Der Retter des Blutapfels

Der Retter des Blutapfels: Warum sich ein Arzt um Äpfel und Streuobstwiesen kümmert

Wernigerode - Matthias Bosse ist Arzt und kümmert sich in seiner Freizeit um Streuobstwiesen. Er möchte viele alte Fruchtsorten erhalten. Denn im Supermarkt sind ihm zu wenige im Angebot.

Von Steffen Höhne

Die Abendsonne scheint auf den „Alten Jakob“, das verbrannte Gras schimmert fast golden, an knochigen Bäumen hängen reife Äpfel und Birnen. Auf dem Hügel im Osterholz an der B 81 nahe Blankenburg (Harz) bewirtschaftet Matthias Bosse eine Streuobstwiese.

Der 53-Jährige ist Mediziner. Es kommt nicht oft vor, dass ein Arzt nebenberuflich auch als Obstbauer tätig ist. Mindestens genauso selten sind auch die Apfelsorten, die er anbaut. Bosse zeigt auf einen Baum: „Dort wächst der ,Halberstädter Jungfernapfel’, die Sorte kennt aber kaum noch jemand.“

Stimmt. Selbst in gut sortierten Supermärkten oder auf Wochenmärkten gibt es kaum mehr als zehn unterschiedliche Apfel-Sorten zu kaufen. In den Auslagen liegen die üblichen Verdächtigen: Braeburn, Elstar, Gala, Golden Delicious oder Jonagold. Dabei haben Pflanzenforscher des Julius Kühn-Instituts (JKI) allein in Deutschland 2 397 Apfelsorten bestimmt, nur ein Bruchteil gedeiht davon überhaupt noch auf Plantagen und Streuobstwiesen.

Aus eigener Tasche finanziert

Bosse und seine Frau Annika wollen dazu beitragen, dass rare und alte Apfelsorten nicht komplett verschwinden. Eine Sorte gilt dabei als alt, wenn sie etwa 100 Jahre bekannt ist. Auf seiner Streuobstwiesen stehen daher auch zahlreiche neu gepflanzte Bäume, die durch kleine Zäune geschützt sind. An jedem Baum hängt ein weißes Schild. Auf einem steht: „,Große Schwarze Knorpelkirsche’, erste Hinweise von 1540, gehört zu den ältesten uns heute noch bekannten Kirschsorten.“ Rund 350 Sorten aus der Region hat Bosse in den vergangenen Jahren bereits nachgepflanzt. Finanziert hat er das aus eigener Tasche. „Andere kaufen sich einen Porsche, ich Bäume“, sagt er mit einem Lächeln.

Erste Plantagen im 19. Jahrhundert

Hochstämmige Streuobstwiesen - der Name kommt daher, dass verschiedene Obstarten verstreut auf einem Gelände stehen - waren nach Angaben von Thomas Karl Schlegel, Leiter für Obstbau bei der Landesanstalt für Landwirtschaft, Forst und Gartenbau, bis Ende des 19. Jahrhunderts die Regel. In Sachsen-Anhalt waren sie vor allem in den Flusstälern von Unstrut und Saale verbreitet. Erst danach kam die Plantagenwirtschaft auf. Es wurden sogenannte niederstämmige Bäume gezüchtet, die kaum größer als 1,50 Meter sind und bereits nach drei bis vier Jahren Früchte tragen.

„Erst diese Züchtungen ermöglichten schnelle und große Ernten. Niemand muss mehr auf einen Baum klettern, um Früchte zu pflücken“, so Schlegel. Die meisten Obstplantagen mit einer Gesamtfläche von 8500 Hektar liegen heute im Landessüden mit 35 größeren Betrieben. Diese sind traditionell um den Süßen See bei Eisleben (Mansfeld-Südharz) sowie bei Querfurt (Saalekreis) und Naumburg (Burgenlandkreis) ansässig.

Pflanzenforscher des Julius Kühn-Instituts haben allein in Deutschland 2397 Apfelsorten bestimmt. Hier eine Auswahl traditioneller Sorten:

Gravensteiner: Die Sorte ist bereits seit 1669 bekannt. Die Frucht ist mittelgroß bis groß, die Schale gelb und sonnenseits geflammt. Das gelblich-weiße Fruchtfleisch ist fest und sehr saftig. Er ist als Tafelapfel und Brennfrucht geeignet.

