Gegen Hetze im Netz

Wie Sozialarbeiter im Landkreis Opfern von Cybermobbing helfen

Hasskommentare und Beleidigungen im Internet nehmen zu. Welche Erfahrungen Sozialarbeiter gemacht haben und welche Möglichkeiten die Opfer haben.

Von Martin Walter
In sozialen Netzwerken wie Facebook sind Cybermobbing und Hatespeech weitverbreitete Probleme. Foto: Dpa

Weißenfels/Zeitz- Hassrede und Mobbing sind zwar keine neuen Phänomene, doch finden sie immer mehr digital statt, wie mehrere Sozialarbeiter berichten. Einer von ihnen ist Matthias Hühn, der als Schulsozialarbeiter vom Internationalen Bund an der Albert-Schweizer Sekundarschule in Naumburg tätig ist. Seit 2011 übt er diesen Beruf aus. Während dieser zehn Jahre habe das Mobbing in den Schulen nicht unbedingt zugenommen, „aber es hat sich immer mehr ins Internet verlagert, wo sich die Schüler frei und unkontrolliert bewegen können“, sagt er.

Täter durch das Netz anonym: Cybermobbing und Hatespeech ist ein gesellschaftliches Problem

Dass dort auch anonym beleidigende Kommentare abgegeben werden können, stelle ein besonderes Problem für die Betroffenen dar. Denn während Schulsozialarbeiter bei Mobbing in der physischen Welt zunächst das Gespräch mit den Tätern und deren Eltern suchen würden, ist bei anonymen Kommentaren nicht klar, wer überhaupt der Täter ist. Dann helfe es oftmals nur, sich an die Polizei zu wenden, die die Täter dann über deren IP-Adresse ermitteln können.

Auch Grit Deibicht, Sozialarbeiterin in der Jugendfreizeiteinrichtung „Kleine Blaue Maus“ des Christlichen Jugenddorfwerks Deutschlands (CJD) in Lützen, habe schon von einigen jungen Besuchern gehört, dass sie im Internet gemobbt wurden. Doch betreffe das nicht nur die Kinder und Jugendlichen: „Letztendlich ist es ein gesamtgesellschaftliches Thema, dass der Ton im Internet rauer geworden ist.“ Auch sie nimmt an, dass das vor allem damit zu tun habe, dass man dort auch anonym beziehungsweise unter Falschnamen kommentieren und beleidigen kann.

Seminare zu Cybermobbing und Hatespeech in Schulen und Jugendclubs

Sowohl Grit Deibicht als auch Matthias Hühn haben an Seminaren zu der Thematik teilgenommen. Geleitet wurden sie unter anderem von dem Rechtsreferenten Andy Staudte vom Projekt Fairsprechen und der Jugendschutzreferentin Juliane Werner von der Servicestelle Kinder- und Jugendschutz – beides in Trägerschaft des Verbands junger Medienmacher (fjp-media) mit Sitz in Magdeburg. Normalerweise führen sie die Seminare in Schulen und Jugendclubs durch - coronabedingt müssen sie derzeit digital stattfinden.

Ihre Schwerpunkte sind Hatespeech und Cybermobbing. Beides ähnelt sich, doch gibt es auch Unterschiede. Bei Hatespeech, also Hassrede, handelt es sich um eine „zumeist gruppenbezogene, menschenverachtende Herabwürdigung“, erklärt Andy Staudte. Oftmals seien es sogar „organisierte Kampagnen gegen die Betroffenen“. Auch er und seine Kollegen haben in den vergangenen Jahren eine Zunahme von Beleidigungen und Hassreden im Internet wahrgenommen.

