Stadtentwicklung

Stadtentwicklung: Zeitz als florierende Stadt im Speckgürtel Leipzigs?

Zeitz - Fragt man den neuen Eigentümer der Nudelfabrik, soll es so kommen. Ein Rundgang vor Ort.

Von Sebastian Münster

Müll, Scherben, abblätternde Farbe, zerschlagene Fenster, alles Verwertbare ist längst geklaut – so lässt sich der derzeitige Zustand der ehemaligen Nudelfabrik an Neuer Werkstraße und Paul-Rohland-Straße in Zeitz beschreiben. Bei einem Rundgang vor Ort schauen sich Mathias und Birgit Mahnke am Sonntag in einem groß geschnittenen Raum in der dritten Etage des Industriebaus um. „So ist das doch schon fast vermietbar“, sagt der 52-Jährige.

Was für Laien wie ein Scherz klingt, meint der haupterwerbliche Unternehmensberater ganz und gar ernst. Ein Blick auf Mahnkes Fabrikbauten im Leipziger Westen zeigt, wie das gehen soll: Dort hat der neue Eigentümer der „Nudel“ bereits 2013 und 2014 zwei Industriebrachen gekauft, und mit Wasser- und Stromanschluss, dem Einbau von Toiletten und Heizungsanlagen nutzbar gemacht. Viel mehr braucht es auch in der „Nudel“ nicht, um das Areal zunächst Schritt für Schritt für Interessenten nutzbar zu machen, meinen die Mahnkes.

Auch hier sei der Einbau einer Heizungsanlage geplant. Das Dach wurde bereits abgedichtet. Alles in allem investieren die neuen Eigentümer zunächst mehrere zehntausend Euro in das Gebäude. Gemessen an der Größe der Nudelfabrik – Mahnke schätzt die vermietbare Nutzfläche auf 12.000 Quadratmeter – sei das nicht viel. „Viele fragen mich, ob ich das Risiko bei solchen Investments nicht scheue. Ich sehe da kein Risiko“, gibt er sich selbstsicher.

Vorteil Zeitz: Günstige Mieten, viel Platz

Zunächst müssen Gebäude und Grundstück vermessen werden. Dieses Aufmaß ist Grundlage für erste Architektenentwürfe zur schrittweisen Nutzung des Gebäudes. So will der neue Eigentümer vorgehen: „Wir sanieren nur nach Bedarf“, erklärt der Unternehmensberater. Die Künstler, Kreativen und Kulturschaffenden, die das in Heidelberg lebende Ehepaar im Auge hat, schätzten den Charme altehrwürdiger Industriebauten zu günstigen Mieten und würden dafür gern Abstriche bei Komfort und Ausstattung in Kauf nehmen.

Warum die Kreativwirtschaft? „Weil ich Mieter brauche, die andere Mieter anziehen“, erklärt Mathias Mahnke. Womöglich könne er den Fabrikkomplex auch gewinnbringend als Lagerhalle vermieten. „Aber so entwickelt sich der Standort nicht“, ist er sich sicher. Eine Kunstgalerie etwa, bringe regelmäßigen Publikumsverkehr – auch von außerhalb der Stadt. Das wiederum steigere den Bekanntheitsgrad der „Nudel“ unter Gleichgesinnten, die für ihre Ideen ähnliche Räume suchen.

Zwischennutzung von Industriebrachen kann auch in Zeitz funktionieren

Bei der Suche nach Nutzern für seine Fabrikbauten im Leipziger Westen setzt Mathias Mahnke auf den Verein „HausHalten“. Dabei schließt der Verein einen Vertrag mit dem Eigner über die gesamte Immobilie ab und sucht dann nach Interessenten zur Belebung der leeren Räume, erklärt Anke Wagener. Die Zeitzerin, die in Leipzig lebt, ist seit 2014 Mitglied des Vereins, der sich den Erhalt schützenswerter Gebäude auf die Fahnen geschrieben hat. „Wir versuchen immer, langfristige Vereinbarungen zu erreichen. Eben auch, weil unsere Nutzer häufig viel in Eigeninitiative an den Gebäuden herrichten“, so Wagener. Eine Laufzeit von weniger als fünf Jahren mache da aus Sicht der Vereinsvertreter wenig Sinn.

Anke Wagener hält es für gut möglich, dass die Zwischennutzung von Industriebrachen auch in Zeitz funktionieren kann. Die Entwicklung ihrer Heimatstadt hat sie sehr genau im Auge. Erfolgreich exportiert wurde das HausHalten-Prinzip bereits nach Zittau, Görlitz, Halle, Dresden und Chemnitz. Gespräche gibt es etwa auch mit Altenburg.

Vertreter der Zeitzer Verwaltung haben sich bereits im vergangenen Jahr in Leipzig über die Vereinsstrategien zur Belebung von Leerstand informiert. „Vor Ort müssen sich dann aber Leute finden, die die Initiative in die Hand nehmen.

Wir können als Leipziger Verein aus der Ferne nur bei der Umsetzung beraten – und beispielsweise Erfahrungen mit rechtlichen Fragen weitergeben.“

Fabrikkauf in Zeitz war keine Bauchentscheidung

Die Entscheidung für den Fabrikkauf in Zeitz haben die Mahnkes nicht völlig aus dem Bauch heraus getroffen. Schon 2015 haben sie erstmals von der „Nudel“ gehört, die Idee zunächst aber wieder verworfen. Doch wenn ihn eine Immobilie nicht loslasse, beginnt Mathias Mahnke, sich zu informieren, Zeitungsartikel und Bücher zu lesen, Lage und Anbindung eines Gebäudes genau zu analysieren. „Dann laufe ich auch schon mal vor Ort herum und quatsche Leute an.“

Dass Zeitz vom wachsenden Leipzig profitieren kann, hält der Investor für sicher, weil aus seiner Sicht bald ein Wendepunkt erreicht ist: „Wachsende Städte saugen zunächst meist das Umland leer. Doch irgendwann drückt das Wachstum wieder zurück nach außen.“ Tatsächlich hat Leipzig laut eigenem statistischen Quartalsbericht im vergangenen Jahr erstmals mehr Einwohner an den Rest Sachsens verloren als aus dem Freistaat gewonnen.

Bis seine Nudelfabrik florieren wird, werden Jahre vergehen, glaubt Mathias Mahnke. „Aber ich denke langfristig.“ Erste dauerhafte Nutzer will der neue Eigentümer aber bereits bis zum kommenden Winter in sein Objekt gelockt haben – Interessenten gebe es bereits. Und bei allem Enthusiasmus für Stadtentwicklung denkt er dabei auch betriebswirtschaftlich.

Er ist sich sicher, gewinnbringend vermieten zu können. Bei der Standortentwicklung setzt der Investor auf die Stadt, die aus seiner Sicht die richtigen Signale setzen müsse. „Es würde uns helfen, wenn die Zeichen nicht überall auf Abriss stehen würden“, so Mahnke. „Wir bringen dafür unser Netzwerk mit und haben Leute im Schlepptau“, verspricht er. (mz)