Wirtschaft in Wittenberg

Wirtschaft in Wittenberg: Lieken-Großbäckerei nimmt Betrieb auf

Wittenberg - Das Unternehmen in Piesteritz hat den Betrieb aufgenommen, seit Anfang des Jahres gehen Waren in den Verkauf. Etwa 300 Millionen Euro werden investiert.

Von Marcel Duclaud

Der Chef bekommt leuchtende Augen, wenn er erklärt, wie die Produktion funktioniert, wenn er auf die riesigen Schüsseln zeigt, die nicht mehr von Hand bewegt werden müssen, auf die Rohrleitungen, die die Rohstoffe in perfekter Dosierung an die Linien bringen, auf das geschlossene System verweist, das nicht zuletzt hohe Reinheit und Hygiene ermöglicht.

Am Produkt muss keiner mehr Hand anlegen in diesen Hallen, die Mitarbeiter überwachen die Technik, steuern die Anlagen. „Wir haben hier“, bemerkt Björn Dobslaw, „eines der modernsten und größten Backwarenwerke Europas.“

Das ist, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, inzwischen in Betrieb gegangen. Seit Anfang des Jahres produziert die Wittenberger Bäckerei GmbH für den Markt. Bislang sind drei der sechs hochmodernen Linien so weit, dass sie Backwaren liefern, die verkauft werden können.

Die anderen drei befinden sich noch im Testmodus, die Feineinstellung ist eine komplexe und nicht ganz einfache Angelegenheit. Mitte des Jahres, sagt Dobslaw, der junge Werkleiter und Geschäftsführer, ein gelernter Bäcker und Industriemeister, der aus Westfalen stammt, sollen alle sechs Linien laufen.

Der Agrofert-Konzern aus Tschechien investiert zunehmend auch in Deutschland. Seit 2005 gehört SKW Piesteritz zu dem breit aufgestellten Unternehmen. Bislang sind nach Angaben von Sprecher Reinhard Müller in den Standort Piesteritz rund eine Milliarde Euro geflossen - die etwa 300 Millionen für die Backwarenfabrik eingerechnet. SKW Piesteritz ist Tochter von Agrofert a.s., Agrofert Deutschland, inzwischen ebenfalls in Wittenberg ansässig, wiederum Tochter von SKW Piesteritz. Bei Lieken handelt es sich um ein Schwesterunternehmen von SKW Piesteritz, die Bäckerei GmbH ist eine Tochter von Agrofert Deutschland. Gebaut wird zurzeit noch an einem Rechenzentrum für den Agrochemiepark.

Eine der kleineren ist in der Lage, vier Tonnen Teig zu verarbeiten - pro Stunde. Die Kapazität des gesamten Werkes liegt bei 120 000 Tonnen Backwaren pro Jahr.

Im Piesteritzer Agrochemiepark ist geklotzt worden. Binnen eineinhalb Jahren entstanden die Produktionshallen- und anlagen. 70 000 Quadratmeter überbaute Fläche, etwa 300 Millionen Euro werden investiert. Nicht zu vergessen die neue Zufahrt, der Westeingang, vorgesehen insbesondere für die Transporte, die bei Bio-Diesel und Bäckerei anfallen.

Reinhard Müller, der sich für Agrofert Deutschland um die Öffentlichkeitsarbeit kümmert, spricht von einer Prognose, die von 250.000 bis 270.000 Fahrzeugen jährlich ausgeht, bezogen auf den gesamten Agrochemiepark („Quell- und Zielverkehr“). Die neue millionenteure Zufahrt am Heuweg ist eine schlichte Notwendigkeit.

Die Investition in Wittenberg ist nicht unumstritten. Bekanntlich hat der in Prag ansässige Agrofert-Konzern den kriselnden Lebensmittelhersteller Lieken übernommen - und in Folge Standorte in Frage gestellt, so die Großbäckerei in Weißenfels. Für den Neubau in Wittenberg spendiert das Land Fördermittel, das kommt nicht überall gut an.

Ursprünglich war davon ausgegangen worden, dass Mitarbeiter, die in Weißenfels ihren Job verlieren, ins Wittenberger Werk wechseln. Allerdings hat das, wie Müller bestätigt, kein einziger getan, außer einem Auszubildenden.

„Das hat uns überrascht“, räumt der Agrofert-Sprecher ein. „Wir sind unserem Optimismus erlegen.“ Der Betriebsrat in Weißenfels macht unattraktive Konditionen verantwortlich für mangelnde Wechselbereitschaft.

Gelungen ist es inzwischen trotzdem, die Belegschaft für das moderne Wittenberger Backwarenwerk zusammenzubekommen. Dobslaw spricht von aktuell 310 Mitarbeitern, „zum größten Teil aus der Region“. Am Ende, wenn alle Linien laufen, sollen es um die 350 Leute sein.

Der Werkleiter sagt: „Wir sind gut aufgestellt.“ Fest angestellt seien bislang knapp 200 Frauen und Männer, bei anderen handele es sich um Leiharbeiter, die aber - so sie sich bewähren - feste Verträge erhalten sollen. Dass es nicht einfach war, das Personal zu rekrutieren, räumt Müller ein: „Es ist ein strapazierter Markt.“

Das sei letztlich der Grund gewesen, sich an einen Personaldienstleister zu wenden. Dass es dem kurzfristig gelang, das nötige Personal zu finden, führen Müller und Dobslaw auch auf den „starken Standort“ in Piesteritz zurück, der „allseitig entwickelt“ werde und eben auch mit Kindergärten und Gesundheitszentrum aufwarten kann. Nicht ganz unwichtig schon allein deshalb, weil bei der Bäckerei natürlich in Schichten gearbeitet werden muss.

In Wittenberg werden jetzt also in großem Stil Backwaren hergestellt - weitgehend ohne Konservierungsstoffe, wie Dobslaw betont, wegen der hohen Standards bei Lebensmittelhygiene und Produktreinheit. Vom Kleingebäck redet der Werkleiter, von Toast und Broten verschiedener Art, von Laugenware, von frischen Produkten wie von Aufback- und Tiefkühlwaren.

Die Wittenberger Bäckerei produziert, um den Absatz kümmert sich derweil Lieken, der gegenwärtig einzige Abnehmer.

Und noch etwas: Wenn es gut läuft in der Großbäckerei, wenn Absatz und Qualität stimmen, ist eine Erweiterung auf acht Linien möglich. Dobslaw: „Das ist denkbar, aber nicht geplant.“ (mz)