Seilbahn und Skipiste in Schierke

Schierke im Harz: Gerhard Bürger will eine Seilbahn bauen

Schierke - Der Mann, das hört man, hat mehr als eine Vision. Er ist ein Macher. Mit ihm kann Schierke, Sachsen-Anhalts bekanntester Urlaubsort, ganz groß rauskommen. Sein Ruf eilt dem 70-Jährigen voraus. Und er will ihm auch im Harz gerecht ...

Von Ralf Böhme

Der Mann, das hört man, hat mehr als eine Vision. Er ist ein Macher. Mit ihm kann Schierke, Sachsen-Anhalts bekanntester Urlaubsort, ganz groß rauskommen. Sein Ruf eilt dem 70-Jährigen voraus. Und er will ihm auch im Harz gerecht werden.

In Schierke im Harz will Gerhard Bürger eine Seilbahn bauen

Gerhard Bürger, Self-Made-Man aus Hildesheim, befragt sich dazu am Mittwoch auf einer Bürgerversammlung in Schierke selbst. Auftrag für die Seilbahn? Ist längst raus, samt Gondeln im originalen Porsche-Design. Schneekanonen entlang der Piste? 85 Stück bestellt, Kostenpunkt jeweils 25 000 Euro. Finanzierung? Klar, zu 90 Prozent verhandelt. Letzter Termin der Fertigstellung: 2018.

Das sind Zahlen, die am Fuße des Brocken Eindruck machen. Es geht um das millionenschwere Projekt der Schierker Bergwelten. Und Bürger lässt nicht mehr den geringsten Zweifel zu: „Wir machen hier keine Märchenstunde, wir sind wild entschlossen, das Projekt durchzuziehen, wir könnten schon morgen anfangen.“ Das ist Enthusiasmus pur - und hochansteckend.

Viele Einheimische, die zur Bürgerversammlung gekommen sind, wirken nach dem Auftritt wie aus dem Häuschen. Wenig später machen bereits neue Ideen die Runde. So ist von einem Schierke-Tower mit zwölf bis 16 Etagen und Dach-Café die Rede. St. Moritz des Nordens - im 21. Jahrhundert, heißt es im kleinen Kreis, dürften weder Edelboutiquen noch Spielbank und Beautyfarm fehlen.

Die Ausgangslage wirkt da vergleichsweise ernüchternd: Gegenwärtig zählt Schierke gerade einmal 713 Einwohner. Und Urlauber bleiben im Schnitt nur drei Tage. An manchen Tagen ist gerade ein Restaurant geöffnet. Doch das soll sich rasch ändern. Zauberworte sind: Seilbahn, Skischule, Kletterpark, Aussichtsturm, Wasserspiele, Luchs-Schau, Eisarena, Feriendorf. 80.000 Übernachtungen jährlich sind das Ziel. An Spitzentagen rechnet man allerdings auch mit bis zu 3.000 Autos. Dann reicht das neue Parkhaus nicht mehr aus.

Kritiker an etwaigen Höhenflügen, falls überhaupt anwesend, schweigen in der Bürgerversammlung. So bleibt der Multimillionär der wichtigste Redner. Ihn beklatschen Gastronomen, Händler, Hoteliers, Handwerker und Kommunalpolitiker. Den Beifall spenden Leute, die mit dem Vorhaben kleine und teils gigantisch anmutenden Hoffnungen verbinden. Tenor: Still- und Leerstand sollen in Schierke endlich ein Ende haben.

Auch ein 50-Jähriger Mann meldet sich zu Wort. Er suche dringend einen Job. Der Visionär lässt ihm die Hoffnung und die Visitenkarte eines Geschäftsführers überreichen. Die Investition soll 22 Jobs schaffen, erfährt der Arbeitslose. Aber das sei nur der Anfang.

