Geheime Pfade im Sperrgebiet

Brocken: Ein ehemaliger Grenzsoldat erinnert an die Grenze

Thale - Faszination Brocken. Wanderer erklimmen den Harzgipfel aus allen Himmelsrichtungen, fast 50 Millionen seit 1990. Die Zeit davor gerät freilich in Vergessenheit.

Von Ralf Böhme

Faszination Brocken. Wanderer erklimmen den Harzgipfel aus allen Himmelsrichtungen, fast 50 Millionen seit 1990. Die Zeit davor gerät freilich in Vergessenheit.

Kaum jemand vermag sich vorzustellen, welche gespenstische Ruhe während der deutschen Teilung dort oben herrscht. An diese massive Abschottung will jetzt ein ehemaliger DDR-Grenzsoldat erinnern.

Dietmar Schultke lädt in Schierke zu einem ungewöhnlichen Ausflug ins ehemalige Sperrgebiet ein. Am Sonntag um 9.30 Uhr ist der erste Start an der Tourist-Information. Weitere acht Aktionen dieser Art sollen bis Ende Juli folgen.

An seine erste Schicht an der Brocken-Grenze erinnert sich der Mittfünfziger noch gut: „Ich musste immer vor dem Postenführer laufen, damit er auf mich aufpassen konnte.“ Im Osten Wernigerode, im Westen Braunlage, dazwischen der Eiserne Vorhang. Stacheldraht, Wachtürme, der Streckmetall-Zaun.

Erschreckend, einschüchternd wirkt auf ihn die drei Meter hohe Mauer. Das Monster aus Beton schirmt die Brocken-Moschee ab. So nennt der Volksmund die Bergspitze mit den riesigen Lausch-Antennen der Stasi und der Sowjetarmee. Zwei Kilometer westlich beginnt Niedersachsen.

Für den damals 19-Jährigen, der seinen Pflichtwehrdienst ableistet, ist es in der Rückschau keine gute Zeit. Die 18 Monate bei der „Asche“, so nennen viele Altgediente aus der DDR ihre Tage in Uniform, lastet ihm bis heute wie ein Brocken auf der Seele. „Letztlich habe ich meine eigene Gefangenschaft bewacht“, meint Schultke.

Der Name des Dorfes, wo die Kompanie stationiert war, klingt in den Ohren des jungen Mannes aus Brandenburg wie ein böses Programm: Elend. Nicht besser der Nachbarort, in Sorge liegt der Übungsschießplatz seiner Kompanie.

Und der Westen ist so verlockend nah - umso mehr fühlt man das, wenn man wie Schultke eine geheime Brieffreundschaft in die USA pflegt. Er schreibt sich mit einer Frau aus seinem Dorf, die ausgewandert ist. Auch ihn zieht es in die Welt.

Militärdienst auf dem Brocken: Gelegenheit zur Flucht aus der DDR

Einmal hätte er sogar fliehen können. Inzwischen bekennt der ehemalige Grenzer ganz offen: „Im entscheidenden Moment traute ich mich nicht.“ Hätte er die Waffe gegen seinen gleichaltrigen Kameraden richten sollen? Seine Lehre aus dem Gewissenskonflikt lässt sich in zwei Sätzen zusammenfassen: Grenzen sind nicht Gott gegeben. Mauern, auch die in den Köpfen, lassen sich abbauen.

Diese Botschaft will Schultke seit Jahren unter die Leute bringen. Dem ist 1994 ein Arbeitsaufenthalt bei den Vereinten Nationen gewidmet. Beifall findet er damit in Korea und in Israel. Schulklassen aus dem In- und Ausland steht der Zeitzeuge gleichfalls Rede und Antwort. Der Facharbeiter wendet sich der Politikwissenschaft zu. Er ist Autor eines Bestsellers über den Eisernen Vorhang. „Keiner kommt durch“, so der Titel .

Nicht vergessen. Er wolle seine Erfahrungen weiter geben. „Dafür ist es besser dorthin zu gehen, wo Erinnerung mitunter weh tut - auf den Brocken.“ In dieser Haltung unterscheidet sich Schultke von vielen anderen Ex-Grenzern der DDR. Sie schweigen sich über ihre Erfahrungen aus.

