Kulturstiftung Dessau-Wörlitz

Kulturstiftung Dessau-Wörlitz: Blick vom Bett ins Grün

Wörlitz - Der frische Frühlingswind pfeift um das Haus auf dem Hügel. Drinnen lodert ein Feuer im Kamin, ist das Bücherregal gut gefüllt, steht der Espressokocher in der Küche bereit. Da möchte man gleich einchecken, sich ans Fenster setzen und dem Gartenreich beim Grünen ...

Von Ilka Hillger 29.03.2016, 15:52

Der frische Frühlingswind pfeift um das Haus auf dem Hügel. Drinnen lodert ein Feuer im Kamin, ist das Bücherregal gut gefüllt, steht der Espressokocher in der Küche bereit. Da möchte man gleich einchecken, sich ans Fenster setzen und dem Gartenreich beim Grünen zuschauen.

Das Piemonteser Bauernhaus ist bereit für eine solche Auszeit. Nach etwas mehr als einjähriger Bauzeit ist aus dem Gartenhaus am Rande des Wörlitzer Parks ein Schmuckstück geworden. Am Dienstag stellte die Kulturstiftung Dessau-Wörlitz der Öffentlichkeit dieses Sanierungsprojekt vor und gab damit den Startschuss für die Nutzung als Ferienhaus, betrieben vom Wörlitzer Ringhotel „Zum Stein“.

„Die Ostpartie des Parks wird nicht so häufig begangen. Das Piemonteser Bauernhaus macht sie nun attraktiver“, sagte Stiftungsdirektor Thomas Weiß anlässlich der ersten Begehung, die für jene gedacht war, die die Sanierung finanziell unterstützten. Mit einer Summe von 250 000 Euro ist das vor allem die Christa Verhein Stiftung. „Es ist etwas unbeschreiblich Schönes entstanden“, sagte Jens-Peter Schaefer, Vorstand der Stiftung.

Die Christa Verhein Stiftung sitzt in Kelkheim (Taunus) und hat sich im Sinne der viele Jahre in Dessau lebenden und 2013 in Kromberg verstorbenen Stifterin der Förderung von Kultur, Bildung und Forschung verschrieben. Christa Verhein, geboren 1938 in Leipzig, wuchs in Dessau auf, machte dort Abitur, arbeitete in einer Maschinenfabrik und zog 1960 über Berlin nach Hamburg. Dort nahm sie eine Stelle in der Zentrale des Warenhauses Hertie an und wurde kurze Zeit nach ihrem Firmeneintritt Sekretärin und bald Chefassistentin des Hertie-Chefs Georg Karg. Bis zu dessen Tod 1972 wurde sie seine engste Vertraute, wie eine Tochter in die Familie aufgenommen und im Testament von Karg bedacht.

Von 1980 bis 1988 studierte Christa Verhein Archäologie und Kunstgeschichte. Bis zu ihrem Tod war sie regelmäßiger Gast im Gartenreich und im Hotel „Zum Stein“. Ein Hinweisschild neben dem Eingang zum Piemonteser Bauernhaus erinnert die zukünftigen Nutzer an die Spende der Verhein Stiftung und die Unterstützung durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz. Stiftungsvorstand Jens-Peter Schaefer engagiert sich zudem mit einer Spende von 20 000 Euro bei der Sanierung des Raumes der Sonne im Eichenkranz. (mz/ihi)

Schon früh hatte er als Nachlassverwalter der Stifterin Christa Verhein Kontakt zur Kulturstiftung aufgenommen. An die Stiftung übergab er zunächst zwei Gemälde aus dem Besitz der ehemaligen Dessauerin und war alsbald auf der Suche nach einem größeren Projekt, das mit Stiftungserträgen unterstützt werden sollte. Gefunden war es schnell im Piemonteser Bauernhaus. Dessen geschätzte Sanierungskosten deckten sich ziemlich genau mit der in Aussicht gestellten Spende der Verhein-Stiftung.

