Ausschreitungen bei linker Demo

Ausschreitungen bei linker Demo: Eine Schlacht mitten in Leipzig

Leipzig - Beißender Qualm liegt in der Luft, dazu der stechende Geruch von Tränengas. Straßenbahnhaltestellen sind im Dutzend zerstört, schwere Pflastersteine auf einer Kreuzung der Karl-Liebknecht-Straße im Leipziger Süden zeugen von der Schlacht, die hier gerade noch zwischen Polizeieinheiten auch aus Sachsen-Anhalt und linksextremen Demonstranten getobt ...

Von Steffen Könau

Beißender Qualm liegt in der Luft, dazu der stechende Geruch von Tränengas. Straßenbahnhaltestellen sind im Dutzend zerstört, schwere Pflastersteine auf einer Kreuzung der Karl-Liebknecht-Straße im Leipziger Süden zeugen von der Schlacht, die hier gerade noch zwischen Polizeieinheiten auch aus Sachsen-Anhalt und linksextremen Demonstranten getobt hat.

Eine Schlacht, in der die Staatsmacht den Prügelknaben mimt. Mit mehreren Polizeiwagen sperren die Einsatzkräfte eine Seitenstraße ab. Ein mit Straßenschildern, Steinen und Böllern bewaffneter Mob stürmt daraufhin gegen die aufmarschierten Beamten los. Es hagelt Steine auf die Polizeifahrzeuge, Polizisten werfen sich hinter den Autos in Deckung. Die Einsatzleitung lässt nun einen Wasserwerfer auffahren. Als der vorn ankommt, sind die Angreifer längst verschwunden. Der Wasserstrahl trifft einen leeren Platz.

Typische Bilder an diesem Samstagnachmittag in Leipzig, an dem es der Polizei nie gelingt, die linksautonomen Gewalttäter in der Masse der friedlichen Demonstranten auszumachen. Die hat sich eigentlich versammelt, um gegen eine Demonstration von Rechtsextremen zu protestieren. Der linksalternative Leipziger Süden empfindet es als Provokation, Ausländerfeinde von NPD, Die Rechte und der aus Halle angereisten Brigade Halle durch seine Straßen marschieren zu sehen. Schon im Vorfeld riefen linke Gruppen dazu auf, Nazis zu „jagen“, Rechte „zu Boden“ zu bringen und notfalls mit Gewalt dafür zu sorgen, dass „Leipzig rot bleibt“, wie es auf einem Plakat heißt. Mit einem Überfall auf einen lokalen NPD-Funktionär, der in seinem Handy-Laden zusammengeschlagen wurde, steckten die in Leipzig traditionell gut organisierten Linksextremen die Handlungsrahmen ab: „Aktionen sprechen lauter als Worte“, hieß es in einem Bekennerschreiben, nötig sei „handfester, konsequenter Antifaschismus“.

Der zeigt sich an diesem milden Dezembernachmittag allerdings vor allem dort, wo von marschierenden Rechtsextremen nichts zu sehen ist. Die Polizei hat die geplante Demo-Route der rund 150 angereisten Anhänger der Partei Die Rechte mit Einsatzkordons und Wasserwerfern abgeschirmt. Es ist kein Durchkommen auf die andere Seite, wo ein Trupp schwarzgekleideter Männer hinter dem früheren Kühnen-Gefolgsmann Christian Worch unter schwarz-rot-weißen Fahnen gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung protestiert.

Die Wut der zu einem Teil vermummten linken Demonstranten, unter denen nicht wenige mit Skibrillen und Helmen bekunden, was sie hier erwarten, richtet sich so gegen die etwa 1 000 Polizeibeamten, die zur Sicherung der beiden Demonstrationen aufgeboten sind. Ein Polizeisprecher nennt später eine Zahl von rund 1.000 gewaltbereiten Linksautonomen, die aber – schwarzgekleidet wie fast alle Anwesenden – sind nur an ihren Hasskappen als potentielle Gewalttäter zu erkennen. Greifen sie an, sind die Gesichter verhüllt. Rückt die Polizei vor, verwandeln sie sich mit einem Griff in ganz normale Demonstrationsteilnehmer.

Wie die Zustände in Leipzig genau waren, lesen Sie auf Seite 2.

