Pandemie

Corona im Landkreis Wittenberg: Omikron kommt und die Impfquote ist niedrig, aber die Zahl der Impfungen geht zurück

Warum etliche Impfstoffdosen entsorgt worden sind.

Von Marcel Duclaud 19.01.2022, 18:53 • Aktualisiert: 19.01.2022, 19:20
Werner Richter bekommt die Coronaschutz-Impfung im Straacher Impfzentrum.
Werner Richter bekommt die Coronaschutz-Impfung im Straacher Impfzentrum. Thomas Klitzsch

Wittenberg/MZ - Für einige Tage, sagt Michael Hable, war der Landkreis „eine Insel der Seligen“. Die Sieben-Tage-Inzidenz gehörte zu den niedrigsten in der Republik. Dass sich das schnell ändern wird, da ist sich Wittenbergs Amtsarzt sehr sicher. Die Zahlen sprechen denn auch eine deutliche Sprache. Am Mittwoch etwa sind knapp 170 Corona-Neuinfektionen hinzu gekommen.

Druck auf das System

Die Omikron-Variante ist inzwischen klar auf dem Vormarsch, bislang wurden 70 Fälle im Landkreis registriert. „Die macht uns Sorgen wegen der hohen Fallzahlen und dem Druck auf das System.“ Dass die Dunkelziffer höher sein dürfte, räumt Hable ein: „Wir überprüfen nicht jeden Fall auf Omikron.“ Dass der Landkreis in den vergangenen Tagen recht glimpflich durch die Krise kam, hat nach Meinung des Amtsarztes mit hohen Infektionszahlen in der Vergangenheit zu tun. Da habe sich eine „gewisse Immunität“ aufgebaut. Dennoch: „Die Welle kommt auch zu uns.“

Landkreis und Kliniken seien gewappnet, „soweit das möglich ist“, so Hable. Zurzeit sind die Krankenhäuser nicht überlastet. Auch wenn Omikron nicht so krank macht wie andere Varianten in der gegenwärtigen Pandemie, sie ist viel ansteckender und die Spätfolgen sind weitgehend unklar: „Da liegen noch keine belastbaren Daten vor.“

FFP2-Maske, eng anliegend

Der Amtsarzt empfiehlt dringend, Kontakte möglichst zu reduzieren, Reisen zu hinterfragen und dort, wo mehrere Menschen zusammen kommen, eine FFP2-Maske zu tragen, „eng anliegend“. Und er rät jenen, die noch nicht geimpft sind, das schleunigst nachzuholen. „Impfen“, betont Hable einmal mehr, „hilft, schwere Verläufe zu verhindern.“ Geboosterte auf Intensivstationen, fügt der Mediziner hinzu, „sind eine Rarität.“

Zurzeit freilich entwickelt sich der Impffortschritt im Landkreis Wittenberg wieder zäh. „Es tröpfelt, weil viele immer noch skeptisch sind“, bemerkt Hable. Aktuell liegt die Impfquote bei 65 Prozent, in Sachsen-Anhalt sind es 70, bundesweit 73 Prozent. Er hofft, dass die Zahlen zumindest ein bisschen steigen, wenn Novavax, ein Proteinimpfstoff, ab Anfang Februar verfügbar ist.

Dass die Zahl derer, die sich gegenwärtig gegen Corona impfen lassen, zurückgeht, bestätigt Elisabet Rahn vom Organisationsteam des Impfzentrums im Mittelfeld. „Schlangen gibt es hier seit Wochen nicht mehr, maximal früh, bevor wir aufmachen.“ Sie spricht von sehr verhaltener Nachfrage. Am Montag etwa seien es hundert Impfungen weniger gewesen als in der Woche zuvor.

„Wir hatten am Montag 150 Impfungen.“ Die Kapazität des Impfzentrums, bei dem rund 20 Leute beschäftigt sind, liege bei 600 Piksen an kurzen Tagen, bei 800 an den langen Tagen. In der vergangenen Woche seien im Schnitt pro Tag 230 Menschen immunisiert worden, in der ersten Januarwoche sind es noch 350 gewesen.

