Harz

Harz: Berggeister in Lebensgefahr

Elbingerode/MZ. - Doing. Für einen Moment hüpft der Grubenhelm nach oben, schlägt zurück und nach Sekundenbruchteilen auf dem Nasenrücken auf und entlockt seinem Träger einen unterdrückten Fluch. Dann geht es weiter im Entengang. Der Rücken ist krumm, die Beine lassen sich nicht durchdrücken. Nur gut eineinhalb Meter misst der Gang, auf dessen Sohle Wasser über rostige Schwellen und Gleise sprudelt. Die Luft schmeckt nach Staub und Metall. Dort, wo der Schein der Stirnlampe nachlässt, rücken die felsigen Wände bedrohlich zusammen. Das hier ist nichts für Leute mit ...

Von Hendrik Kranert-Rydzy 24.09.2012, 18:37

Doing. Für einen Moment hüpft der Grubenhelm nach oben, schlägt zurück und nach Sekundenbruchteilen auf dem Nasenrücken auf und entlockt seinem Träger einen unterdrückten Fluch. Dann geht es weiter im Entengang. Der Rücken ist krumm, die Beine lassen sich nicht durchdrücken. Nur gut eineinhalb Meter misst der Gang, auf dessen Sohle Wasser über rostige Schwellen und Gleise sprudelt. Die Luft schmeckt nach Staub und Metall. Dort, wo der Schein der Stirnlampe nachlässt, rücken die felsigen Wände bedrohlich zusammen. Das hier ist nichts für Leute mit Platzangst.

Ungebetene Gäste

Und doch ist die stillgelegte Eisenerzgrube "Büchenberg" regelmäßig Ziel einer ganz speziellen Spezies Berggeister: "Mineraliensammler und Bergbau-Fanatiker gehen hier ein und aus", sagt Gerhard Jost, Altbergbau-Spezialist beim Landesbergamt. Das wäre an sich nicht problematisch, würden jene Leute sich auf das Besucherbergwerk "Büchenberg" bei Elbingerode beschränken. Das liegt gut fünf Kilometer südlich und 150 Meter höher als der Zillierbach-Erbstollen, durch den sich gerade ein Trupp der Landes-Bergbehörde zwängt. Der Stollen, in den 1950er Jahren in Richtung Grube getrieben, wird ab und an zu Kontrollzwecken genutzt. Die Tür hinein besteht aus massivem Stahl und ist mit einem Schloss gesichert. Ungebetene Gäste hält es dennoch nicht ab: Trotz aller technischen Raffinessen werden die Schlösser regelmäßig geknackt - und sogar gegen neue ausgetauscht.

Doch der Aufwand ist gar nicht nötig - es geht auch ohne Gewalt in die Grube. Ungefährlicher ist das aber nicht. Über Tagesbrüche und Pingen - Stellen, wo Übertage Erz gebrochen wurde - führen Spalten hinab in den Büchenberg. In den Wäldern zwischen Elbingerode und Wernigerode "gibt es eine Vielzahl von Einstiegen ins Bergwerk", weiß Jost. Sie alle - vor allem dauerhaft - zu sichern, sei quasi unmöglich. Und so geht es vor allem an den Wochenenden mitunter in der Grube zu wie auf einem Wochenmarkt - es herrscht reger Verkehr. In einschlägigen Internetforen wird darüber diskutiert und werden Fotos aus dem Altbergbau präsentiert.

Das, was dort ein Nutzer unter dem Pseudonym "Montanus" eingestellt hat, ist atemberaubend: Dank mehrerer Blitzlichter und Mehrfachbelichtung gleichen die Stollen, Wasserläufe und alten Gerätschaften Bildern aus der Zwergenwelt Moria im "Herr der Ringe".

Im fahlen Schein der Grubenlampen wirkt das Bergwerk eher nüchtern. Das sprudelnde Wasser unter den Stiefeln ist zähem Schlamm gewichen. Es schmatzt und ploppt bei jedem Schritt. Auf den kaum noch erkennbaren Gleisen stehen die stummen Zeugen emsigen Treibens, das inzwischen über 40 Jahre zurückliegt: kleine Hunte und größere Förderwagen; alte Schalttafeln und herausgerissene Reste einer Druckluftleitung. Alles ist von ockerfarbigen Mustern überzogen - Rost. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der in die Grube gebrachte Stahl nach und nach in seine Ausgangsform zurückkehrt - das hier Jahrhunderte lang geförderte Eisenerz ist schließlich vor seiner Verhüttung chemisch gesehen auch nur eine Art Rost.

