Jüdische Geschichte in Zeitz

Jüdische Geschichte in Zeitz: "Jedes Opfer ist einmalig"

Kayna/MZ - „Die Lebenswege großer Menschen gleichen Legenden, sie sind beschwerlich, aber schön.“ Das steht auf dem Einband eines über 200 Seiten starken Buches, dessen Autor Jens Aaron Guttstein ist. Mit diesem Satz beschreitet der Leser einen Weg in die Vergangenheit, in die jüdische Geschichte von Zeitz. „Es ist eine sehr solide Forschung, die an mehreren Beispielen das Gesamtbild der Shoah in einer kleinen Stadt in Mitteldeutschland aufzeigt“, schreibt Max Privorozki, der Vorsitzende der jüdischen Landesgemeinde Sachsen-Anhalts und Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Halle, im ...

Von Angelika Andräs 05.02.2014, 21:28

„Die Lebenswege großer Menschen gleichen Legenden, sie sind beschwerlich, aber schön.“ Das steht auf dem Einband eines über 200 Seiten starken Buches, dessen Autor Jens Aaron Guttstein ist. Mit diesem Satz beschreitet der Leser einen Weg in die Vergangenheit, in die jüdische Geschichte von Zeitz. „Es ist eine sehr solide Forschung, die an mehreren Beispielen das Gesamtbild der Shoah in einer kleinen Stadt in Mitteldeutschland aufzeigt“, schreibt Max Privorozki, der Vorsitzende der jüdischen Landesgemeinde Sachsen-Anhalts und Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Halle, im Vorwort.

Den Namen ein Gesicht geben

Doch Guttstein holt nicht nur bislang noch nicht veröffentlichte Fakten, bis dato unbekannte Lebenswege von Juden, die auf irgendeine Weise mit Zeitz verbunden sind, unter dem Mantel des Vergessens hervor, sondern erinnert auch an andere Opfer. „Das Buch soll übergreifend sein“, betont Guttstein, „es erinnert auch an Euthanasieopfer, Zeugen Jehovas, Homosexuelle oder russische Kriegsgefangene.“

Jeder Name, jede Geschichte, jedes Opfer ist einmalig. Die Erinnerung wachzuhalten, darin sieht Aaron Guttstein geradezu eine Pflicht. „Das ist man den Opfern schuldig“, sagt er, „und den Familien, da, wo es noch Nachfahren gibt.“ Minutiös hat er Lebenswege verfolgt, Stammbäumen nachgespürt, verwandtschaftliche Beziehungen offengelegt. Er hat mit Nachkommen gesprochen, mitunter über Tausende von Kilometern Kontakt aufgenommen. In vielen wichtigen Archiven ist er zu Hause, im Internet hat er Spuren verfolgt. Am Ende hat er viele neue Namen gefunden und vielen Namen ein Gesicht gegeben. Sein Buch bietet belastbare Fakten und die Geschichten hinter den Fakten. „Ich wollte auch möglichst zu jedem ein Foto haben“, erzählt Aaron Guttstein. Ein Großteil der Fotos im Buch ist zum ersten Mal überhaupt zu sehen.

Bedrückende Wahrheiten

Er grub in beharrlicher Arbeit Dinge aus, die man nicht weiß. So erfährt man, dass der legendäre Kaufhausgründer Hermann Tietz - Hertie - Zeitzer Nachfahren hatte: Leopold Lefmann heiratete die 1880 in Zeitz geborene Frieda Pintus. Das Ehepaar kam in den Vernichtungslagern der Nazis um. Bedrückende Wahrheiten können nicht ausbleiben. „270 bis 280 Euthanasieopfer hat es in Zeitz gegeben“, sagt Guttstein, „das waren nicht nur Zeitzer, auch andere, die über Zeitz verschleppt worden sind.“ Leider sollen bei einem Brand vor 40 Jahren im ehemaligen Kreispflegeheim in der Geschwister-Scholl-Straße viele Unterlagen vernichtet worden sein.

Spuren verlieren sich im Rigaer Ghetto

Viele der Geschichten enden in Auschwitz-Birkenau, Spuren verlieren sich irgendwo im Ghetto in Riga. Wie bei Familie Bütow. „Die Tochter, die querschnittsgelähmt war, wurde bei der Ankunft in Riga ermordet. Die Eltern mussten ihr Grab selbst schaufeln“, fasst Guttstein zusammen, „der Sohn lebte in Berlin im Untergrund, bis er verraten wurde und nach Auschwitz kam.“ Wann genau Hugo Bütow nach Zeitz kam, ist nicht bekannt, aber 1924 war er bereits Geschäftsführer im Kaufhaus Messow und Waldschmidt und war Vorstandsmitglied der Synagoge der jüdischen Gemeinde, einer Tochtergemeinde von Halle. Später kehrte er nach Allenstein in Ostpreußen zurück, wo er geboren worden war. Auch der Familie Bütow kann man in dem Buch von Aaron Guttstein ins Gesicht sehen. Das Buch kostet 15 Euro, die für die weitere Arbeit verwendet werden. Es gibt es in der Schmiede von Kai-Uwe Schmidt in der Roßstraße in Zeitz, bei der Leuchtturmgemeinde im Steinsgraben und bei Aaron Guttstein per E-Mail: [email protected].