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Anne Rabes Ost-Roman „Die Möglichkeit von Glück“Stadt, Land, Kind

Ostdeutsche Kindheitsmuster: Anne Rabe erzählt in ihrem Romandebüt „Die Möglichkeit von Glück“ von einer Nachwende-Jugend in der mecklenburgischen Provinz.

Von Christian Eger 02.02.2024, 15:33
Schriftstellerin Anne Rabe: „Meine Kindheit bleibt ein dunkler Traum“
Schriftstellerin Anne Rabe: „Meine Kindheit bleibt ein dunkler Traum“ (Foto: Annette Hauschild)

Halle/MZ. - Dass die Vergangenheit nicht tot, ja, dass sie noch nicht einmal vergangen sei, mit diesem Zitat des amerikanischen Schriftstellers William Faulkner eröffnete Christa Wolf 1977 ihr Buch „Kindheitsmuster“. Tot war demnach nicht das Gestern, das die NS-Diktatur meinte, sondern tot stellten sich die Menschen, indem sie das Gestern von sich abtrennten, auf stumm schalteten.

Fast fünf Jahrzehnte danach: Eine andere verschwundene Diktatur, eine andere Autorin, aber ein ähnliches literarisches Verfahren. Nur wird es hier erstmals tatsächlich radikal und im besten Sinne schonungslos ausgeführt – rücksichtslos gegen die aktuellen gesellschaftlichen Umstände und schonungslos gegen die Autorin selbst, die sich ganz unverstellt in ihrem Denken und Erleben zeigt.

Fakten und Fiktionen

Hin auf „Die Möglichkeit von Glück“. Das ist der Titel des Romandebüts, in dem sich die 1986 in Wismar geborene Autorin Anne Rabe der DDR zuwendet. Einem Staat, über dessen konkrete Herrschaftsverhältnisse sie als Jugendliche im Dunkeln gelassen wurde. Von dem sie wie ihre gleichaltrige Ich-Erzählerin Stine bis auf ein paar flatternde Erinnerungsbilder kaum ein Erlebniswissen besitzt und bis in ihre Jugend kaum historisches Wissen besaß. Denn in den Nuller-Jahren endete für die in der mecklenburgischen Provinz aufgewachsene Stine der Abiturstoff im Fach Geschichte mit der DDR-Gründung am 7. Oktober 1949.

Über dieses Datum ging es im Unterricht nie hinaus. Also nie heran an die Gegenwart, in der sich für Stine das Vergangene verpuppt: in einer fortgesetzten Bereitschaft zur Rohheit, zum Schweigen, zum  Kleinreden    und -halten. An die Gründe für diese Haltungen, an die Fakten hinter den am Familientisch verbreiteten Fiktionen zu gelangen, das ist die Richtung dieses Buches, das zu den erstaunlichsten literarischen Debüts der Gegenwart gehört.

„Meine Kindheit“, sagt die erwachsene Stine, „bleibt ein dunkler Traum, aus dem ich nicht aufwachen kann.“ Aber aus dem sie aufwachen will. Wie eine Sprache für das nirgendwo Besprochene gefunden werden kann, führt das Buch vor. „Wo fängt eine Geschichte an? Wo fängt meine Geschichte an?“, fragt die Erzählerin. Und ganz sinnfällig tastet sie sich über ihre frühesten Eindrücke – das ist die Ostsee, das ist die Stadt, das bin ich – an das Heute heran.

Vergessene Lieder

Das geschieht auf drei Ebenen: Erinnerung, Kommentar und Gegenwart. Jede Ebene hat ihre Akteure. Die Erinnerung gehört dem Kind Stine und ihrem jüngeren Bruder Tim, die – was nicht beredet wird – in einer SED-Familie aufgewachsen sind. Den Kommentar spricht die – wie Anne Rabe – längst nach Berlin entflohene Erzählerin. Die Gegenwart, die das Erzählte zusammenhält, berichtet von Stines Alltag als Mutter und von ihrer Recherche darüber, was es mit dem Leben ihres Großvaters Paul auf sich hat, der nach 1989 als „staatsnah“ galt, wogegen er sich zu wehren suchte.

Auch wenn die Erzählerin kein unmittelbares DDR-Wissen besitzt, verfügt sie doch über ein Körperwissen, das dem Erleben von Enge und Vormundschaft entspringt. „Die vergessenen Lieder, die irgendwo in dir vergraben sind. Das Koordinatensystem, in dem du dich bewegtest, Schritt für Schritt hinein in die Struktur, die Institutionen, die Rituale. Und dann – nichts mehr. Stille. Stillsein. Das war dir vertraut, denn zuerst hast du das Schweigen gelernt.“

In dieses Schweigen stößt das Erzählen vor. Stadt, Land, Kind. „Da war ich also. Jüngstes Glied einer langen Kette unglücklicher Umstände, die meine Familie sein würden.“ Der Großvater, der „sich rübergeschwiegen“ hat in die neue Zeit. Die Freundin Ada, die von Stine verraten wird in einem Moment, als es auf Solidarität angekommen wäre. Die schweigenden, aber schlagenden Eltern. Eine örtliche Jugend, die jagt, wer anders oder schutzlos ist. Der gemeinsame Nenner des Erlebten ist Gewalt, geistig und physisch. So entschlossen wie Anne Rabe hat noch kein Autor die Gewalt als strukturelles Element der DDR freigelegt.

Schlumpfeis vorm Rathaus

Das gelingt im steten Wechsel von Beschreibung und Kommentar in der ersten Hälfte des Romans, den man in Teilen atemstockend liest, meisterhaft. Im zweiten Teil, der die Großvater-Recherche präsentiert, geschieht das etwas konventioneller, teilweise etwas holzschnittartig, aber in den Pointen doch immer treffsicher. Und ungeschönt realistisch. „Wir liefen über den Markt und aßen ein Schlumpfeis. Dann setzten wir uns auf die Stufen vor dem Rathaus und sprachen über die DDR.“ Also über das, was den Kindern über die DDR eingeredet wurde.

Als die SED-Diktatur verschwand, lebten in ihr 2,4 Millionen Kinder, die zwischen fünf und 15 Jahre alt waren. In einer Gegenwart, die sie nicht verstanden – und größtenteils nicht verstehen sollten. Auch wenn das von Anne Rabe geschilderte kleinbürgerlich-proletarische Milieu keinesfalls die ganze DDR- und Nach-DDR-Gesellschaft abbildet, trifft sie doch einen Kern. Heute ist die Rede von der Generation der „Unberatenen“. Freilich wäre anzumerken, „unberaten“ war auch die Generation der Kriegskinder. Und die sogenannte Transformations-Generation, die 1989 als junge Erwachsene in eine Gesellschaft aufbrach, die, anders als sie träumte, nicht auf sie gewartet hatte.

Im Osten was Neues

Ein radikales Buch. Ein harter Stoff. Ein Buch, das bei allen Verstörungen, die es auslöst, keinesfalls destruktiv ist. Der Roman endet mit dem, was der Titel verspricht: dem Aufscheinen einer Möglichkeit von Glück. Nie zuvor ist mit so viel persönlicher Aufrichtigkeit von der ostdeutschen Nahvergangenheit geredet worden. Nicht mythologisierend, nicht effektheischend, nicht streberhaft. Im Osten was Neues.

Anne Rabe: Die Möglichkeit von Glück. Klett-Cotta, 384 Seiten, 24 Euro