Flugzeugabschuss 1964

Flugzeugabschuss 1964: Kalter Krieg in Gardelegen

Estedt - Als sowjetische Abfangjäger vor 50 Jahren einen US-Spionagejet über Sachsen-Anhalt abschießen, droht das Gleichgewicht des atomaren Schreckens für einen Augenblick aus der Balance zu geraten.

Von Steffen Könau 01.03.2014, 09:50

Als sowjetische Abfangjäger vor 50 Jahren einen US-Spionagejet über Sachsen-Anhalt abschießen, droht das Gleichgewicht des atomaren Schreckens für einen Augenblick aus der Balance zu geraten.

Es ist kurz vor drei Uhr nachmittags, als sich Captain David I. Holland zum letzten Mal bei der Basis der US-Air-Force meldet. Er sei über Nordholz nahe Cuxhaven, teilt der 35-jährige Pilot der Douglas RB-66C der US-Luftwaffe mit, die offiziell unterwegs ist, um den 24 Jahre alten First Lieutnant Harold W. Welch als neuen Navigator einzuarbeiten. Gestartet ist das mit Strahltriebwerken ausgerüstete Spezialmodell der ursprünglich als Bomber gebauten B-66 „Destroyer“ an diesem Tag im französischen Stützpunkt in Toul-Rosieres, ein direktes Ziel gibt es nicht. USAF-Flieger Nummer 54-0541 ist auf einem Routineflug im Kalten Krieg, ausgeführt über befreundetem Territorium.

Doch nur wenige Minuten nach Hollands letzter Funkmeldung droht der Ausbildungsausflug der dreiköpfigen Mannschaft Richtung Norden plötzlich den dritten Weltkrieg auszulösen. Angeblich, so wird es später von Seiten der Amerikaner heißen, habe Navigationsoffizier Captain Melvin J. Kessler den Radiokompass der RB-66 weisungsgemäß ausgeschaltet, damit Jung-Navigator Welch sein Können beweisen kann.

Zwischen 1961 bis 1963 schon nach westlichen Angaben allein im Nato-Befehlsbereich Mitte 77 Flugzeuge über die Grenze zur DDR, gleichzeitig verletzten sowjetische Flieger allerdings 95 mal den Nato-Luftraum. Vorteil für die Amerikaner: Das Potsdamer Abkommen gestand ihnen drei Luftkorridore nach Berlin zu, die sie frei durchfliegen durften. Mit den bereits in den 50er Jahren verfügbaren optischen und elektronischen Geräten waren so Fotoaufnahmen und Funkerkundungsflüge möglich, die nahezu das gesamte Gebiet der DDR umfassten. Der 1957 in Dienst gestellte Fernaufklärer U-2 erledigte den Rest: Aus bis zu 21 Kilometern Höhe konnte das Flugzeug einen Geländestreifen von 700 Kilometern Breite fotografieren. Die U-2 musste also, um die DDR auszuspionieren, nicht einmal in deren Luftraum eindringen. Bei der RB-66C waren Schrägbildkameras seitlich in die Bordwände eingelassen.

Die Folgen allerdings sind verheerend. Denn statt in der Nähe von Cuxhaven befindet sich die Maschine der 42. Taktischen Aufklärungsstaffel der Air Force zum Zeitpunkt des letzten Funkkontaktes viel weiter südlich und - noch schlimmer - viel weiter östlich als angegeben. Unter dem Flugzeug liegt Haldensleben, ein Ort in der DDR. Die Maschine hat die Grenze überflogen und ist rund dreißig Kilometer tief in den Luftraum der sozialistischen Arbeiter- und Bauernrepublik eingedrungen. Holland, Kessler und Welch überfliegen zudem ein Gebiet, in dem die Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) zufälligerweise gerade ein Manöver abhält.

Sofort Großalarm

Bei der sogenannten Diensthabenden Kette der Sowjettruppen löst die unidentifizierte amerikanische Maschine sofort Großalarm aus. Sowohl vom nördlich gelegenen Flughafen in Wittstock als auch aus Altengrabow im Süden starten zwei Mig-19 und gehen auf Abfangkurs. „Ich hatte nicht einmal Zeit, meinen Druckanzug anzuziehen“, berichtet der Pilot Vitalij Iwannikow später. Es sei sogar „Start mit Nachbrenner“ befohlen worden, obwohl das als Risiko gilt. „ich schaffte es nicht, das Fahrwerk einzuziehen, da kam schon das Kommando Kurs 330 Grad, reales Ziel, Waffen bereit machen.“

Vom Mittagessen in den Beginn eines Krieges, so empfindet Hauptmann Iwannikow es. Und ganz offenbar nicht nur er. Während die amerikanische RB 66C in einer Höhe von rund zehntausend Metern jetzt Richtung Nordwesten fliegt, muss der erste der Abfangjäger abdrehen, weil seine Waffen versagen. Der zweite Pilot Boris Sizow hängt sich an den Amerikaner, bekommt aber keinen Feuerbefehl, weil der Verantwortliche auf dem Boden erst noch nach seinem Kommandeur suchen muss, um selbst Feuererlaubnis zu erhalten.

