Tante Emma kommt zurück

Tante Emma kommt zurück: Wie ein Dorf im Harz als Beispiel für den Wandel steht

Deersheim - Nachdem jahrelang ein Dorfladen nach dem anderen zumachte, sollen die lokalen Geschäfte nun zurückkehren. Wie ein kleiner Ort im Harz jetzt als Beispiel für den Wandel steht.

Von Julius Lukas 18.02.2019, 20:09

Das kranke Kind liegt zu Hause. Daher braucht Heidi Menge dringend noch etwas Apfelmus. „Ich hab ihm versprochen, dass es Milchreis gibt“, sagt die Frau aus Deersheim im Harz. Doch der süße Brei schmeckt ohne Apfelmus nur halb so lecker. Deswegen ist Menge schnell in den Dorfladen um die Ecke gehuscht.

„Wenn es diese Einkaufsmöglichkeit hier im Ort nicht gäbe, dann müsste ich für so eine Kleinigkeit fahren“, sagt sie. „Der Laden ist schon ein großer Gewinn für Deersheim.“

Und er ist zurzeit in aller Munde. Denn der Dorfladen Deersheim ist ein Vorzeigeprojekt für das, was die Landesregierung in den kommenden Jahren im ländlichen Raum vorhat. Angetrieben von der Grünen-Landtagsfraktion, will sie dem Tante-Emma-Laden zum Comeback verhelfen.

Deersheim soll Vorbild für weitere Gemeinden in Sachsen-Anhalt sein

Überall in Sachsen-Anhalt sollen kleine Einkaufsmöglichkeiten nach Deersheimer Vorbild entstehen. Schon 2019 sind dafür 300.000 Euro im Haushalt eingeplant. „Wir erhoffen uns, dass sich rund um solche Projekte die Dorfgemeinschaften, wie man sie von früher in Erinnerung hat, entwickeln“, erklärt Grünen-Fraktionschefin Cornelia Lüddemann den Ansatz.

In Deersheim musste man diese Dorfgemeinschaft gar nicht neu entwickeln - denn sie war nie weg. 800 Menschen leben in dem Ort. Sieben Vereine gibt es hier. „Das Dorf hat schon ein Wir-Gefühl“, sagt Apfelmus-Käuferin Heidi Menge.

2012, als die kleine Kaufhalle im Ort schloss, rückten die Einwohner deswegen nicht weiter auseinander, sondern noch enger zusammen. Nachdem bereits alle anderen Läden im Ort verschwunden waren, wollten sie sich ihrem Schicksal nicht einfach so ergeben. Die Idee zum Dorfladen entstand.

Einkaufen in früherem Kuhstall in Deersheim

„Der Weg dorthin war jedoch nicht ganz einfach“, sagt Sabine Hannibal. Sie ist die Marktleiterin und steht hinter der Glastheke im Eingangsbereich. Frischer Kuchen, Brötchen und Brot liegen in der Auslage. Daneben die Kasse und ein Blumenkohl, der nicht mehr ins prall gefüllte Gemüseregal gegenüber gepasst hat.

Hannibal trägt die Haare kurz und hat ein sonniges Gemüt. Erst seit Anfang Januar leitet sie den Dorfladen, dessen Geschichte kennt sie jedoch gut. Am Anfang sei viel Euphorie da gewesen. 2014 wurden eine Genossenschaft gegründet, eine alter Kuhstall als Domizil ausgesucht und Förderanträge gestellt.

„Doch der erste Antrag wurde dann gleich abgelehnt“, erzählt Hannibal. Vielleicht auch, weil das Konzept Dorfladen nicht besonders zukunftsträchtig klang? Doch die Deersheimer ließen sich nicht von ihrer Idee abbringen. Im zweiten Anlauf bekamen sie 150.000 Euro bewilligt und bauten ihren Laden. 2016 feierten sie die Eröffnung.

20 Kilometer von Deersheim entfernt, in Wernigerode, ist man von einem eröffneten Laden noch weit entfernt. Dort, im Büro von Christian Reinboth, wird allerdings derzeit der Tante-Emma-Laden der Zukunft konzipiert.

