30 Jahre ohne Grenze am Brocken

30 Jahre Grenzöffnung am Brocken: Buch Brockengesichter porträtiert 30 Menschen

Schierke - Am 3. Dezember 2019 nun, genau 30 Jahre nach der Brockenöffnung präsentieren Matthias Bein, Oliver Stade und Winnie Zagrodnik auf dem Berg ihr Buch „Brockengesichter“. Zur Feier auf dem Gipfel soll es an einen Vertreter der Landesregierung übergeben werden.

Von Ingo Kugenbuch

Zur DDR-Zeit gab es diesen flachen, aber populären Witz: Welcher ist der höchste Berg der Welt? Der Brocken. Man kann ihn nicht besteigen. Das änderte sich am 3. Dezember 1989. Die Menschen strömten bergan, auf jahrzehntelang unbegehbaren Strecken. Zum Beispiel durchs Ilsetal, den Gelben Brink hinauf, am Eisernen Handweiser rechts ab und dann auf der Brockenstraße zum - noch immer - verschlossenen Tor.

Aus Berlin bekamen die Wachsoldaten die Anweisung, einzelne Gruppen auf die Brockenkuppe zu lassen und dann das Tor wieder zu verschließen. Das klappte jedoch nicht, wie so vieles in der DDR. Die Menschen strömten hinein, nahmen den Brocken, den sagenhaften Berg, wieder in ihren Besitz. Wer dabei war, erlebte, wie Geschichte geschrieben wurde.

Am 3. Dezember 1989  auf dem Brocken wurde Geschichte geschrieben

Am 3. Dezember 2019 nun, genau 30 Jahre nach der Brockenöffnung präsentieren Matthias Bein, Oliver Stade und Winnie Zagrodnik auf dem Berg ihr Buch „Brockengesichter“. Zur Feier auf dem Gipfel soll es an einen Vertreter der Landesregierung übergeben werden.

„Wir meinen, der Brocken ist der spannendste Berg Deutschlands“, sagt Stade, der als Redakteur bei der Goslarschen Zeitung arbeitet. Die Fotos der Porträtierten und des Brocken allgemein stammen vom freien Fotografen Bein, der unter anderem für die MZ arbeitet. Die Gestaltung des Buches hat Winnie Zagrodnik übernommen. Sie ist für die Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Wernigerode zuständig.

Was macht den Brocken mit seinen gerade mal 1.141 Metern Höhe so spannend - außer seiner Sperrung während der DDR-Zeit? „Wenn man googelt, findet man über keinen anderen Berg annähernd so viele Geschichten wie über den Brocken“, sagt Stade im Gespräch mit der MZ. Der Blocksberg sei schon früher „prominent“ gewesen: Neben Heinrich Heine hätten ihn auch Wilhelm Busch, Novalis oder der Heimatdichter Hermann Löns bereist.

„In den 30 Jahren nach seiner Öffnung hat nicht nur der Brocken sein Gesicht verändert, sondern auch die Menschen“, sagt Stade. Darum seien die drei auf die Idee gekommen, den Harzberg durch die Menschen, die ihn besuchen, zu porträtieren.

Da ist zum Beispiel Michael Broutschek. „Ich war mal im November um 6.30 Uhr dort oben“, berichtet Stade. „Da kam mir ein Mann mit freiem Oberkörper entgegengelaufen.“ Das sei ein „tolles, surreales Bild“ gewesen, sagt der Journalist. Broutschek, ein Arzt aus Wernigerode, wird deshalb in „Brockengesichter“ porträtiert.

„Morgens um 6.30 Uhr kam mir ein Mann mit freiem Oberkörper entgegengelaufen“

„Das Oben-ohne-Laufen ist für ihn kein bloßer Spleen, auch wenn dies bei einigen Ausflüglern so ankommt“, heißt es in dem Buch. „Es bringt mich zu meinen Wurzeln zurück“, sagt Broutschek. „Den Menschen in den Industrienationen geht leider viel verloren“, erklärt er.

Die „moderne Bekleidungsindustrie hat der Haut ihre Funktionsfähigkeit geraubt“, beklagt Broutschek, und im Buch heißt es weiter: Das „hört sich das an, als spräche ein Kapitalismus-Kritiker. Aus ihm spricht aber der Mediziner, der bedauert, dass die Menschen ihre Haut unter zu dicken Schichten einpacken und ihr weder Regen, Wind oder Luft zumuten.“

Broutschek ist einer der schillerndsten Protagonisten des Buches. An vielen weiteren von ihnen kommt man nicht vorbei: an Brocken-Benno etwa oder dem „Brockenwirt“ Daniel Steinhoff. Andere Figuren haben Stade und Bein („Meine Aufgabe war es, aus dem riesigen Fundus die passenden Aufnahmen herauszusuchen“) entdeckt.

Etwa, wenn sie den Erziehungswissenschaftler und Erlebnispädagogen Martin Emberger vorstellen, der regelmäßig mit so genannten Systemsprengern, „Jugendlichen, die mit ihrer Wut, Verzweiflung und Aggression selbst in professionellen Einrichtungen keinen Platz mehr finden“, wie es im Buch heißt, auf den Brocken wandert.

„Sie sollen Hitze und Kälte wahrnehmen, Kleinigkeiten schätzen und erleben, dass Anstrengungen zum Alltag gehören und dass sie bewältigt werden müssen.“

Die Grußworte von Wernigerodes OB Gaffert und Harzklubchef Junk wirken wie in einem Prospekt

Die 13 Porträts sind kurz und knackig geschrieben, die Bilder klasse. Was allerdings wie ein Fremdkörper wirkt, sind die beiden Grußworte von Wernigerodes Oberbürgermeister Peter Gaffert und Harzklubchef Oliver Junk. Das gibt dem Ganzen etwas von der Anmutung eines Prospekts des Harzer Tourismusverbands.

Und leider vermisst der Leser auch kritische Worte. Wenn zum Beispiel der „Brockenwirt“ porträtiert wird, darf er unkommentiert jammern, „dass die Gäste von Jahr zu Jahr anspruchsvoller werden“. Was erwartet er? Wer die Menschen auf Deutschlands spannendstem Berg bewirtet - und damit gutes Geld verdient -, sollte mehr im Angebot haben als Mitropa-Atmosphäre und Kantinenessen.

Benno Schmidt, der bekannteste Brocken-Besteiger, will übrigens zu seinem 88. Geburtstag am 22. Mai 2020 zum 8888. Mal auf den Berg wandern. „Es wird nie langweilig“, sagt der einzige echte 8.000er im Harz (Eigenwerbung). „Wenn ich mal nicht gehe, habe ich das Gefühl, ich habe was verpasst.“ (mz)

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„Brockengesichter“ kostet 29,90 Euro, erscheint im Eigenverlag und kann unter brockengesichter@gmx.de bestellt werden (ISBN 978-3-00-063839-8). Es wird von dem Fotografen Matthias Bein, dem Redakteur Oliver Stade und Winnie Zagrodnik herausgegeben, die in der Öffentlichkeitsarbeit tätig ist.