Auf einer taktischen Karte des Gefechts, in dem die Air-Force-Maschine von Anfang an chancenlos ist, schneidet die Flugroute der drei sowjetischen Maschinen die der Douglas RB-66C zweimal. Vitalij Iwannikow beobachtet die Versuche seiner Genossen, den Eindringling zu stoppen. Doch der reagiert nicht auf Warnungen und ignoriert selbst Warnschüsse. Sizow dreht ab, weil er schon zu nah am Gegner ist, als er grünes Licht endlich für den Beschuss bekommt. Fjodor Sinowjew gelingt anschließend kein Treffer. Auch er muss abdrehen.

Rauch im Triebwerk

Nun ist nur noch Iwannikows Mig-19 übrig, die in der Nähe von Gardelegen rund 400 Meter hinter der Air-Force-Maschine in Stellung geht. Captain Holland weiß, dass er bis zur Grenze noch wenigstens zehn Minuten brauchen wird - zehn Minuten, die er nicht hat. Während Iwannikow seine Bordkanonen scharf macht, fährt Holland vorn die Landklappen aus. Der Effekt ist ähnlich dem einer Vollbremsung: Iwannikow sitzt der Douglas schlagartig im Nacken. Da seine S-5-Raketen etwa 130 Meter brauchen, ehe sie scharf sind, kann er fast schon nicht mehr feuern.

Er tut es dennoch. Sofort zeigt sich Rauch im Bereich des linken Triebwerkes. Der Mig-Pilot hat aber nun auch selbst Probleme, weil herumfliegende Splitter der Douglas sein Flugzeug treffen. „Ich führte das Feuer mit den 23-Millimeter-Bordkanonen weiter“, berichtet er später, „im Folgenden ging das Ziel bei wachsender Schräglage in einer tiefe Spirale über“. Vitalij Iwannikow beobachtet das Öffnen von drei Fallschirmen, er sieht die Explosion des gegnerischen Fliegers in der Nähe des Örtchens Estedt und dreht daraufhin ab Richtung Luftstützpunkt Altes Lager Jüterbog. Der gesamte Einsatz, rechnet er nach, hat 26 Minuten gedauert.

26 Minuten, in denen der kalte Krieg ein heißer zu werden droht. Erst wenige Wochen vor dem dramatischen Geschehen am Himmel über Gardelegen haben sowjetische Jagdflieger über Vogelsberg in der Nähe von Sömmerda ein US-Flugzeug vom Typ T-39 „Sabreliner“ abgeschossen. Auch die dreiköpfige Besatzung unter dem Befehl von Lieutenant Colonel Gerald K. Hannaford hatte sich angeblich verflogen, auch sie reagierte auch nicht auf Anweisungen und Warnschüsse. Zwei Mig-19 schossen scharf, am Bonifatiushügel bei Vogelsberg zerschellte die US-Maschine, alle drei Besatzungsmitglieder starben.

Über Estedt aber öffnen sich drei Fallschirme. Auf einer Straße nahe der Absturzstelle stoppt der Gardelegener Willi Gille sein Auto. Er sieht einen der offenbar verletzten Piloten und fragt per Handzeichen, ob er ihn ins Hospital fahren soll. Der Amerikaner fragt: „Is this Westgermany?“ Gille muss ihn enttäuschen: „DDR“, sagt er. „Da hat er das Gesicht verzogen“, erinnert er sich später.

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Anderenorts greifen jetzt die üblichen Routinen der Block-Konfrontation. In der Berliner Clayallee starten nur zwei Stunden nach dem Abschuss zwei Offiziere der US-Militärmission Richtung Magdeburg. Major Bill Thompson und sein Fahrer Wolfgang Preisler fahren in einem Dogde Rambler Richtung Absturzstelle, um Klarheit über der Schicksal der Piloten zu gewinnen. Es geht mitten durch die sowjetischen Truppen im Manövergebiet. „Major Thompson grüßte und die Russen grüßten sogar zurück“, beschreibt Preisler später - der Dogde habe in der Dunkelheit wohl ausgesehen wie eine russische Tschaika-Limousine. Im Wald hängen überall Radartäuschstreifen, die die RB-66 im Todeskampf abgeworfen hat. „Die Bäume sahen aus, als hätte sie jemand für Weihnachten geschmückt.“ Es riecht nach Rauch und Feuer, aber von den drei Piloten ist keine Spur mehr zu sehen.