Dabei haben im Laufe der Zeit gut 600.000 DDR-Bürger an der Grenze gedient. Dass darüber viel zu erzählen ist, beweist Schultke mit seinen spannenden Episoden aus dem Kalten Krieg. Dazu führt er die Wanderer nun an Originalschauplätze im Brocken-Gebiet. Das ZDF dreht darüber einen Film, der am 3. Oktober ausgestrahlt werden soll.

Im Mittelpunkt einer seiner Erinnerungen steht ein junger Mann. Er hatte sich im Wald versteckt, war geschnappt worden. Verschleppt in die Kaserne, zerrten ihn Offiziere aus dem Jeep. Schultke: „Und ich musste einen Stuhl ins Vernehmungszimmer bringen.“

Für einige Sekunden habe er dort dem Flüchtling allein gegenüber gestanden. „Mitleid und Scham, so waren damals meine Gefühle. Denn ich gehörte zu den Tätern, er war das Opfer.“ Schultke hofft, ihm werde der ehemalige Gefangene eines Tages wieder begegnen.

Faszination Brocken lässt den früheren Soldaten bis heute nicht los

Der Berg, einst verhasst, jetzt geliebt, lässt ihn nicht mehr los. Ihm fällt die Sage vom antiken Sisyphos ein, der seinen Brocken immer wieder neu hinauf schieben muss. „Ich kann es nicht lassen, bin emotional immer noch voll dabei.“ Wie auch, anders, bei solchen Erinnerungen: Im Urlaub sieht man ihn 1988 beim Springsteen-Konzert in Ost-Berlin.

Dann wieder im Dienst soll er alle „Grenzverletzer“, koste es, was es wolle, zur Strecke bringen. „Das war ein so krasser Widerspruch, der fraß die Seele auf.“ Die Folge: Deprimiert und gefrustet kehrt er ohne Kalaschnikow, ohne seine 30 Schuss Munition vom Postengang im Wald zurück. Ein Versagen, das aus Sicht von Militärs eine Katastrophe ist. Degradierung - fortan dient er als einfacher Soldat, nur bedingt für einfache Wach- und Arbeitsaufgaben geeignet.

Damit ist auch die Zeit als Hundeführer vorbei. Nena vom Brockenblick, die Schäferhündin, sieht er nicht wieder. „Das Tier schnappte nicht wie vorgeschrieben nach dem Oberarm, sondern nahm bei Übungen den Po des Opfers zwischen die Zähne.“ Mit dem verstärkten Einsatz der Vierbeiner will die DDR-Führung in den 1980er Jahren den Abbau der Selbstschussanlagen ausgleichen.

Das ist eine der letzten Änderungen im Grenzregime. Trotzdem fällt die DDR-Bilanz am Ende verheerend aus: Neben Hunderten von Mauertoten schlagen Investitionen für die Grenze in Höhe von 1,6 Milliarden Mark negativ zu Buche. Ein Kilometer Sperranlage kostet eine Million Mark, so Historiker.

Stationen auf den einst geheimen Grenzpfaden sind vor allem frühere Beobachtungs- und Kontrollpunkte. Am ehemals gottverlassenen Eckerloch, heute ein Anziehungspunkt für ambitionierte Bergwanderfreunde, geht es Schultke um verwachsene Schnitzereien in der Rinde alter Bäume: Namenskürzel, Daten von Dienstzeiten, Liebesgrüße. Aus seiner Sicht handelt es sich dabei mehr als nur um Erinnerungen an einen harmlosen Zeitvertreib.

Irgendwie Pflicht ist auch ein Zwischenhalt an der Ilsenburger Skihütte, die zu DDR-Zeiten nur mit einem speziellen Passierschein erreichbar gewesen ist: Urlaubsidylle für handverlesene Werktätige. Allerdings haben sie Grenzsoldaten zuweilen auch eingeladen, auf einen Kaffee zum Beispiel.

Das ganze Gegenteil verbindet sich mit der Knochenbrecherkurve kurz vor dem Brocken-Plateau. Schultke: „Drei Jugendliche aus Sachsen hatten in Schierke ein Auto geknackt, rasten die Brockenstraße hoch. Auf der Flucht rauschte das Fahrzeug in eine Panzersperre...“ Ein Ende mit Schrecken. (mz)