Vor 100 Jahren im Landkreis Wittenberg

Vor 100 Jahren im Landkreis Wittenberg: Tödliches Ehedrama und Bankdiebe

Wittenberg - In Wittenberg hat ein Stadtrat die Geliebte, deren Tochter und sich selbst getötet. In Pretzsch sind Diebe erfolgreich. Auch sonst war im Februar 1921 viel los im Kreis.

Von Karina Blüthgen
Das Kurhaus in Bad Schmiedeberg hatte vor 100 Jahren einen neuen Pächter bekommen.

Im Februar 1921 beschäftigte ein Ehedrama die Menschen in Wittenberg. In der Nacht zum 21. Februar tötete sich im Bahnhofshotel ein früherer Stadtrat durch eigene Hand. Er tötete auch die Frau, mit der er ein Verhältnis hatte, und deren achtjährige Tochter.

Beide Zeitungen berichteten am 23. Februar ausführlich über die grauenhafte Tat. Danach hatte es im Laufe des Tages einen „Skandal“ nahe der Wohnung in der Scharrenstraße mit dem Bruder der Toten gegeben.

Demnach nahm er seine Geliebte und deren Tochter mit zu seiner Wohnung, worauf es dort auch zu einer Auseinandersetzung mit seiner Ehefrau kam. Danach zog das Liebespaar in das Hotel, wo für die Geliebte und deren Tochter ein Zimmer reserviert war. Was sich dort abgespielt hat, ist in den Tageszeitungen jener Tage nachzulesen.

Ins Licht der Öffentlichkeit gelangten jedenfalls nicht nur die Bluttat, sondern auch Vorwürfe über allerhand Machenschaften des Mannes, der im hiesigen Arbeiter- und Soldatenrat war, nach der Revolution in die Stadtverordnetenversammlung und später als Stadtrat gewählt wurde.

Vorwurf der Unterschlagung

Die Rede war von allerlei unsauberen Geschäften, etwa von Unterschlagungen angeblich in Höhe von 50.000 Mark, als er Leiter der Ortskohlenstelle wurde.

„Die Revisionen sind noch nicht abgeschlossen. Seine wahre Tätigkeit bestand in Kohlen- und Wohnungsschiebungen und Erpressungen gegenüber Kriegsgewinnlern mit nicht ganz weißer Weste“, schrieb das Wittenberger Tageblatt für seine Ausgabe vom 25. Februar. Alle drei Opfer wurden am 24.Februar beigesetzt, es gab keinerlei Todesanzeigen.

ln der Stadtverordnetenversammlung Mitte des Monats wurde mit der „Fremdensteuer ein Thema kontrovers diskutiert, das in der Gegenwart erneut aktuell ist. Im Tageblatt hieß es am 17.  Februar darüber: „Zunächst brachte der Magistrat eine Vorlage über die Einführung einer Steuer für das Uebernachten in Gasthöfen und Hotels, die im Gegensatz zu anderen Städten nicht so sehr erheblich ist.

Der Leidtragende ist in diesem Falle auch der Konsument, also der Reisende, der nicht immer im Ueberfluß reist.“ Die Bürgerlichen stimmten trotz starker Bedenken der zehnprozentigen Steuer zu, die Linken waren dagegen.

Die Wittenberger Allgemeine Zeitung brachte am l. Februar einen Nachruf auf den drei Tage zuvor gestorbenen Hermann Gröting, Gründer es gleichnamigen Bankhauses in der Stadt. „Eine alteingesessene Wittenberger Familie, deren Namen sich bereits im 15. Jahrhundert in der städtischen Geschichte nachweisen läßt, verliert damit ihren Senior“, so die Zeitung über den 84-Jährigen. Von Beruf war er Kunstdrechsler, später Meerschaumschneider. 35 Jahre gehörte er der Stadtverordnetenversammlung an, davon mehr als 27 Jahre als deren Vorsteher.

