800 Jahre Anhalt

800 Jahre Anhalt: Nicht jeder Anhalter ist ein Anhaltiner

Halle (Saale)/MZ. - Nehmen wir zum Beispiel die Romanserie "Per Anhalter durch die Galaxis", der Titel eines komödiantischen Science-Fictions, veröffentlicht von dem Engländer Douglas Adams. Selbstverständlich ist hier mit dem "Anhalter" kein Dessauer oder Köthener gemeint, sondern der "Tramper", der ein Fahrzeug heranwinkt, um mitgenommen zu werden. Denn wie sollte man "per Dessauer" unterwegs sein? Huckepack? Und sollte das tatsächlich gemeint sein, müsste es dann nicht besser heißen: Per ...

Von CHRISTIAN EGER 02.02.2012, 14:23

Nehmen wir zum Beispiel die Romanserie "Per Anhalter durch die Galaxis", der Titel eines komödiantischen Science-Fictions, veröffentlicht von dem Engländer Douglas Adams. Selbstverständlich ist hier mit dem "Anhalter" kein Dessauer oder Köthener gemeint, sondern der "Tramper", der ein Fahrzeug heranwinkt, um mitgenommen zu werden. Denn wie sollte man "per Dessauer" unterwegs sein? Huckepack? Und sollte das tatsächlich gemeint sein, müsste es dann nicht besser heißen: Per Anhaltiner?

Die Frage, ob von Anhaltern oder Anhaltinern die Rede ist, ob eine Sache als anhaltisch oder anhaltinisch zu bezeichnen wäre, ist rund 200 Jahre alt. Sie tauchte auf, als sich in Anhalt ein Regionalbewusstsein zu entwickeln begann, das dazu führte, dass sich der in Anhalt lebende Bürger nicht mehr nur als ein Untertan, sondern als ein Landsmann und Patriot begriff. Und der brauchte für sich selbst eine Bezeichnung. Doch schon 1833 stellte der Dessauer Bibliothekar Heinrich Lindner mit Genugtuung fest, dass das "unsinnige anhaltinisch" auf dem Rückzug sei, und man hoffen dürfe, dass der "Anhaltiner ihm folgen dürfe".

Von wegen! Der Anhaltiner und mit ihm das Attribut "anhaltinisch" tauchte überfallartig nach dem Abgang der DDR wieder auf. Plötzlich gab es "Anhaltiner Damenmoden", "Anhaltiner Bauunternehmen" und "Anhaltiner Backbetriebe". "Anhaltiner": Das war als Adjektiv ein Mode- und Reklamewort. Der hallesche Philologe Manfred Lemmer (1928-2009) nahm sich 1992 dieser Entwicklung an, um diese zu bewerten. Er schaute zunächst in das Adressbuch der "anhaltischen (!) Landeshauptstadt Dessau" von 1930 und fand dort 22 Mal "anhaltisch", aber "anhaltinisch" nie. Genauso im Dessauer Adressbuch von 1940: 15 Mal anhaltisch, nicht einmal anhaltinisch. Man hatte den Sprachgebrauch vor Ort also schon einmal geklärt. Für Lemmer stand fest: "anhaltinisch" ist ein "(journalistisches) Modewort".

Aber doch eines mit Geschichte. Lemmer schlug vor, "anhaltinisch" und "Anhaltiner" stets im Sinnbezug auf das Fürstentum Anhalt zu verwenden. Dieses wurde von Regenten geführt, die nun einmal "Anhaltiner" waren, so wie die Sachsen-Herrscher Ernestiner und Albertiner und keine "Ernster" oder "Alberter". "Anhaltinisch": Damit wären also herrschaftliche Phänomene bis 1918 zu bezeichnen. Ein Anhaltiner wäre demnach ein Mitglied des Fürstenhauses und ein Anhalter ein Bürger Anhalts. Ein "anhaltinischer" Wald wäre einer in Fürstenbesitz. Ein "Anhaltisches Heimatfest" eines, das das Volk feierte - und nicht allein das Herzoghaus.

Wer also heute den Namen "Anhaltiner Backbetriebe" führt, erweckt den Eindruck, er betriebe eine Hofbäckerei. Doch davon kann ja keine Rede sein. So wird irgendwann das "Anhaltinische" aus dem öffentlichen "anhaltischen" Raum wieder dorthin verschwinden, wo es hingehört: in die Geschichtsschreibung.