Blutapfel: Er wurde erstmals 1910 beschrieben. Die Sorte zeichnet sich durch ihre dunkle rote Farbe aus. Auch das Fruchtfleisch ist rot. Die blühenden Bäume sind dekorativ und dienen auch als Ziergehölz.

Alkmene: Die Frucht ist um 1930 durch eine Kreuzung entstanden. Die Schale ist glatt und dünn, das gelbliche Fleisch mittelfest und saftig. Der aromatische Apfel eignet sich auch sehr gut zum Backen.

Boskoop: Dieser wurde um 1850 bestimmt. Die ziegelroten Früchte sind oft sehr groß, er hat ein festes Fleisch. Der Boskop eignet sich sehr gut für eine längere Lagerung.

Dass Bosse rare Apfelsorten erhalten will, hat viel mit seinem Hauptberuf als Allgemein- und Sportarzt zu tun. „Gesundheit und vernünftige Lebensweise haben viel miteinander zu tun“, sagt er. Bei seinem Anbau verzichtet er auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. An seinen Bäumen hängen dafür Nistplätze für Vögel. Die Düngung übernimmt eine Herde Merinoschafe von einem benachbarten Hof in Langenstein. Die Behandlung der Äpfel mit Chemie auf den großen Plantagen sieht er kritisch. „Die Äpfel werden so intensiv behandelt, dass sie selbst nach dem Transport aus Neuseeland im Supermarkt noch frisch und knackig aussehen“, sagt Bosse.

Das, was der Obstbauer im Nebenberuf im Kleinen versucht, unternimmt das JKI auch im Großen. Das Bundesforschungsinstitut koordiniert die „Deutsche Genbank Obst“. An mehreren deutschen Standorten gibt es Plantagen, auf denen Hunderte verschiedene Obstsorten gepflanzt sind. Manche der alten Apfelsorten sind widerstandsfähiger gegen Krankheiten wie Schorf oder Mehltau. „Diese können im Sinne eines nachhaltigen und umweltschonenden Anbaus auch für neue Züchtungen genutzt werden“, so das JKI. Seit langem gibt es etwa resistente Sorten gegen verschiedene Pilzkrankheiten. Doch auf dem Markt konnten sich diese nicht durchsetzen. Nach Ansicht von Obstexperte Schlegel ist für die Sortenarmut im Handel der Verbraucher selbst verantwortlich.

Kaufverhalten steuert Anbau

„Die Kunden kaufen lieber glatte, glänzende Äpfel, die auch länger haltbar sind“, so Schlegel. Also würden solche Sorten bevorzugt angebaut. „Ein Apfel der Sorte Gravensteiner beispielsweise ist zwar sehr schmackhaft, aber äußerst druckempfindlich“, erläutert Schlegel. Um Äpfel mit braunen Flecken würden die Verbraucher im Einkauf einen weiten Bogen machen. Apfelexperte Sigurd Schossig, der als Pomologe arbeitet, tritt der Ansicht entgegen, dass bei großflächigen Plantagen besonders viel Pflanzenschutzmittel gespritzt werden. „Das Spritzen ist aufwendig und teuer. Allein aus Kostengründen wird versucht, es zu reduzieren“, so Schossig. Dennoch werden Äpfel im konventionellen Anbau 15 bis 20-mal im Jahr behandelt, um etwa Pilze zu bekämpfen.

Auch weil Bosse darauf verzichtet, sind seine Äpfel, Birnen, Pflaumen und Kirschen in der Region bei bestimmten Käufergruppen gefragt. Unter der Marke „Dr. Bosse Traditionsobst“ vermarktet er seine frischen Früchte und Säfte an Bio-Supermärkte, Internate und Kindergärten. „Die Nachfrage nach ökologisch produzierten Produkten steigt“, sagt Bosse. 2015 erwarb er zwei weitere Plantagen. Inzwischen hat das Ehepaar auch einen festen Mitarbeiter und zwei Saisonkräfte eingestellt.

„Im Moment ist der Obsthandel noch ein Zuschuss-Geschäft, in einigen Jahren wollen wir damit aber auch Geld verdienen.“ Dann geht Bosse zu einem Baum auf seiner Streuobstwiese und greift ins Blattwerk: „Schauen Sie, eine Nordhäuser Winterforelle.“ Nein, es ist kein Fisch, sondern eine schmackhafte Birne.  (mz)