Porträt

Porträt: Sachsen-Anhalts Botschafterin steht nicht gern früh auf

Halle (Saale)/MZ. - "Dafür stehen wir früher auf" lautet die Erweiterung des Slogans "Wir stehen früher auf", mit dem auch die 28-jährige Buchbinderin und Künstlerin so ihre Probleme hatte.

Von Hendrik Kranert-Rydzy 11.01.2013, 18:43

"Dafür stehen wir früher auf" lautet die Erweiterung des Slogans "Wir stehen früher auf", mit dem auch die 28-jährige Buchbinderin und Künstlerin so ihre Probleme hatte.

Neues Gesichter, neue Leben

"Ich habe mich an den Autobahnschildern immer sehr schwer damit getan", erzählt Friederike von Hellermann - schwarzes Strickkleid, pinke Strumpfhose - beim Termin in der Magdeburger Staatskanzlei, wo am Freitag der nächste Teil der Marketingkampagne vorgestellt wurde. "Früh aufstehen? Das kann doch nicht alles sein, wofür dieses Land steht", hat sich die junge Mutter gefragt. Ihre einjährige Tochter sei im übrigen sehr einfühlsam - und lasse sie in der Regel bis acht Uhr schlafen. So gesehen ist von Hellermann die Antithese zur Frühaufsteher-Kampagne, die sich bei ihrer Gründung darauf berief, dass die Sachsen-Anhalter im Schnitt neun Minuten früher aufstehen als der Rest der Republik. "Wenn ich früher aufstehe, muss das auch einen Grund haben", konstatiert von Hellermann trocken. Und ist mit dem Gedanken nicht allein. Auch die Potsdamer Werbeagentur "Peperoni" wollte den zwar extrem bekannten, aber inzwischen etwas in die Jahre gekommenen Landesslogan aufpeppen und mit neuem Leben füllen. "Mit Gesichtern und Geschichten von hier", sagt Peperoni-Geschäftsführer Jochen Kirch. Und eines dieser Gesichter ist nun Friederike von Hellermann. Und ihre spannende persönliche Geschichte.

Geboren in Essen, verschlug es sie bereits ein Jahr später mitsamt ihrer Eltern ins englische Oxford, wo ihr Vater als Physiker für die Europäische Union arbeitete. Und 15 Jahre später zog die Familie erneut um - dieses Mal ins niederländische Maastricht. Doch bereits in England wurde der Grundstein für ihre Lust an Büchern gelegt. Nicht nur, weil von Hellermann - inspiriert durch die Lesewut ihrer Eltern - selbst gern zum Gedruckten griff. "Ich habe auch schon immer Bücher gebastelt", erzählt sie. Die Frage nach einem E-Book-Reader findet sie zwar "interessant". In der Hand gehalten hat sie solch ein ein Teil aber noch nie. "Ein Buch ist für mich als Objekt wichtig."

Mit zwölf belegt sie ihren ersten Buchbindekurs, mit 18 geht sie zurück nach London und studiert Buchkunst. Ein Praktikum verschlägt die Studentin nach Leipzig, wo sie zum ersten Mal davon hört, dass es genau dieses Studienfach auch an der Burg Giebichenstein im benachbarten Halle gibt. Von Hellermann fängt noch einmal von vorne an - und bleibt an der Saale.

In der Puschkinstraße hat sie jetzt ihre Werkstatt und ihr Atelier - hier entstehen außergewöhnliche Bücher und außergewöhnliche Kunst. Sie fährt zweigleisig - und das erfolgreich. Für Fotografen etwa entwirft und fertigt sie komplette Bücher - vom Layout über das Binden bis hin zur Umverpackung. Edle Teile sind das und immer etwas Besonderes. "Das mache ich sehr gern", erzählt von Hellermann, "doch mein Herzblut hängt an der Kunst". Das ist ihr Ding. "Mein Ding" steht daher auch auf ihrem Foto für die neue Werbekampagne. Ihre Spezialität sind Grafiken in einer sehr besonderen, von ihr weiterentwickelten Schablonentechnik.

Statt schwerer, kaum noch zu bekommender Zinkplatten schneidet von Hellermann ihre Bilder mit einer ultrascharfen Stahlklinge in ultradünnes Stahlblech. Mehrere Lagen davon übereinander fügen sich so zur Druckvorlage für ein einfarbiges und doch vielschichtiges kleines Kunstwerk. "Fizzelig", nennt von Hellermann die Arbeit selber, wenn sie millimeterfeine Strukturen aus dem Stahl schneidet - und ab und an auch in ihre Finger. Es sind dann ausgerechnet die Recherchen für zwölf grafische Beispiele, warum Menschen in Sachsen-Anhalt früher aufstehen. "Da habe ich erst einmal entdeckt, wie viele tolle Sachen wir in Sachsen-Anhalt haben." In drei Blautönen hat Friederike von Hellermann nun das Bauhaus in Dessau auf feinem Bütten ebenso verewigt, wie den Magdeburger Dom oder die Himmelsscheibe von Nebra. Die wirkt sogar ein bisschen, als lächele und zwinkere sie dem Betrachter zu.

Heimat? Schwierig.

Wer wie von Hellermann in halb Europa groß geworden ist, dem fällt es schwer, einen Antwort auf die Frage nach der Heimat zu finden. "Ein schwieriges Wort, ich habe eigentlich nirgendwo Heimatgefühle. Aber in Halle, in Halle fühle ich mich inzwischen zu Hause."

Friederike von Hellermann ist damit so etwas wie das idealtypische Bild des neuen Sachsen-Anhalters. Auf der ganzen Welt zu Hause, in und mit Europa groß geworden und hierzulande erfolgreich. Wenn es Friederike von Hellermann nicht schon geben würde, man hätte sie für die Marketingkampagne erfinden müssen.