Ein Glück für das Piemonteser Bauernhaus – im Volksmund auch Italienisches Bauernhaus genannt -, denn das lag viele Jahre wenig beachtet am Parkrand und diente bis 2010 als Wohnhaus. In den Blick geriet es lediglich, wenn Konzerte auf der Wiese stattfanden. Nachdem im Herbst 2014 der Vertrag zwischen Verhein-Stiftung und Kulturstiftung geschlossen wurde, begann die Sanierung im Sommer 2015. „Durch die Wohnnutzung über viele Jahrzehnte gab es wenig historische Befunde im Haus“, so Robert Hartmann, Referatsleiter Bauforschung in der Kulturstiftung. Das schränkte die Arbeiten weniger ein, als bei anderen Vorhaben; der Denkmalschutz spielte jedoch eine gewichtige Rolle, denn auch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) trug zur Sanierung bei und gab eine zweckgebundene Spende für den Kamineinbau.

Vorm lodernden Feuer sind zwei umstellbare Fender als Sitzmöglichkeit ein Höhepunkt, angefertigt wurden sie in Anlehnung an das bauzeitliche Treppengeländer. Überhaupt ging man behutsam mit dem noch Vorhandenen um, arbeitete Fenster und Türen auf. Der Komfort heutiger Tage fügt sich geschickt ein, ob nun in Küche und Bad oder vor der Tür. Denn dort soll aus Eichenholz noch ein Pavillon aufgestellt werden, der die Autos der Gäste aufnimmt.

Rainer Mertesacker, Architekt der DSD, sah das Geld aller gut angelegt. „Hier wurde ausgezeichnete Denkmalpflege betrieben“, befand er und verwies auf insgesamt 940 000 Euro, die seine Stiftung über die Jahre an das Gartenreich gab. „Landschaft umarmt hier Architektur wie sonst nirgendwo“, nannte Mertesacker einen guten Grund für dieses Engagement. Mit der Hoteliersfamilie Pirl habe man zudem einen verlässlichen Partner bei der Betreibung des Ferienhauses gefunden, betonte Thomas Weiß. Schon seit einigen Jahren bewirtschaftet das Hotel auch das Rote Wallwachhaus als Ferienhaus.

Die bis zu vier Feriengäste erwarten im Obergeschoss zwei Schlafräume mit dunklen Eichenholzdielen und Fensterblick vom Bett aus in den Park. Eine Sicht, die es über Jahrzehnte nicht gab, denn einige der Fenster waren zugemauert. Das Erdgeschoss bietet neben dem Kaminzimmer eine Küche und ein Badezimmer mit Dusche. Eine Fotomontage im Kaminzimmer zeigt den jungen Joachim Ernst von Anhalt (1901-1947) und soll an die Verbindung des Herzogshauses Anhalt mit der Kulturstiftung erinnern, die aus der Joachim-Ernst-Stiftung hervorging. Prinz Eduard von Anhalt, Sohn von Joachim Ernst, nutzte den Rundgang für einen ersten Blick aufs Ferienhaus und zeigte sich schon enttäuscht. Jedoch nur darüber, dass sein Wunschtermin, das Wochenende des Vulkanausbruchs im August, bereits ausgebucht ist. „Aber ich finden einen neuen Termin“, war er gewiss. So wie auch Hotelier Michael Pirl bei Gelegenheit noch ein Probeschlafen im neuen Domizil für sich in Anspruch nehmen will. „Das holen wir noch nach“, sagte er, lässt aber zunächst den Feriengästen den Vortritt, um im historischen Haus zu nächtigen, das Georg Christoph Hesekiel, Baudirektor des Fürsten Franz, 1792/93 errichten ließ. Der Legende nach ließ es Großherzog August von Sachsen-Weimar als Geschenk für Fürst Franz bauen. Er wie auch Goethe kamen häufig nach Wörlitz und holten sich Anregungen für ihr eigenes Land. (mz)

Am 1. April wird zu einem Tag der offenen Tür von 15 bis 17 Uhr in das Piemonteser Bauernhaus eingeladen. Buchen kann man dieses im Netz unter www.hotel-zum-stein.de.