Nicht zu fassen. Dem Aufeinandertreffen der beiden Seiten folgt eine Eskalation wie aus dem Bilderbuch: erst fliegen Böller, dann fliegen Steine, es bricht Glas, es klirren Schaufenster und große Müllcontainer werden angezündet. Dann rückt die Polizei wieder vor, flankiert von Wasserwerfern, die nach zwei Warnungen auch eingesetzt werden. Sie beregnen den Asphalt, den die Steinewerfer längst verlassen haben.

Warum hier demonstriert wird, ist nach drei, vier Stunden auf der Straße kaum noch herauszufinden. Ebenso wenig weiß irgendjemand Genaues darüber, ob und wo die rechten marschieren oder warum die Polizei die Kreuzung Kurt-Eisner-Straße/Karl-Liebknecht-Straße auf einmal räumen will. „Wo ward ihr in Heidenau“, schallt es den Beamten entgegen. Böller fliegen, eine Flasche auch. Drei Demonstranten zeigen den Wasserwerfern ihren nackten Hintern. Schaulustige fotografieren. Eine Frau ruft durch eine Megaphon schrille Parolen gegen „die Amerikaner da über uns“, und zeigt zu dem seit Stunden kreisenden Hubschrauber. Eine sichtlich angetrunkene Kleingruppe der Satirepartei Die Partei skandiert mit großem Erfolg die Parole „Bier trinkt das Volk“.

Eine Stimmung wie zu Karneval, nur bedrohlicher. Ein paar Meter entfernt gibt es Verletzte, Krankenwagen fahren vor. Von vermummten Linksextremen werden jetzt auch Presse-Fotografen bedroht und aufgefordert, ihre Kameras wegzustecken oder gleich abzugeben. Die Polizei nimmt mehrere Personen fest, darunter auch den Jenaer Jugendpfarrer Lothar König, dem Landfriedensbruch vorgeworfen wird. König, der wegen desselben Vorwurfs bereits einmal vor Gericht stand, habe sich an einer Blockade beteiligt, bestätigt ein Polizeisprecher. König selbst gibt später an, mit seinem Lautsprecherwagen bemüht gewesen zu sein, für Deeskalation zu sorgen. Dann habe ihn die Polizei angehalten und er habe einen Faustschlag ins Gesicht bekommen, als er einen Beamten daran hindern wollte, ihm den Autoschlüssel wegzunehmen. Der Lautsprecherwagen der Jungen Gemeinde wird später durchsucht, die Personalien der Mitfahrer werden festgestellt Am Abend ist König wieder auf freien Fuß.

"Sind die Verkehrsbetriebe etwa ein Nazi-Unternehmen?"

Nur wenige Meter weiter aber geht das normale Leben weiter. Eltern mit Kindern tanzen bei einem kleinen Weihnachtsmarkt an der "Feinkost", in den wenigen Kneipen der beliebten Kneipenmeile, die geöffnet sind, sitzen Gäste. Auch die Menschen auf der Straße sind nicht durchweg Gegendemonstranten, viele sind einfach neugierig, nach ein paar Minuten aber auch entsetzt. "Sind die Verkehrsbetriebe etwa ein Nazi-Unternehmen?", fragt ein Mann, der zu Besuch in Leipzig ist und zufällig in die Auseinandersetzungen geriet.

Bis zum Abend brannten immer wieder neue Barrikaden, zerstört wurden auch zahlreiche Fahrräder, die vor Hauseingängen standen. Die Nacht bleibt dann relativ ruhig. Die Polizei meldet am Ende 69 verletzte Beamte und 50 beschädigte Polizeifahrzeuge. 23 Demonstranten wurden in Gewahrsam genommen. Die autonome Linke feiert sich im Internet für die Verhinderung des Nazi-Marsches, Leipzig sei damit nun „Randalemeister“ der „autonomen 1. Liga“, beglückwünschen selbsternannte „Genossen“ aus Hamburg die Sachsen.

Leipzigs OB Burkhard Jung dagegen findet drastische Worte für das Geschehen: "Diese Gewalt von Anarchisten und sogenannten Autonomen ist schockierend", erklärt er, "hier waren Kriminelle am Werk, die vor nichts zurückschrecken." "Extreme Gewalttäter" hätten sich "das Deckmäntelchen des Antifaschismus übergeworfen, um den Staat anzugreifen", kritisierte Jung. Damit würden sie "den so wichtigen, friedlichen Protest gegen Neonazis" diskreditieren und letztlich verhindern. "Das ist offener Straßenterror." (mz)