Für die Technik hat der Chef-Geologe des Bergamts, Bodo-Carlo Ehling, jetzt aber keine Blicke übrig. Mitten auf der einstigen Förderstrecke türmen sich aus der Decke gebrochene große Steine. "Das liegt nicht seit 40 Jahren hier", murmelt Ehling. Im Licht der Grubenlampen glitzert es - Kristalle von Calcit waren Ziel von Mineraliensammlern. Keine zehn Meter weiter steht eine von den Bergleuten Fahrt genannte Leiter. "Nicht zufällig", kommentiert Jost und leuchtet nach oben. Zwischen festem Fels und dem Streckenausbau klafft ein Loch, dahinter führt ein schmaler Gang ins Nirgendwo.

Es braucht keines besonderen Hinweises, dass das kreuzgefährlich werden kann. Zwar ist das Bergwerk überwiegend in knochenharten Basalt gehauen. Doch dort, wo der Gang hinführt, liegt überall loses Gestein.

Jost macht allerdings kein Hehl daraus, dass ihm Steine suchende Zeitgenossen immer noch lieber sind als jene, deren Spuren er in der Grube gemeinsam mit der Polizei sichern musste. Zusammen mit den Beamten musste er Hinweisen nachgehen, dass im Bergwerk geschossen wurde. Und tatsächlich: "Auf der ersten Sohle war ein provisorischer Schießstand eingerichtet worden - mit Kerzen notdürftig ausgeleuchtet", erzählt der Geologe. Tausende Patronenhülsen - auch von automatischen Gewehren - wurden gefunden. Die Schützen jedoch nie. Bröckelndes Gestein ist nicht die einzige Gefahr, die sich im Dunkeln der Grube verbirgt. Hinter einem schmalen Durchschlupf öffnet sich eine alte Abbaukammer. Gut zehn Meter hoch und an die 40 Meter lang. Darin glänzt schwarz ein See und erinnert daran, dass unter den Füßen Hunderte Meter hoch Wasser steht.

Nachdem die Grube Büchenberg 1970 aufgegeben wurde, wurde sie geflutet. Nur die drei obersten Stockwerke - Sohlen genannt - blieben trocken. So soll verhindert werden, dass das Gebirge direkt unter dem Elbingeröder Besucherbergwerk in Bewegung gerät, sagt Jost. Zustände wie im Büchenberg herrschen in Sachsen-Anhalt in zahlreichen alten Bergwerken. Thomas Haufe, der die kleine Gruppe durch den Büchenberg führt, schätzt deren Zahl auf über 1 000. Und in Dutzenden davon sind regelmäßig Bergbau-Fanatiker unterwegs, "für die das ein Kick ist", sagt Jost. Rechtlich bewegen sich die Leute in einer Grauzone. Das Berggesetz kennt kein illegales Betreten alter Gruben - kontrollieren würde es sich ohnehin kaum lassen. "Wir können daher immer nur eindringlich vor den Gefahren warnen", sagt Jost.

Tödlichen Rolllöcher

Etwa vor nicht mehr standsicherem Ausbau - es sind Holz- und Metallpfeiler, die Schutz vor nachbrechendem Gestein bieten sollten. Oder sogenannten Rolllöcher: Diese röhrenförmige Verbindung zwischen zwei Sohlen diente dazu, abgebautes Erz von einem höher gelegenen Abbau ohne viel Aufwand in die tiefer gelegenen Wagen der Grubenbahn zu befördern. Heute sind sie oftmals nur notdürftig, manchmal auch gar nicht abgedeckt. Ein Sturz in eine solche "Rolle" dürfte tödlich enden.

Dann geht es im Gänsemarsch zurück. Unter dem Helm hervor tropft es auf die Nase. Das Wasser schmeckt salzig und stammt nicht aus dem Bergwerk. Der Selbstretter, eine Art Gasmaske, schlägt gegen den Rücken, die Beine schmerzen. Das Atmen fällt schwer. Dann endlich taucht ein Fingernagel großer Lichtpunkt über Ehlings Schulter auf. Doing. Noch einmal knallt der Helm gegen das Gestein. Zwanzig Minuten später ist der Ausgang erreicht. Frischluft - endlich.

Letzte Folge der Serie: Neuer Reichtum aus alten Gruben?