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Krankenhäuser unter Druck Klinik-Experte zur Lage in Sachsen-Anhalt: „Nicht überlebensfähig“

Wolfgang Schütte, Chef der Krankenhausgesellschaft, erklärt die Lage der Krankenhäuser im Land, warum der Wegfall von Abteilungen sinnvoll sein kann und wie Patienten künftig versorgt werden.

14.06.2024, 18:00
Die Kliniken im Land, hier die Uniklinik Magdeburg, stehen unter finanziellem Druck.
Die Kliniken im Land, hier die Uniklinik Magdeburg, stehen unter finanziellem Druck. Foto: Imago/Christian Schroedter

Halle/MZ. - Die Krankenhauslandschaft in Sachsen-Anhalt steht vor einem tiefgreifenden Umbau. Die Kliniken stecken in Finanznöten, zudem steht die größte Bundesreform seit Jahrzehnten bevor. Sie soll die Qualität steigern und die Einnahmen verbessern. MZ-Reporterin Lisa Garn sprach mit Wolfgang Schütte, Vorsitzender der Krankenhausgesellschaft, über die künftige Versorgung im Land.

Herr Schütte, die meisten Kliniken im Land schreiben rote Zahlen. Was machen sie falsch?Wolfgang Schütte: Einige wenige Häuser wirtschaften tatsächlich nicht gut. Aber wenn über 80 Prozent der Kliniken rote Zahlen schreiben, ist es ein Systemfehler. Wir haben immense Kostensteigerungen infolge der Inflation und höheren Energiekosten, der Bund hat diese aber bisher nicht ausreichend erstattet. Die Krankenhäuser machen also nichts falsch, sondern haben keine Chance, schwarze Zahlen zu schreiben. Das ist nicht tolerabel.

Welche Folgen wird die große Klinikreform für Sachsen-Anhalt haben? Die Folgen sind in Gänze nicht absehbar, weil noch zu viele Details nicht klar sind. Aber gut ist zunächst, dass der Plan für den revolutionären Umbau vom Tisch ist. Meine Hoffnung ist, dass es zu einer evolutionären Zentralisierung der medizinischen Versorgung kommt. Das heißt: Schritt für Schritt werden bestimmte Leistungen nicht mehr an jedem Krankenhaus angeboten, sondern an größeren Häusern zentralisiert.

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Und was wird aus den kleinen Häusern? Es wäre zu früh, über mögliche Schließungen zu sprechen. Aber ganz bestimmt werden Abteilungen reduziert und damit der Versorgungsgrad herabgestuft. Inwieweit Krankenhäuser im niedrigsten Level noch relevante Häuser sein können, ist offen. Aber aus meiner Sicht sind sie nicht immer sinnvoll überlebensfähig. Möglich, dass die eine oder andere Klinik umgewidmet werden muss – in ambulante Versorgungszentren.

Wo könnte dieses Szenario eintreten?Ich werde keine Namen nennen. Es ist davon auszugehen, dass es in eher unterversorgten Regionen keine solchen extremen Herabstufung geben wird. Weil die Länder auf Ausnahmeregelungen insistieren, um eine flächendeckende Versorgung zu erhalten. Aber wo es viele Kliniken gibt, brauchen wir zentralisierte Angebote.

. Inwieweit Krankenhäuser im niedrigsten Level noch relevante Häuser sein können, ist offen. Aber aus meiner Sicht sind sie nicht immer sinnvoll überlebensfähig.

Wolfgang Schütte, Vorsitzender Krankenhausgesellschaft Sachsen-Anhalt

Warum ist die Zentralisierung so wichtig? Für Patienten bedeutet das, dass sie 50 oder 100 Kilometer bis zur nächsten Geburtenklinik fahren müssen.Es geht um die bestmögliche Behandlung, die im Moment nicht an allen Häusern gegeben ist. Wenn die Zahl der Geburten an einer Klinik eine kritische Größe von 250 bis 500 im Jahr deutlich unterschreitet, ist diese Abteilung nicht mehr qualitativ hochwertig. Dann ist es doch besser, weiter zu einer größeren Klinik zu fahren, in der Patienten auch bei Komplikationen gut versorgt werden. Längere Strecken auch für Krebs-Behandlungen oder orthopädische Operationen sind unvermeidbar, weil Patienten dort behandelt werden, wo eine hohe Expertise besteht.

