Pandemie

Kliniken warnen: Durch Impfpflicht droht gefährlicher Engpass

Wer im Gesundheitswesen nicht geimpft ist, darf ab 16. März nicht mehr arbeiten. Manche Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen sehen die Versorgung gefährdet.

Von Julius Lukas 26.01.2022, 20:00 • Aktualisiert: 26.01.2022, 21:08
Mit Vollschutz muss seit fast zwei Jahren in Krankenhäusern gearbeitet werden.
Mit Vollschutz muss seit fast zwei Jahren in Krankenhäusern gearbeitet werden. Robert Michael/dpa

Halle (Saale)/MZ - Im Gesundheitswesen bahnt sich ein Personalengpass an. Das zeigen die Antworten mehrerer Einrichtungen, die von der MZ zur ab 16. März geltenden einrichtungsbezogenen Impfpflicht befragt wurden. „Uns fehlen dann auf einen Schlag 50 Mitarbeiter“, sagte etwa Peter Michael Jehle, Chefarzt am Paul Gerhardt Stift in Wittenberg. Landesweit geht die Krankenhausgesellschaft Sachsen-Anhalt von punktuell bis zu 20 Prozent der Mitarbeiter aus, die wegen fehlender Impfung nicht mehr arbeiten dürften. „Wir bekommen da ein ernstes Versorgungsproblem“, sagte deren Vorsitzender Wolfgang Schütte. Und Chefarzt Jehle warnt im Hinblick darauf, dass ohne ausreichend Personal Kranke nicht mehr ordentlich versorgt werden können: „Dieses Gesetz gefährdet mehr Menschenleben, als es rettet.“

Bundestag und Bundesrat hatten am 10. Dezember die Impfpflicht im Gesundheitswesen beschlossen. Die Änderung im Infektionsschutzgesetz betrifft Einrichtungen, in denen besonders gefährdete Menschen betreut werden - so etwa Kliniken, Arztpraxen oder Pflegeheime. Nur wer vollständig geimpft oder genesen ist oder wen ein Attest von der Impfung befreit, darf ab 16. März dort noch arbeiten.

Folgen schon jetzt spürbar

Schon jetzt habe das drohende Beschäftigungsverbot laut Diakonie Mitteldeutschland Folgen: Dienstpläne könnten nicht geschrieben, neue Verträge für die Aufnahme in eine Pflegeeinrichtung nicht geschlossen werden, selbst Fahrdienste für Menschen mit Behinderungen und die Essensversorgung in Sozialeinrichtungen stünden zur Disposition.

Allerdings: Nicht alle Einrichtungen erwarten Personalprobleme. „Wir gehen derzeit nicht davon aus, dass Lücken entstehen“, sagte DRK-Sprecher Bernhard Sames. Und das Klinikum Bergmannstrost Halle ist zuversichtlich, die Situation durch die Nachbesetzung frei werdender Stellen sowie eine Anpassung der Dienstpläne in den Griff zu bekommen. Von bereits erfolgten Kündigungen berichtet keine Einrichtung.

Es gibt Einrichtungen, in denen die Impfquote durch eine Impfung mit Novavax noch erhöht werden kann.

Hendrik Hahndorf, Vorstandsvorsitzender der AWO Sachsen-Anhalt

Etwas Hoffnung macht der Totimpfstoff, der im Februar zugelassen werden könnte. „Es gibt Einrichtungen, in denen die Impfquote durch eine Impfung mit Novavax noch erhöht werden kann“, meinte Hendrik Hahndorf, Vorstand der AWO Sachsen-Anhalt. Ob das allerdings reicht, ist unklar. Auch deswegen fordern sowohl Krankenhausgesellschaft als auch Diakonie, die einrichtungsbezogene Impfpflicht bis zu einer Entscheidung über eine allgemeine Impfpflicht auszusetzen. „Wenn, dann müsste schon die gesamte Gesellschaft geimpft werden - und nicht nur Einzelne“, so Wolfgang Schütte.

Landräte wollen Impfpflicht durchsetzen

Am Mittwoch bekräftigten Sachsen-Anhalts Landräte, die Impfpflicht auch durchsetzen zu wollen. Neues Personal im Gesundheitswesen müsse demnach ohne Ausnahme geschützt sein. Bei vorhandenen Mitarbeitern werde „unter Berücksichtigung des jeweiligen Einzelfalls und gegebenenfalls mit Auflagen“ entschieden, so Landkreistagpräsident Michael Ziche (CDU). Dabei sei den Landkreisen besonders wichtig, dass die örtliche Versorgung trotz Pandemie gewährleistet bleibt. Von Bund und Land forderten die Landräte klare Hinweise, wie und unter welchen Voraussetzungen die Beschäftigungsverbote ausgesprochen werden dürfen - diese Hinweise fehlen nämlich bisher.

Anstatt sie zu stigmatisieren, wäre ihnen für ihren großen Einsatz zum Wohle vieler Menschen zu danken.

Christoph Stolte, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Mitteldeutschland

Christoph Stolte, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Mitteldeutschland, wies derweil darauf hin, dass Mitarbeiter verloren gehen könnten, die während der Pandemie viel geleistet haben: „Anstatt sie zu stigmatisieren, wäre ihnen für ihren großen Einsatz zum Wohle vieler Menschen zu danken.“