Prozess gegen Adrian Ursache

Reichsbürger Adrian Ursache: Streit um Masken-Modenschau von Zeuge ST325

Halle (Saale)/Reuden - Am 44. Verhandlungstag geraten Verteidigung und Gericht wegen eines verkleideten Zeugen hart aneinander.

Von Steffen Könau

Der Angeklagte sieht etwas anders aus an diesem 44. Verhandlungstag im Prozess gegen Adrian Ursache, dem die Staatsanwaltschaft den versuchten Mord an einem Polizeibeamten vorwirft. Statt des Fixateur externe, einer Schienenkonstruktion, die gebrochene Knochen provisorisch zusammenhalten soll, trägt der 44-Jährige erstmals seit zweieinhalb Jahren einen simplen Gips.

Ursache selbst erklärt die Veränderung mit stolzem Lächeln: Er habe bei Behandlungensversuchen zuvor stets ein Dokument unterschreiben sollen, in dem seine Staatsangehörigkeit als „deutsch“ vermerkt gewesen sei. Ursache aber, geboren in Rumänien und nach dem Umzug seiner Familie in die Bundesrepublik deutscher Staatsbürger geworden, beharrt darauf, dass es eine Staatsangehörigkeit „deutsch“ nicht gebe. Weshalb er das Dokument nicht habe unterschreiben können. Weshalb es eine Entfernung der Drähte und Kabel, die höchstens sechs Wochen im Arm bleiben sollten, über zwei Jahre hinweg nicht gab.

Adrian Ursache vor Gericht: Reichsbürger erstmals ohne Fixateur

Erst eiternde Drähte im Arm und eine beherzte Ärztin, die den von den Behörden als „Reichsbürger“ geführten Mann aus Reuden in der Elsteraue als Notfall behandelte, führten nun zur Entfernung des Fixateur, den Ursache in der Vergangenheit mit Jesus´ Kreuz verglichen hatte: Auch er sei ein Märtyrer, auch er müsse für seine Mission, die „Menschen aufzurütteln“, leiden, behauptete er.

Und er ist nicht der einzige. Nach 14 Monaten Verhandlungsdauer ist an diesem Tag erneut der SEK-Beamte als Zeuge ins Landgericht Halle geladen, den Ursache im August 2016 beim Versuch des SEK, eine Zwangsräumung seines Hauses abzusichern, mit einem Schuss verletzt haben soll. ST325, ein kleiner Mann mit Perücke und angeklebtem Bart, soll diesmal – nach Zählung der Verteidigung ist es sein sechster Tag im Zeugenstand – Auskunft über die Schutzkleidung geben, die er trug, als ihn, so die Staatsanwaltschaft, ein Geschoss aus Ursaches Revolver Marke Arminus traf.

Adrian Ursache vor Gericht: Zeuge: ST325 kann sich an vieles nicht mehr genau erinnern

Doch ST325 kann sich an vieles nicht mehr genau erinnern und nicht einmal die Schutzhaube identifizieren, unter der einer seiner Kollegen am Tatort ein Stück Bleikugel gefunden hatte. Was in den Akten als Asservat 5.3 geführt wird und nun auf dem Richtertisch liegt, könnte die Haube sein, die er damals an einen Kriminalbeamten übergeben habe. Aber ob sie es sei, wisse er nicht. Ebensowenig, warum die Schuztmaske keine Beschädigung aufweist, obwohl die Kugel, die ihn am Hals verletzte, sie doch durchschlagen haben muss. „Ich habe die Maske damals nicht auf Beschädigungen untersucht“, sagt er.

Die drei Ursache-Verteidiger sind angesichts der gebremsten Auskunftsfreude des SEK-Beamten schon früh an diesem Tag mit Anträgen bei der Hand. Wörtlich protokolliert werden müssten die Angaben, fordert Anwalt Manuel Lüdke, der anmerkt, es gehe inzwischen immerhin um die „Feststellung, ob überhaupt eine Tat, eine Straftat vorliegt“. Sein Kollege Dirk Magerl bittet darum, dass ST325 die Maske anlegen möge, damit die Verteidigung sehen könne, ob die in der Anklageschrift genannte Verletzung überhaupt physikalisch möglich sei.

Adrian Ursache vor Gericht: „Wir wissen immer noch nicht, warum es keine Schmauchspuren bei ST325 gab“

Der Vorsitzende Jan Stengel lehnt ab. Er könne nicht sehen, was mit einer solchen Modenschau bewiesen werden könne. Lüdke protestiert. Das Gericht schneide der Verteidigung die Möglichkeit ab, ihren Mandanten angemessen zu vertreten. „Wie sollen wir verteidigen, wenn wir nicht einmal wissen, ob die Möglichkeit besteht, dass es zu den angeblichen Verletzung gar nicht kommen konnte“, schimpft er und droht damit, einstweiligem Rechtsschutz bei einem höherem Gericht zu suchen.

„Wir sind hier in einem Mordverfahren“, mahnt Lüdke, „und es besteht eine Pflicht des Gerichtes zur Tatsachenermittlung.“ Die aber werde aus seiner „menschlichen Sicht“ (Lüdke) vernachlässigt. „Wir wissen immer noch nicht, warum es keine Schmauchspuren bei ST325 gab, ob der Revolver meines Mandanten überhaupt schussfähig war und wieso die Trommelstellung der Waffe, wie sie von der Tatortgruppe dokumentiert wurde, gar keinen Schuss zugelassen hat.“

Adrian Ursache vor Gericht: Es knirscht im Saal

Es knirscht im Saal, in dem die Verhandlung immer wieder unterbrochen wird. Und es knirscht auch außerhalb, wie sich zeigt: Weil ST325 in den Pausen in dem Raum untergebracht wird, in dem normalerweise die Verteidigung an ihren Anträgen arbeitet, bleibt der nur ein anderes Zimmer. „Ohne Ausstattung, Tische, Stühle“, wie Verteidiger Hartwig Meyer die „unwürdigen Verhältnisse“ bemängelt, nachdem er und seine Kollegen wohl demonstrativ mit Verspätung zur Verhandlungsfortsetzung erschienen sind.

Auf der „Fensterbank“ haben Meyer und Magerl Rügen ans Gericht verfasst, in denen sie für die nächsten Termine „angemessene Arbeitsbedingungen“ verlangen. „Mit Mahagonitischen?“, fragt der Vorsitzende Richter da nur halb ironisch zurück, ehe er die Verhandlung für diesen Tag endgültig unterbricht. Fortgesetzt wird am 14. Dezember, dann erneut mit dem Zeugen ST325, der bis dahin klären soll, ob ihm sein Dienstherr gestattet, Teile der SEK-Schutzkleidung im Gerichtssaal anzuziehen. (mz)