Bürger und seine Geschäftsfreunde wollen und müssen hoch hinaus, damit das Konzept aufgeht. Mit der Seilbahn soll eine 1,9 Kilometer lange Ski-Abfahrt entstehen. Dazu muss eine Schneise von mindestens 90 Meter Breite geschlagen werden. Die Trasse, obwohl außerhalb des Nationalparks gelegen, ist umstritten. Aber diesen Teil der Aufgabe übernimmt laut Vereinbarung die Stadt Wernigerode, zu der Schierke gehört. Allerdings sind deren finanzielle Möglichkeiten begrenzt. Im Notfall könnte das Land Sachsen-Anhalt einspringen, entsprechende Garantien geben. Das gilt freilich als heißes Eisen. Wohl auch deshalb erhalten Bürger und seine Mitstreiter nicht überall und sofort alles, was sie wollen und brauchen.

Wie St. Moritz: Schierke will in die Champions League der Urlaubsorte

In Schierke stellt man die Frage längst anders: Wer ist dagegen, dass Schierke endlich in der Champions League der Winterfreude mitspielt? Doch auch da enttäuscht Bürger, Besitzer zahlreicher Hagebau-Märkte und passionierter Skifahrer, sein Publikum nicht. Der Mann, der von seinem Wochenendhaus im niedersächsischen Braunlage gern zu Ski-Touren in Richtung Osten aufbricht, bringt es so auf den Punkt: Widerstand kommt aus dem Umweltministerium, geführt von der bündnisgrünen Claudia Dalbert. Prügel kassiert von ihm auch die landeseigene Investitionsbank. Das Institut fördere nicht, sondern bremse. Speziell mit einem Verantwortlichen komme man nicht weiter. Eigentlich müsse dieser Mann weg da, unterstützen ihn Zuhörer aus den ersten Reihen. Dort sitzt auch Werner Festerling, einst stellvertretender Bürgermeister in Schierke. Inzwischen führt er eine neue Bürgerinitiative an, das Motto: „Pro Seilbahn“. Aus ihrer Sicht ist das Projekt eine einmalige Chance. Wer da nicht zugreife, habe nichts begriffen.

Bürger dankt für die Unterstützung aus der Menge, die man einfach brauche, um den positiven Druck auf Entscheider zu erhöhen. Wie wichtig das sei, beweise ein für ihn sehr bitteres Erlebnis: Einmal sei er mit einem Privatflugzeug extra von Sylt nach Magdeburg gekommen, um dann vor verschlossenen Türen zu warten.

Dabei sei die Investorenseite bereit zu Kompromissen. Auch in Naturschutzfragen lasse man mit sich reden. Aber noch einmal 1.500 Seiten beschreiben, bis eine Entscheidung komme, das gehe nicht. Burger fordert ein Bekenntnis des Landes, eine politische Entscheidung. Inoffiziell würde das Projekt viel Unterstützung erfahren. Der Ministerpräsident sei dafür, der Verkehrsminister auch, der Wirtschaftsminister ohnehin. Das wisse er auch von seinem Freund Hartmut Möllring, dem ehemaligen Wirtschaftsminister, mit dem er in Hildesheim immer mal ein Bier trinke. „Das Land darf nicht endlos prüfen“, meint Bürger. Die Genehmigungen würden jetzt gebraucht, nicht irgendwann.

Erster Dreh- und Angelpunkt ist das Raumordnungsverfahren. Das verantwortliche Bau-Ressort hält sich dazu aber bedeckt, verweist nur auf die grundsätzliche Bedeutung des laufenden Verfahrens. Bisher geht es einem Sprecher zufolge darum, die generelle Machbarkeit des Projektes festzustellen. Da die Harzregion einen Schutzstatus besitze, sei eine Prüfung der Umweltverträglichkeit zwingend erforderlich. Und dabei hätten sich Fragen ergeben, die rechtssicher beantwortet werden müssten. So müsse der Standpunkt der Europäischen Kommission eingeholt werden, um die umstrittenen Moorwälder am Winterberg richtig bewerten zu können. An allem arbeite das Ministerium mit Hochdruck, es gelte aber der Grundsatz: „Gründlichkeit vor Schnelligkeit.“ Das Ganze kann also noch dauern. Und der umtriebige Investor hängt weiter in der Warteschleife. (mz)