Hinzu kommen die Impfungen, die die mobilen Teams in den so genannten Pop-up-Impfzentren in den Städten des Kreises verabreichen, derzeit zwischen 50 und 125 pro Tag. Ein drittes Team besucht auf Nachfrage Unternehmen oder Pflegeheime. Im Januar sind die Termine gut gebucht, im Februar gibt es noch Kapazitäten.

Dass es bisweilen frustrierend sei für die Mitarbeiter, wenn keiner kommt, räumt Elisabeth Rahn ein: „Die Leute wollen doch arbeiten“ - und etwas tun, damit die Pandemie irgendwann endet.

Wenigstens sind die Termine für Kinder gut gebucht. Impfen lassen können sich laut Empfehlung der Experten bekanntlich inzwischen auch die Fünf- bis Elfjährigen. Die 30 Impfmöglichkeiten am vergangenen Samstag im Wittenberger Impfzentrum waren schnell vergriffen, auch für den kommenden Samstag ist nichts mehr zu haben. Der Landkreis will laut Sprecher Alexander Baumbach künftig mehr Termine anbieten. Das müsse allerdings zuvor mit den Kinderärzten besprochen werden, die dabei sein sollten, wenn die Spritzen für die Kleinen gesetzt werden.

Boostern ohne Termin

Auch bei den inzwischen empfohlenen Booster-Impfungen für 12- bis 17-Jährige besteht nach Beobachtung der Organisationsleiterin eine recht hohe Nachfrage. Im Gegensatz zu den Kinderimpfungen muss für die Jugendlichen zuvor kein Termin vereinbart werden. Sie können wie die Erwachsenen einfach vorbeischauen - im Übrigen erhalten sie auch bei den Vor-Ort-Terminen der mobilen Impfteams die Auffrischungsimpfung.

Elisabeth Rahn verweist unterdessen darauf, dass neben Impfausweis, Krankenkassenkarte und, so vorhanden, Personalausweis auch eine Einwilligung beider Eltern vorliegen muss. Bei Alleinerziehenden werde eine so genannte Negativbescheinigung verlangt. Sie wollen sichergehen, dass tatsächlich beide Erziehungsberechtigte einverstanden sind mit der bekanntermaßen nicht unumstrittenen Corona-Schutzimpfung.

Das Impfzentrum im Mittelfeld in Wittenberg ist Montag, Mittwoch und Samstag in der Zeit von 9 bis 15 Uhr geöffnet, Dienstag, Donnerstag und Freitag zwischen 11 und 20 Uhr. Die Termine der Pop-up-Impfzentren in den Städten finden sich im Netz unter www.landkreis-wittenberg.de.

Bedarf ist schwer abzuschätzen

Dass etliche Impfstoffdosen unlängst nicht mehr genutzt werden konnten, weil die Verwendungsfrist abgelaufen war, hatte der Landkreis wie berichtet jüngst eingeräumt. Es sei schwer, den genauen Bedarf abzuschätzen, begründet Elisabeth Rahn das Problem gegenüber der MZ. Nicht zuletzt deshalb, weil in den Impfzentren ohne Terminvergabe gearbeitet wird - abgesehen von den Impfungen für Kinder. Bis Oktober sei der Impfstoff tiefgekühlt in die Zentren gekommen, da konnte nach Bedarf aufgetaut werden. Inzwischen erhalten die Impfzentren die Impfstoffe von den Apotheken bereits aufgetaut, so Rahn. Die seien dann noch 30 Tage im Kühlschrank haltbar. Das ist bisweilen schwer händelbar, weil etwa im Herbst ein sehr hoher Bedarf bestand. Entsprechend viel ist bestellt worden. Anfang Januar musste Impfstoff verworfen werden: „Da weint man, weil er doch andernorts gebraucht wird.“ Die Dosen seien vor Ablauf noch niedergelassenen Praxen in der Region angeboten worden, die sie jedoch auch nicht benötigten. Bisher sei es im Impfzentrum nur einmal passiert, dass Corona-Impfstoff verworfen werden musste, versichert Elisabeth Rahn.