„Vorsätzliche Provokation“ vermeldet die staatliche DDR-Nachrichtenagentur ADN am nächsten Tag. Es handele sich bei dem Überflug offensichtlich um einen „aggressiven Akt gegenüber den Ländern des Sozialismus“, heißt es. Die US-Seite dagegen gibt sich ahnungslos. „Es scheint“, behauptet ein Oberst Mark Gilman vom US-Hauptquartier im „Spiegel“, „dass die Maschine durch falsche Funksignale irregeleitet wurde und Störsender unsere Warnrufe unverständlich machten.“ Man wisse nichts über den Typ der vermissten Maschine, nicht den Grund, weshalb sie sich verflogen habe, noch etwas über den Aufenthaltsort der Besatzung.

Als „Prachtkerle“ gelobt

Den findet Wolfgang Preisler eher zufällig heraus, nachdem sein Chef Thompson von den sowjetischen Truppen in deren Kaserne in Gardelegen komplimentiert worden ist. Wie immer bleibt Preisler im Auto, um dieses kostbare Stück amerikanisches Hoheitsgebiet mitten im sowjetischen Machtbereich zu verteidigen. Als er mit ein paar Kindern scherzt, die auf dem Weg zur Schule sind, fragt ihn einer „Sind Sie ein Freund von den anderen Amerikanern, die im Krankenhaus liegen?“ Seine Mutter arbeite dort und habe davon erzählt. Preisler erfährt von leichten Verletzungen der drei Flieger und dass sie später fortgebracht worden seien.

In der sowjetischen Manöverzentrale in der Colbitz-Letzlinger Heide wird gefeiert. Als „Prachtkerle“ lobt der im Hauptquartier anwesende Vize-Verteidigungsminister Andrei Gretschko seine Männer. Alle Informationen über die US-Piloten wollen sich die Sowjets nur im Tausch gegen Zugeständnisse der Amerikaner abhandeln lassen. Gleichzeitig dient der Abschuss als Munition im Propangandakrieg: Karl-Eduard von Schnitzler spottet auf offener Bühne über die Flugkünste und die durchschaubaren Ausflüchte der Amerikaner. Valentin Falin, später Mitstreiter von Michael Gorbatschow, damals aber noch Nikita Chruschtschows Chefstratege für Deutschlandfragen, lässt einen Film, der in einer Kamera in der RB-66 gefunden wurde, entwickeln und übergibt auf persönlichen Befehl Chruschtschows hin einige „großformatige Aufnahmen von SU- und DDR-Luftraumbeobachtungsposten“ an die damit schwer blamierte USA.

Navigationsproblem

Deren Absichten liegen für die Sowjets offen zutage. Im Januar erst haben die USA von ihrer Vandenberg Air Force Base in Kalifornien den Aufklärungssatelliten „Ferret“ gestartet, der aus 160 Kilometer Höhe den nicht nur den Funkverkehr der Sowjets abhören, sondern auch deren Funkstationen identifizieren kann. Dazu aber müssen sie funken - und um sie dazu zu verleiten, glaubt der direkt beteiligte Vitalij Iwannikow, müssen aus US-Sicht Flugbewegungen her, die sie dazu provozieren.

Ein Kampf im Geheimen, aufgeführt am offenen Himmel und ausgetragen in den folgenden Wochen in Zeitungen, Funk und Fernsehen. „Problems in Navigation“, schreiben US-Zeitungen, „Grenzverlequng unterbunden“, meldet die „Aktuelle Kamera“. Am 21. wird der schwerer verletzte 24-jährige zur Behandlung in den Weste entlassen, am 27. März werden die beiden anderen US-Flieger von Magdeburg aus mit dem Auto zum Grenzübergang Helmstedt gefahren und aus der DDR „abgeschoben“, wie es im „Neuen Deutschland“ heißt. Schon einen Tag später verkündet US-Präsident Lyndon B. Johnson bei einem Pressetermin auf seiner Farm in Texas, dass er Anweisungen erteilt habe, um „Irrflüge Richtung Osten“ künftig zu vermeiden. Danach dürfen US-Maschinen einen 48-Kilometer-Korridor an der Grenze von nun an nicht mehr befliegen.

Für Vitalij Iwannikow folgt das Ende seines Kampfeinsatzes noch einen Monat später, als ihm zwar ein Rotbannerorden überreicht, zugleich aber sein Abschuss dem dem Fehlschützen Fjodor Sinowjew gutgeschrieben wird. Ein politisches Manöver der Kreise um Staatschef Chruschtschow, die in diesen Tagen in Abwehrkämpfen gegen den nach der Macht strebenden Leonid Breshnew und seine Verbündeten stehen. Iwannikows Divisionskommandeur ist Alexej Mikojan, Sohn von Breshnews Gefolgsmann Anastas Mikojan. Um den Breshnew-Flügel nicht zu stärken, muss Hauptmann Iwannikow die nächsten 25 Jahre über seine Rolle beim Abschuss über Gardelegen schweigen.