Nach 11 Jahren Sperrung

Wanderweg zur Rosstrappe ist wieder frei

In 18 Spitzkehren windet sich der Pfad den Hang hinauf. Am Wochenende kann er wieder genutzt werden. Mitarbeiter der Bauverwaltung Thale lobt die beteiligten Firmen.

Von Benjamin Richter
Der instand gesetzte Weg verläuft über einen mehr als 20 Tonnen schweren Felsbrocken, der den ursprünglichen Pfad unter sich begraben hatte. Eine Sprengung war hier ausgeschlossen worden. Jan Heilek aus dem Bauamt ist einer der Ersten, die den neu gestalteten Abschnitt beschreiten. Foto: Benjamin Richter

Thale - Für die Wanderfreunde aus nah und fern hat das Warten am Samstag, 1. Mai, ein Ende: Der Wanderweg an der Schurre, der bei Thale das Bodetal mit der Rosstrappe verbindet, wird nach rund elf Jahren Sperrzeit wieder freigegeben.

Der Tag, dem viele Harzer und Harz-Fans entgegengefiebert haben, wird jedoch coronabedingt ein stiller werden: Eine große Feier zur Wiedereröffnung werde es erst einmal nicht geben, sagt Jan Heilek aus der städtischen Bauverwaltung. Sie solle nachgeholt werden, wenn es wieder möglich sei, und dann solle eine Tafel für die Firma Horenburg Garten- und Landschaftsbau aus Ditfurt an dem Pfad angebracht werden.

„Denn die hat hier wirklich Unglaubliches geleistet“, bemerkt Heilek bei einer ersten Probewanderung mit der MZ auf dem frisch instand gesetzten Weg ein ums andere Mal, deutet dabei auf neu errichtete Trockenmauern zu beiden Seiten des Pfads - und auf die mühsam unter Geröll freigelegte Pflasterung, mit der ungefähr die Hälfte des Pfads bereits im Jahr 1864 veredelt wurde.

„Die Firma Horenburg hat hier wirklich Unglaubliches geleistet.“

Jan Heilek, Bauverwaltung der Stadt Thale

An vielen Stellen zeigen nur noch dezente blaue Spray-Markierungen an, wo die Mitarbeiter der Firmen Horenburg und Jähnig Felssicherung überall angepackt haben. Nach dem Steinschlag im Frühjahr 2010, in dessen Folge die Schurre gesperrt wurde, hätten Frost, starker Regen und auch der verheerende Brand an der Rosstrappe im vergangenen Juni dem Pfad weiter zugesetzt, schildert Heilek.

Viele Meter Trockenmauer seien eingefallen gewesen und hätten aus losen Steinen neu aufgestapelt werden müssen. „Dabei musste jeder Stein einzeln angefasst werden“, betont der Bauamtsvertreter, denn daran, auf diesem Terrain mit schwerem Gerät oder gar einem Bagger zu arbeiten, sei nicht zu denken gewesen.

Ein Muck-Truck, eine Motorschubkarre, sei bereits das höchste der Gefühle gewesen. Dass es den Betrieben gelungen ist, den kompletten Weg in vier Monaten wieder herzurichten, scheint Heilek selbst kaum begreifen zu können.

In 18 Spitzkehren windet sich der Pfad von der Bode zur Rosstrappe mit dem Winzenburgturm hinauf. Den Zustand des Wanderwegs hielt Geologe Jörn Engelhardt am Dienstag mit einer Drohne fest.
Foto: Büro Dr. Köhler Geoplan

Doch Ende Februar - gerade noch rechtzeitig vor Beginn der gesetzlichen Vogelschutzperiode, während der die Arbeiten nicht mehr hätten fortgesetzt werden dürfen - sei die Schurre fertiggestellt worden, und man habe sich den ausstehenden Reparaturen des Wanderwegs in Richtung Treseburg zuwenden können.

Diesen hatten, wie auch den Schurre-Weg selbst, zuvor einige der steinernen Geschosse getroffen, die vom Felshang abzustürzen drohten und die die Bergsicherer deshalb ins Rollen gebracht hatten, solange keine Gefahr eines Personenschadens bestand. „Wir haben mit der Beräumung nur vorweggenommen, was später ohnehin passiert wäre“, erklärt Jan Heilek, warum er in der Aktion keinen übermäßigen Eingriff in die Natur sieht.

Einige Bäume und den alten Pfad zogen die „Granaten“ allerdings sehr wohl in Mitleidenschaft, sodass hier und da Baumstämme aufgerissen und das ursprüngliche Pflaster zertrümmert wurden. Die Stellen, an denen die Ditfurter Landschaftsgestalter im Anschluss gleichfalls aus Lesesteinen wieder einen ausreichend breiten Weg schufen, sind weiß umsprüht.

