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Geboren am Tag der Wiedervereinigung Geboren am Tag der Wiedervereinigung: Kindheit im frisch vereinten Deutschland

Von Cornelia Winkler 05.10.2015, 22:40
Janine Kleindienst lebt gemeinsam mit Lebenspartner Sven Kannis und Sohn Oskar an der Unstrut.
Janine Kleindienst lebt gemeinsam mit Lebenspartner Sven Kannis und Sohn Oskar an der Unstrut. Torsten Biel Lizenz

Reinsdorf - Ab und zu würden sie schon darauf angesprochen, wenn jemand ihr Geburtsdatum sieht. Aber eigentlich sei es Unfug, denn sie selbst könnten sich natürlich nicht daran erinnern, erzählt Nicole Kleindienst und kichert. Angesteckt vom Lachen ihrer drei Minuten älteren Schwester fügt Janine Kleindienst hinzu: „Aber wir haben an dem Tag immer frei und konnten immer zusammen feiern.“ „Als Zwilling alleine Geburtstag haben, ist irgendwie auch schwer, oder?“, fällt Nicole ihr ins Wort und wirft ihrer „kleinen“ Schwester einen skeptischen Blick zu – beide beginnen erneut loszuprusten. Als Deutschland am 3. Oktober 1990 seine Wiedervereinigung feierte, gab es für Gabriele Kleindienst aus Reinsdorf im Burgenlandkreis gleich doppelt Grund zum Feiern. Denn nicht nur war es die Geburtsstunde ihres wiedervereinten Heimatlandes. An diesem Tag erblickten auch ihre beiden Zwillingstöchter Nicole und Janine das Licht der Welt. Am 3. Oktober 2015 werden sie 25 Jahre alt, genau wie ihr Heimatland.

Gemeinsam sitzen die zweieiigen Zwillinge im Erdgeschoss des Hauses, in dem sie die ersten fünf Jahre ihres Lebens verbracht haben. Es ist das Haus ihrer Großeltern, die bis heute dort wohnen. In der Stube haben es sich die beiden auf einem kleinen Zweiersofa bequem gemacht. Beide tragen ein gemustertes, knapp über die Knie reichendes Kleid. Dazu schwarze Leggins und Stiefeletten. Nicht identisch, aber derselbe Stil. Was sie sonst noch eint, sei derselbe Humor, diese typischen Schwestern-Insider-Witze, über die nur sie beide lachen könnten. Selbst die ein Jahr ältere Schwester Carolin würde da oft nur den Kopf schütteln und sie als albern bezeichnen, erzählt Nicole. Abgesehen davon wirken die junge Frauen eher verschieden: Janine Links-, Nicole Rechtshänderin, die Erste praktisch veranlagt, die Zweite eine Theoretikerin. Janine bevorzugt die Ruhe, Nicole dagegen sucht den Trubel und die Abwechslung.

Unbeschwerte Kindheit

Als Fünfjährige verließen sie das Haus der Großeltern. 1995 zog die fünfköpfige Familie in ein eigenes Haus – direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite in dem beschaulichen 500-Seelen-Ort Reinsdorf. Hier sind die beiden Mädchen großgeworden. Hier konnten sie im Garten toben, hatten stets ihre Großeltern um sich und erlebten eine unbeschwerte Kindheit auf dem Land. Nach der Schule wollten beide erst einmal weg. Zu Kindheits- und Jugendzeiten waren sie stets auf den Chauffeur-Service ihrer Eltern angewiesen. Sei es zum Kino, zur Einkaufstour oder in den Nachbarort zu Freundinnen. Also hieß es nach dem Abitur raus aus dem Dorf, studieren und etwas anderes erleben. „Ich habe allerdings relativ schnell gemerkt, dass mir hier eigentlich nichts fehlte“, so Janine, die seit Anfang dieses Jahres Reinsdorf wieder ihr Zuhause nennt.

Mit Freund Sven Kannis und dem vier Monate alten Söhnchen Oskar ist sie nach zwanzig Jahren zurück in das Haus der Großeltern gezogen, wo die junge Familie nun die obere Etage bewohnt. Nach dem Bachelorstudium in Jena habe sie noch eine Zeit lang mit ihrem Freund in Leipzig gelebt. Doch das Stadtleben sei ihr zu turbulent. Und mit dem kleinen Sohn wäre es sowieso schöner auf dem Land - Kindergarten und Grundschule sind auch in Reinsdorf vorhanden. „Mittlerweile brauche ich mein Dorfleben, meinen Ruheort“, gibt sie zu und lacht dabei, als würde sie gerade selbst nicht ganz glauben, dass sie diesen Satz gesagt hat. Nicole, die es zum Soziologiestudium nach Dresden verschlagen hat, kann sich den Rückzug in ihren Heimatort dagegen nicht vorstellen. „Ich freue mich zwar immer die Familie hier zu besuchen“, sagt sie. „Aber ich bin ein Stadtmensch. Ich brauche das Gewusel und die Unternehmungsmöglichkeiten vor der Tür.“

Früher war alles anders

Die Zeit der Wiedervereinigung haben die Zwillinge natürlich nicht in Erinnerung. „Selbstverständlich haben unsere Eltern von ihrer Vergangenheit erzählt, da bekam man die DDR-Perspektive mit. Aber, dass es früher hier anders war, als in der BRD, das ist einem im Kindesalter einfach nicht bewusst“, so Nicole. Das hätten sie auch erst während der Schulzeit verstanden. Dennoch sind sich beide bewusst, dass ihr Leben durch die Einheit von Ost- und Westdeutschland anders verlaufen ist. Vor allem, wenn sie wieder einmal das Fernweh packt. Kroatien, London, Österreich – als Dreiergespann mit der älteren Schwester sind sie gern viel gereist. „Und mein Auslandspraktikum in Stockholm wäre wohl auch nicht einfach so möglich gewesen“, glaubt Nicole.

Doch auch wenn sie das Leben in DDR und BRD selbst nicht miterlebt haben, wissen sie, dass einige Unterschiede die Wiedervereinigung überlebt haben. „Manche sind nur in den Köpfen verankert. Vorurteile, die von der Generation unserer Eltern transportiert wurden“, sagt Nicole. Dennoch glaubt sie, dass sich beide Teile in den kommenden Jahren weiter annähern. Auch Janine stimmt dem zu: „Ich werde meinem Sohn ebenfalls davon erzählen. Aber es wird weniger sein, als das, was unsere Eltern uns erzählt haben.“ Denn sie selbst kenne es ja nur aus Erzählungen und Geschichtsbüchern. Und wie die Erinnerungen durch den Generationswechsel immer mehr verblassen, so hofft sie, werden auch die Unterschiede zwischen Ost und West allmählich verschwimmen. (mz)

Sie kennen Deutschland nur vereint: Nicole (links) und Janine Kleindienst sind am Tag der Deutschen Einheit auf die Welt gekommen.
Sie kennen Deutschland nur vereint: Nicole (links) und Janine Kleindienst sind am Tag der Deutschen Einheit auf die Welt gekommen.
Andreas Stedtler Lizenz
Sie pendelt zwischen Elbe und Unstrut - Nicole Kleindienst studiert in Dresden Soziologie.
Sie pendelt zwischen Elbe und Unstrut - Nicole Kleindienst studiert in Dresden Soziologie.
Torsten Biel Lizenz