Dann müssten Patienten also froh sein, wenn Strukturen weg fallen? Zuletzt schlossen in Zeitz und Halberstadt Geburtskliniken. Im Salzlandkreis strukturiert Ameos seine Standorte um, Abteilungen fallen weg. Diese Entwicklung ist doch aber zwangsläufig. Natürlich muss man das gut begleiten, aber nur so wird Qualität erhöht. Ich verstehe die emotionale Bindung der Bürger an ihre Klinik nur zum Teil. Wir können nicht in jedem Ort ein Krankenhaus haben, dann ist die Behandlung zu schlecht. Es darf aber auch nicht nur Kliniken in Magdeburg, Halle und Dessau geben. Es braucht also einen Mittelweg. Und der bedeutet, dass in den Mittelzentren Fachrichtungen über die Innere und Chirurgie hinaus verbleiben müssen: Urologie, Neurologie, HNO, Kinderheilkunde und Geburtshilfe zum Beispiel.

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Die Landesgesundheitsminister – auch Petra Grimm-Benne (SPD) in Sachsen-Anhalt – fordern deshalb Ausnahmen für Kliniken mit weniger Fallzahlen. Was halten Sie davon? Es muss Ausnahmen geben, aber auf keinen Fall bei den Mindestmengen. Sonst lässt sich die Qualität nicht steigern. Abweichungen müssen bei den Strukturvorgaben möglich sein, um eine flächendeckende Versorgung wichtiger Bereiche zu sichern. Für eine Neurologie zum Beispiel müssen laut Gesetz mehrere Fachbereiche wie Innere Medizin angegliedert sein. Aber man könnte ja sagen, dass für eine fehlende Fachrichtung mit einer anderen Klinik kooperiert wird.

Die Not der Kliniken ist nicht neu. Hat die Landesregierung versäumt, Abhilfe zu schaffen? Zunächst ist der Bund gefordert, Finanzhilfen frei zu machen. Aber auch das Land muss endlich seiner Verpflichtung nachkommen: Seit Jahren steht nicht ausreichend Geld für Investitionen zur Verfügung. Der Investitionsstau liegt bei über einer Milliarde Euro.

Dazu wäre doch zunächst ein neuer Krankenhausplan nötig. Bisher ist nicht klar, wo welche Standorte mit welchen Leistungen gebraucht werden. Im Moment ist die Akutsituation aber so schlimm, dass sofort investiert werden muss. Sonst erleben wir Insolvenzen. Es fallen dann Häuser weg, die für die Versorgung in zwei oder drei Jahren nicht mehr da sind – obwohl sie gebraucht werden. Ich befürworte auch die geplante Investition in die Uniklinik Magdeburg. Über die Höhe von über einer Milliarde Euro müsste sicher diskutiert werden. Aber die Standorte der Unikliniken zu stärken, ist richtig.

Einige Bundesländer erneuern mit Blick auf die große Reform ihre Krankenhausgesetze, um die Versorgung neu planen zu können. In Sachsen-Anhalt wird abgewartet. Ist die Angst vor schmerzhaften Einschnitten zu groß?Man muss abwarten, welche Änderungen noch in die Reform einfließen. Aber es ist ganz klar nötig, das Krankenhausgesetz Sachsen-Anhalts zu überarbeiten. Es braucht neue Rahmenvorgaben. Das ist die Basis, um nach Leistungsgruppen oder Mindestmengen planen zu können. Es muss jetzt so überarbeitet werden, dass der Zentralisierungsprozess beginnen kann. Das Land muss handeln, um vorbereitet zu sein.