Am größten Bruch, den das fallende Gestein am Harzer Hexenstieg heraussprengte, fehle derzeit noch das nun notwendige Geländer, das dort künftig Wanderer vor einem gefährlichen Sturz schützen soll, so der Verwaltungsangestellte. „Das wird während des laufenden Betriebes, in den nächsten Wochen und Monaten, noch angebracht“, kündigt er an. Bis es so weit sei, bleibe erst mal der dort aufgestellte Bauzaun als provisorische Absicherung am Wegesrand stehen.

Ingenieure lösten das Problem mit einem 20 Tonnen schweren Felsbrocken

Regelrecht ins Knobeln waren die Ingenieure des Weimarer Büros Dr. Köhler Geoplan angesichts eines mehr als 20 Tonnen schweren Felsbrockens gekommen, der nahe dem unteren Ende des Wegs an der Schurre quer über der alten Pflasterung lag und ein massives Hindernis darstellte. Die Idee, den Koloss zu sprengen, habe das Planungsteam bald verworfen, eine Lösung mit einem quer über den Stein verlaufenden Geländer erwies sich ebenso als unpraktikabel.

So sei man schließlich auf einen Gedanken gekommen, den Heilek „einfach genial“ nennt: Mit einer leichten Krümmung wurde ein neuer Weg aus Schutt über den Findling gelegt. Eine ähnliche Lösung fand auch ein paar Kurven weiter oben Anwendung:

Dort war der ursprüngliche Weg so tief unter Geröll begraben, dass das - händische! - Freilegen einen unverhältnismäßigen Aufwand bedeutet hätte, sagt Heilek. Nun ist eine neue Spitzkehre geschaffen worden, die weiter zur Mitte des Hangs hin beginnt - und die Gesteinshalde in dem Bereich stehe als Retentionsfläche für künftige Materialabgänge zur Verfügung.

Denn eines müsse jeden klar sein: „Alles bleibt in Bewegung“, hebt der Mann aus dem Bauamt hervor. Auch nach der erfolgten Beräumung bleibe ein gewisses Steinschlagrisiko in der Natur des Bodetals immer bestehen. Heilek weist auf mehrere Stellen, an denen Regengüsse Erde und Steine aus dem Hang und zwischen Wurzeln hervor auf den Pfad gespült haben.

„Solche Auswaschungen sind ein Problem, dass uns weiterhin beschäftigen wird.“ Um festzustellen, ob die Stadt wieder aktiv werden müsse, um den Weg begehbar zu halten, solle es in Zukunft zweimal im Jahr Begehungen vor Ort geben. Den Zustand des Pfades unmittelbar nach den Arbeiten hielt indes am Dienstag der Geologe Jörn Engelhardt vom Ingenieurbüro Dr. Köhler Geoplan mit einer Drohne fest.

Rund 240.000 Euro kosteten die Sanierung des Steilhangs und des Wanderwegs

Auch da stimmte das Timing: „Zwei Wochen später, und das Laub hätte womöglich einen Großteil des Weges schon verdeckt“, gibt der Fachmann zu bedenken, während die fliegende Kamera über den noch kahlen Baumwipfeln kreist.

Unterm Strich, beziffert Jan Heilek, sind der Stadtverwaltung für die gesamte Maßnahme Kosten in Höhe von rund 240.000 Euro entstanden. Davon habe das Rathaus 100.000 Euro mit Fördergeld aus dem Leader-Programm der Europäischen Union für die Entwicklung des ländlichen Raums bestreiten können.

Am Ende eines Projekts, dessen planmäßige Umsetzung, wie der Bauverwalter zugibt, zwischenzeitlich auf der Kippe gestanden habe, hofften die Verantwortlichen der Stadt darauf, dass der Pfad angenommen werde - von Einheimischen wie auch von Gästen, die die Nachricht der wieder freigegebenen Wanderroute vielleicht zu einem Ausflug ins Bodetal animiere.

Der Status des Harz als „beherrschbares“ Mittelgebirge dürfe allerdings niemanden darüber hinwegtäuschen, dass die Schurre durchaus einen alpinen Charakter aufweise, stellt Heilek klar. „Das heißt, dieser Weg ist nur für Wanderer mit einer gewissen körperlichen Fitness geeignet, und trittsicheres Schuhwerk ist Voraussetzung“, appelliert er an die in den Startlöchern stehenden Wanderfans.

Von denen unterdessen ein paar bereits am Dienstag auf dem noch als Baustelle gekennzeichneten Weg an der Bode unterwegs - und dafür offensichtlich an den quer über den Pfad gestellten Metallzäunen vorbeigekraxelt waren. Auch warten will gelernt sein. (mz)