Sabine Moritz zeigt in Quedlinburg die Bilder ihrer Kindheit

Geh und sieh

Es war einmal in Lobeda: Die in Quedlinburg geborene Kölner Künstlerin Sabine Moritz zeigt in der Feininger-Galerie Bilder ihrer Kindheitswelt.

Von Christian Eger Aktualisiert: 15.11.2022, 17:06
Blick auf Lobeda: Sabine Moritz „20/10/2020 (8)“
Blick auf Lobeda: Sabine Moritz „20/10/2020 (8)“ (Foto: Sabine Moritz 2022)

Die Kindheit ist das, woran wir uns am längsten erinnern. Ein Leben lang läuft sie mit. Die Erinnerung bewahrt auf, was das Kind einst wahrgenommen hat: Das sind vor allem Bilder, Schnappschüsse, Momente wie Fotografien, hinter denen Gefühle und Erfahrungen lagern, die aber oft verborgen bleiben.

Manchmal springen die Gefühle nach vorn und dann ziehen sie die Bilder hinter sich her. So geschah es Sabine Moritz. 1991 saß die 1985 von Ost nach West, von Jena nach Offenbach übersiedelte Studentin im Zeichenkurs der Kunsthochschule. Die Aufgabe: Zeichnet doch mal irgendetwas.

Plötzlich war alles wieder da: Die Bilder und die Dinge, die aus dem Gestern aufstiegen. Stille Ost-Post. „Ich hatte ein Thema, an dem ich mich gut festhalten konnte, ein Thema, das sich lange nicht erschöpfte: eine Rekonstruktion meiner Kindheit und Jugend“, sagte Sabine Moritz 2021 im Gespräch mit dem Kunstwissenschaftler Hans Ulrich Obrist.

Was sich da zurückmeldete, ist jetzt in der Lyonel-Feininger-Galerie in Quedlinburg zu sehen. Unter dem Titel „Lobeda oder die Rekonstruktion einer Welt“ zeigt Sabine Moritz 134 Arbeiten: Bleistiftzeichnungen vor allem, einige Gemälde, Fotografien. Bilder der Plattenbausiedlung Jena-Neulobeda, aber nicht nur: Eine Öl-Bleistift-Zeichnung zeigt Gatersleben, ein Gemälde Quedlinburg.

Tod in Gatersleben

In Quedlinburg wurde Sabine Moritz 1969 als Tochter eines Chemikerpaares geboren. Die Eltern arbeiteten im „Zentralinstitut für Genetik und Kulturpflanzenforschung“ in Gatersleben, wo der Vater 1973 bei einem Unfall in Folge fehlender Sicherheitsvorkehrungen starb. Die Mutter zog mit ihren drei Kindern, zu denen Zwillingsbrüder gehören, erst nach Aschersleben, dann nach Jena-Lobeda. 1983 stellte sie einen Ausreiseantrag. „Wir waren politisch erledigt“, sagt Sabine Moritz.

Die Ost-Bilder im Westen zeigen das äußere und innere Interieur ihrer Herkunft: Plattenbauten, Spielplätze, Klassenzimmer, Wohnungen, bauliche Details - vom Waschbecken bis zur Türklinke. Die ausgestellten Zeichnungen entstanden im Format Din-A2, notiert in einem kindlich naiven, harten, eindeutigen Duktus. Radiert wird nicht.

Neid nach dem Mauerfall

Eine Vergegenwärtigungskunst, die um Klarheit ringt, getragen von dem Wunsch, das Geschehene im Nachhinein zu verstehen - eine Kunst des zweiten ersten Blicks. Geh und sieh. Der Impuls der grafisch-malerischen Streifzüge ist klar: Es ist das Erlebnis eines Verlustes. Auch Eifersucht war dabei. Auch Neid nach dem Mauerfall. „Ich war ja nicht mehr dabei, als sie ihren Umbruch hatten, ich war schon weg“, sagte Sabine Moritz im Blick auf den Osten. „Dort gehörte ich nicht mehr hin, aber im Westen anzukommen blieb schwierig.“

Es ließe sich einwenden, dass das, was Sabine Moritz mit ihrer Rückschaukunst leistet, im Osten thematisch nichts Neues ist, denn der Osten lebt seit 1990 auch künstlerisch vor allem von Erinnerungen. Kindheitserinnerungen. Verlustanzeigen aus jeder Generation. Es ist aber doch etwas ganz Einzigartiges in diesem Werk: in seiner Ernsthaftigkeit, in seiner Genauigkeit, in seiner unsentimentalen Emotionalität - und in seiner konzeptionellen Fülle. Zeichnungen, Gemälde, Fotografien, alles das gehört dazu. Der Leiterin der Galerie, Gloria Köpnick, ist mit dieser Schau eine echte Überraschung gelungen.

Zwei Brüder, eine Schwester

Seit 1995 ist Sabine Moritz mit dem Maler Gerhard Richter verheiratet, dem berühmtesten und buchstäblich teuersten Künstler der Gegenwart, ein von Ost nach West Übersiedelter auch er. Es lassen sich Korrespondenzen zwischen beiden Werken entdecken: das Beschwören der Vergangenheit, das Arbeiten mit fotografischen Vorlagen, die aus der malerischen Unschärfe hergestellte Genauigkeit. Bilder, die den Betrachter fesseln: der Abstraktionsgrad öffnet sie, ihr sozialer Gehalt macht sie anschlussfähig.

Dem ersten folgte für Sabine Moritz inzwischen der zweite und dritte Blick zurück. Eine Fotoserie zeigt Jena-Lobeda in der Gegenwart, in diesem Fall fast malerisch - als würde Caspar David Friedrich auf die „Platte“ blicken.

Am Ende der Ausstellung porträtiert Sabine Moritz sich selbst und ihre Brüder. Drei Bilder, die nur Farbe zeigen. Viel Blau bei den Brüdern, viel Rot bei der Schwester: Das ist es, was hinter den Bildern der Kindheit pulsiert.

Bis 8. Januar 2023: Feininger-Galerie Quedlinburg, Schlossberg 11, Mi-Mo 10-18 Uhr, Di geschlossen. Katalog: 128 Seiten, 19,90 Euro

Sabine Moritz: Lobeda 73, 1991/1992
Sabine Moritz: Lobeda 73, 1991/1992
(Foto: Sabine Moritz 2022)