In Bad Schmiedeberg trafen sich Magistrat und Stadtverordnete zur gemeinsamen Sitzung, um über den Ausbau des Elektrizitätswerkes zu beraten, so die Allgemeine am 4. Februar.

„Da der Anschluß an ein Ueberlandwerk als abgetan angesehen werden kann, ein weiteres Fortarbeiten in der jetzigen Form aber unnötige große Aufwendungen verursacht, bleibt nur übrig, durch Beschaffung neuer leistungsfähigerer Maschinen und Umformung des ganzen Betriebes das Werk rentabler zu gestalten.“ Nach vier Stunden Beratung entschloss man sich, eine Kommission zu bilden.

Am 25. Februar schrieb das Tageblatt über den neuen Pächter des Kurhauses in Bad Schmiedeberg. Ein Herr Wolfensteller habe die Pacht für sechs Jahre übernommen. „Der neue Pächter hat gleichzeitig auch das Kurtheater gegen eine stadtseitige Entschädigung von 800 M. jährlich übernommen und verpflichtet sich, wöchentlich zwei mit guten Kräften besetzte Vorstellungen zu veranstalten.“

Strom im Wörlitzer Winkel

Unter der Ortsmarke Oranienbaum kündigte die Allgemeine am 9. Februar an: „In allernächster Zeit dürfte die Elektrifizierung des gesamten Wörlitzer Winkels durch die Ueberlandzentrale zur Tatsache werden. Damit wird ein langgehegter Wunsch der Landwirtschaft in diesem fruchtbaren Teile Anhalts erfüllt werden.“

„Beim Herausholen von vom Hochwasser angeschwemmten Holzstücken stürzte in der Nähe des Strandschlößchens der Arbeiter Max Sommer aus Coswig, Alexiusstraße, in die Elbe und ertrank“, vermeldete das Tageblatt am 9. Februar aus Coswig. Und berichtete zudem: „In der Strafanstalt Coswig befinden sich zur Zeit über 300 Gefangene. Einen starken Prozentsatz stellen die Jugendlichen - ein trauriges Zeichen unserer Zeit.

In und um Bergwitz trieben Einbrecher ihr Unwesen, darüber berichtete das Tageblatt am 6. Februar. Drei Nächte zuvor „wurde bei dem Förster Bantzhaff in Selbitz eingebrochen“. Obwohl die Wohnungsinhaber anwesend waren, stiegen die Diebe durch ein Kellerfenster ein und „haben eingeweckte Lebensmittel, ein Paar Langstiefel und Kleidungsstücke mitgehen heißen“. In der folgenden Nacht „wurde in Bergwitz bei dem Arbeiter Schapitz eingebrochen“, auch hier wurden Lebensmittel gestohlen. In der Nacht zuvor war die Wohnung der Familie August Krüger das Ziel.

Diebe sprengen Geldschrank

In Pretzsch hatten die Spitzbuben sogar die Stadtsparkasse als Ziel gewählt. „Die Einbrecher sind vom Jugendheim aus in das Kassenlokal eingedrungen und haben dann den großen Geldschrank aufgesprengt. An Bargeld sind den Verbrechern zirka 15.000 M. in die Hände gefallen, außerdem noch erhebliche Werte an Wertpapieren und Hypothekenbriefen“, schrieb das Tageblatt am 8. Februar über den Einbruch zwei Tage zuvor.

Gräfenhainichen folge dem Beispiel anderer Städte und „gibt Kleingeldscheine zu 50 Pfennig, 25 Pfennig und 10 Pfennig aus, vermeldete die Allgemeine am 25. Februar. „Die Geldscheine enthalten auf ihrer Rückseite in glücklicher Wahl und hochkünstlerischer Ausführung Erinnerungen an das Geburtskind der Stadt Paul Gerhardt, verbunden mit Zeichen und Aufnahmen Gräfenhainichens aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges, während dem die Stadt bis auf kleine Ueberreste zerstört wurde.“ (mz)