni 2014. „Seitdem herrscht bei uns Ruhe“, sagt Hans-Christian Anders, Sprecher des Bündnisses „Nienhagen rechtsrockfrei“.

Rechtsrock in Sachsen-Anhalt: Extremistische Musik bei Privatkonzerten

Für den Rest Sachsen-Anhalts lässt sich das nicht sagen. Im Gegenteil: Die Zahl der Rechtsrock-Konzerte hat im vergangenen Jahr einen neuen Höchststand erreicht. Die Behörden zählten 31 Konzerte, Liederabende oder sonstige Veranstaltungen, auf denen rechtsextreme Musiker auftraten - in Sotterhausen bei Sangerhausen, Magdeburg oder Dessau. Das ist ein Anstieg um die Hälfte, im Jahr davor waren es 21.

Das geht aus der Antwort des Innenministeriums auf eine kleine Anfrage der Linken-Landtagsabgeordneten Henriette Quade hervor. Die Arbeitsstelle Rechtsextremismus des Vereins „Miteinander“ zählte sogar noch mehr Konzerte - 37, gegenüber 27 im Vorjahr. Der Verein ordnet Bands als rechtsextrem ein, die die Behörden noch in einer Grauzone verorten und deshalb in der Statistik nicht berücksichtigen.

Abseits der Zählweise zeigen die Daten: Die rechte Szene erstarkt. Das lässt sich auch ablesen an der gestiegenen Zahl der rechtsextremen Gewaltstraftaten. Die mobile Opferberatung zählte im vergangenen Jahr 265 derartige Delikte - der höchste Stand seit dem Beginn der Statistik 2003 (die MZ berichtete).

Henriette Quade sieht da einen Zusammenhang. Musik habe nicht nur eine identitätsstiftende Wirkung und trage zum Zusammenhalt in der rechtsextremen Szene bei. „Auf den Konzerten wird auch Gewalt verharmlost und zu Gewalt aufgerufen“. Die gestiegenen Zahlen zeigten, wie vital und aktiv die Szene sei.

Starker Trend zu rechtsextremistischen Konzerten in privaten Räumen

Beizukommen ist den Rechtsrockern oft nur schwer. „Der Trend geht stark zu Konzerten in privaten Räumen“, sagt Torsten Hahnel von der Arbeitsstelle Rechtsextremismus in Halle. Das sei ein Problem, weil die Polizei auf solche Veranstaltungen wenig Einfluss habe.

Die Beamten müssten vor der Tür bleiben, hinter der in Liedtexten NS- und Hasspropaganda verbreitet würden. Bei öffentlichen Veranstaltungen versuchten die Organisatoren dagegen den Anschein zu erwecken, dass alles legal sei. Sie wollten keine Verbote riskieren, um kein Geld zu verlieren.

Denn Konzerte, so sagt es die Abgeordnete Quade, seien für die Szene mittlerweile ein „Wirtschaftsfaktor. Die spielen viel Geld ein“. Und das nicht nur in Sachsen-Anhalt. Das Innenministerium zählt 13 rechte Musikgruppen und Interpreten. Sie treten nicht nur im eigenen Land und in benachbarten Bundesländern auf, sondern auch in den Niederlanden oder in Tschechien. Umgekehrt kommen internationale Bands nach Sachsen-Anhalt. „Die Szene ist in der Lage, große Events zu organisieren“, sagt Hahnel.

Rechtsrock als Wirtschaftsfaktor für Neonazi-Szene: Polizei oft machtlos

Für die Polizei stelle die Rechtsrock-Szene „eine besondere Herausforderung“ dar, sagt ein Sprecher des Innenministeriums. Im Landeskriminalamt gibt es deshalb eine „Zentrale Informationsstelle für extremistische Musik“. Dort sitzen zwei szenekundige Beamte, die zum Beispiel anhand vorab eingereichter Titellisten prüfen, ob Songs auf dem Index stehen - sofern sie rechtzeitig von einem Konzert erfahren, was nicht immer der Fall ist.

Laut Ministerium waren die Polizei-Experten im vergangenen Jahr bei elf Konzerten vor Ort im Einsatz, bei 16 weiteren prüften sie Titellisten. Ergebnis: Nur bei einem Konzert wurden indizierte Stücke festgestellt, fünf insgesamt, es wurde daraufhin abgebrochen. Die Linkspolitikerin Quade hält zwei Beamte angesichts der Gesamtzahl von Rechtsrock-Konzerten für nicht ausreichend.

Die Polizei müssen den Druck erhöhen, sagt sie: „Wir brauchen deutlich mehr gut ausgebildete Staatsschützer.“ Das Ministerium sieht für eine Aufstockung dagegen keinen Bedarf.

In Nienhagen im Vorharz haben die Bürger die Sache einfach selbst in die Hand genommen: „Es lohnt sich, Widerstand zu leisten“, sagt Hans-Christian Anders vom Bündnis gegen Rechtsrock. Schweigen werde von der rechtsextremen Musikszene dagegen als Zustimmung gewertet. „Dann bekommen die den Eindruck, sie könnten frei schalten und walten.“ Das dürfe nicht sein. (mz)