Rechtsreferent Andy Staudte und Jugendschutzreferentin Juliane Werner beraten zu den Themen Hatespeech und Cybermobbing.
Screenshot: Martin Walter

Opfer von Cybermobbing sind, würden sich oft nicht trauen, jemandem davon zu erzählen

„Das ist ein alarmierendes Signal“, sagt Andy Staudte. Die Opfergruppen seien vielfältig und könnten je nach Lage auch wechseln. Seit Beginn der Corona-Pandemie sei beispielsweise auffällig, dass sich Hatespeech oftmals gegen asiatisch aussehende Menschen richtet, da das Virus ursprünglich aus China stammt. Cybermobbing hingegen ist eine Form der Nachstellung, die sich speziell gegen eine Person richtet und selten vom „normalen“ Mobbing zu trennen sei.

Aber: „Die Täter steigern sich über die sozialen Netzwerke oftmals noch mehr rein“, sagt Juliane Werner. Kinder und Jugendliche, die Opfer von Cybermobbing sind, würden sich oft nicht trauen, jemandem davon zu erzählen. Doch sei das ein erster wichtiger Schritt. „Deshalb sollte das Thema auch in der Schule angesprochen werden, beispielsweise in Projekttagen. Und die Sozialarbeiter sollten immer mal wieder bei den Schülern nachfragen, ob es Probleme in dieser Richtung gibt“, wirbt Juliane Werner für einen offensiven Umgang.

Was können die Betroffenen gegen Hatespeech und Cybermobbing unternehmen?

Während Cybermobbing oft, aber nicht nur, unter Schülern vorkommt, kann Hassrede im Prinzip jeden treffen. So gibt es beispielsweise Politiker, die Opfer von Hatespeech wurden und sich daraufhin aus den sozialen Medien zurückgezogen haben. Andy Staudte sieht darin deshalb sogar „eine Gefahr für die Demokratie“. Gefährlich sei es beispielsweise, wenn im Internet Adressen von Politikern bekanntgegeben werden und sich „der digitale Hass in einer realen Situation niederschlägt.“

Auch, was derbe Inhalte in Klassenchats, beispielsweise bei WhatsApp anbelangt, sei „vielen Schülern gar nicht bewusst, dass sie Straftaten begehen und belangt werden können, wenn sie beispielsweise Fotos mit Hakenkreuzen teilen“, sagt Juliane Werner. Deshalb sei eine frühe Aufklärung nötig. Doch was können die Betroffenen gegen Hatespeech und Cybermobbing unternehmen? Zunächst bieten die meisten sozialen Medien die Möglichkeit, Hassrede und Beleidigungen zu melden. Je nach Schwere sollten die Betroffenen auch erwägen, zur Polizei zu gehen und Anzeige zu erstatten. Wichtig dabei:

Zur Beweissicherung sollte ein Screenshot der Beleidigung gemacht werden.

Andy Staudte, Rechtsreferenten Andy Staudte vom Projekt Fairsprechen.

Dabei sollte nicht nur der Beitrag an sich, sondern auch Kommentare darüber und darunter festgehalten werden, um dem Gericht zu ermöglichen die Aussagen im Zusammenhang betrachten.

Den Tätern die Bühne nehmen

Vor Gericht können Betroffene eine Unterlassungserklärung erwirken. Da juristische Schritte jedoch nicht billig sind, empfiehlt Andy Staudte eine Rechtsschutzversicherung. Bei Cybermobbing könne es sich auch lohnen, ein Tagebuch zu führen und „sich in jedem Falle frühzeitig Unterstützung bei Vertrauenspersonen zu holen.“ Denn nicht nur die Betroffenen, auch Dritte können Courage zeigen, „sich für die Benachteiligten stark machen und beispielsweise solche Sachen melden“, sagt Juliane Werner. Und „wenn man den Tätern die Bühne nimmt, hören sie oft von allein damit auf.“

Aufgrund der großen Nachfrage bietet die Netzwerkstelle „Schulerfolg sichern“ des Burgenlandkreises am 6. und 26. Mai sowie am 10. und 17. Juni und 13. Juli weitere kostenfreie Onlineseminare für Schüler, Eltern und pädagogische Fachkräfte an. Anmeldung und weitere Informationen unter www.eveeno.com/Cybermobbing_Zusatztermine (mz)