Das Vorstandsmitglied des Vereins TECLA e.V. begleitet ein EU/LEADER-gefördertes und bei Prof. Dr. Ulrich Fischer-Hirchert an der Hochschule Harz angesiedeltes Projekt mit dem Titel „DigiShop Harz“. „Es geht dabei um einen Dorfladen, in dem man auch dann einkaufen kann, wenn kein Personal anwesend ist“, erklärt Reinboth.

Traditionelle Geschäfte würden sich in vielen Orten nicht mehr lohnen. Um die Attraktivität von Dorfläden zu erhöhen, könne man auf diesem Weg deren Öffnungszeiten erweitern. „Den Zutritt könnte man beispielsweise durch eine personalisierte Karte bekommen, die Waren könnten im Selbstkassier-Verfahren, wie etwa bei Ikea, abgerechnet werden.“

Derzeit recherchieren die Forscher, welche Technik dafür notwendig wäre. Und wie teuer diese ist. „So einen Laden einzurichten, muss natürlich wirtschaftlich sein“, sagt Reinboth.

Hinzu kommen rechtliche Fragen: Muss der Laden sich an das Öffnungszeitengesetz halten, wie wird die Altersgrenze beim Alkohol kontrolliert und was passiert, wenn sich jemand im Laden verletzt? „Im Herbst wollen wir darauf Antworten haben.“ Je nachdem, wie die Studie ausfällt, könnte im nächsten Schritt tatsächlich ein DigiShop eingerichtet werden.“

In Deersheim tragen auch die Menschen hinter der Theke zum Erfolg des Ladens bei: „Es ist immer eine sehr angenehme und entspannte Stimmung hier“, sagt Angela Kriehmig. Die 75-Jährige hat gerade mit Sabine Hannibal über die Brotpreise geplauscht und setzt sich nun mit Kaffee und Kuchen zu einer Freundin an den Tisch. „Wir kommen ein bis zweimal in der Woche her“, erzählt Kriehmig. Auch, weil der Laden mehr als nur eine Mini-Kaufhalle ist.

Mittlerweile ist im ehemaligen Kuhstall auch ein kleiner Imbiss untergebracht, der am Nachmittag zum Café wird. Daneben hat sich eine Schneiderin mit einem Näh-Shop niedergelassen. „Dort kann ich richtig guten Garn kaufen“, sagt Angela Kriehmig.

Regionale Produkte im Dorfladen: Frische Eier aus dem Dorf

Ohne diese Vielfältigkeit würde es nicht gehen, sagt Sabine Hannibal. Die Dorfladen-Chefin war lange Leiterin einer Aldi-Filiale. Im Einzelhandel kennt sie sich aus. „Es gab auch Zeiten, da ging es dem Dorfladen nicht so gut“, erzählt sie.

Der Anfangsenthusiasmus sei wichtig gewesen, aber es fehlte am Verständnis für Einkauf und Kalkulation. Hannibal meint das keineswegs als Vorwurf. „Hier wurde viel Energie reingesteckt.“ Allerdings wollte man es dann wohl etwas zu gut machen. Heute gehe man pragmatischer an sie Sache heran.

Den Grundbedarf bekomme man von einem Großhandel. Edeka beliefert den Laden. Bei ausgewählten Produkten schaue man sich in der Region um. „Die Eier kommen aus dem Dorf“, sagt Hannibal. Auch Wurst und Brot kommt aus der Nähe.

Ein großes Plus ist auch, dass das Dorf sich so verbunden fühlt. Viele ehrenamtliche Helfer, die Regale einräumen oder mal mit dem Lieferwagen losfahren, um Bier zu holen - wenn das woanders im Angebot ist. „Wir schlagen dann ein bisschen auf den Preis drauf, damit es sich für uns lohnt“, sagt Sabine Hannibal. Das zu zahlen, ist Kundin Heidi Menge, die selbst oft mithilft, kein Problem. „Wenn das den Laden am leben erhält, macht man das doch gerne.“ (mz)