Tragödie vom Arsenal

Tragödie vom Arsenal: Vor einem Jahr starb Marcus H. nach einem Streit mit Flüchtlingen

Wittenberg - Marcus H. starb am 29. September 2017 nach einem Streit mit Flüchtlingen. Das Bündnis „Wittenberg weltoffen“ warnt vor Instrumentalisierung.

27.09.2018, 07:44

Gleich zwei Überwachungskameras halten den Streit fest: Es ist der 29. September 2017 kurz vor 15 Uhr, als Marcus H. vor dem Wittenberger Einkaufszentrum Arsenal mit Flüchtlingen in Streit gerät. Der 30-Jährige stürzt nach drei Faustschlägen auf das Pflaster und stirbt an den Sturzverletzungen in einer Klinik.

Es gibt keine Pressekonferenzen - wie jetzt in einer ähnliche Situation in Köthen - oder Statements der Stadt oder von Politikern der etablierten Parteien. Die Dessauer Staatsanwaltschaft geht in einer Pressemitteilung unmittelbar nach der Tragödie „von einer Notwehrhandlung mit tragischen Folgen aus.“

So wird das Arsenal schnell zum Wallfahrtsort für rechte Demonstranten. Auch zwölf Monate später ist nichts Wesentliches passiert. Die MZ gibt einen Überblick über den aktuellen Stand der Dinge.

AfD lädt zum Trauermarsch

Die Alternative für Deutschland (AfD). Die Partei lädt am Sonnabend, dem 29. September, zum Wittenberger Schlossplatz. Nach den Reden führe ein Trauermarsch zu der Stelle, wo Marcus H. geschlagen wurde, sagt Dirk Hoffmann am Mittwoch der MZ. Der AfD-Kreischef - Gastgeber ist die Landtagsfraktion - rechnet mit 300 Teilnehmern.

Angemeldet haben seine Parteifreunde noch deutlich weniger. Die Polizei sieht das ganz anders und bereitet sich auf eine große Demo vor. Der Grund dafür sind schwarze Flyer. Im Form einer Traueranzeige wird für die AfD-Veranstaltung geworben. Wer dahinter steckt, ist aber völlig unklar. Die Flyer sind auch schon in Köthen aufgetaucht.

Keine Gegendemonstration, aber Malaktion

Das Bündnis „Wittenberg weltoffen“. Die Mitglieder wollen am Sonnabend Präsenz zeigen, von einer Gegendemonstration aber absehen. Sprecher Tobias Thiel zur MZ: „Der tragische Fall sollte nicht instrumentalisiert werden.“ Ein Banner des Bündnisses soll gut sichtbar am Rathaus platziert, bei Oldtimertreff und Töpfermarkt mit Aufklebern für ein weltoffenes Wittenberg geworben werden.

Bereits am Donnerstag, zwischen 17 und 21 Uhr, werden in der Bürgermeisterstraße Bilder mit Kreide gemalt, um ein Zeichen zu setzen. Alle, die mitmachen wollen, sind willkommen. Zum Bündnis gehören rund 30 Aktive aus Parteien „von CDU bis zu den Linken“ und gesellschaftlichen Organisationen.

Staatsanwaltschaft Magdeburg ermittelt

Die Staatsanwaltschaft Magdeburg ermittelt. Die Demo in Wittenberg am Sonnabend ist kein Thema für die Staatsanwaltschaft in Magdeburg, die inzwischen die Ermittlungen im Fall Marcus H. leitet. „Aber der Abschluss der Ermittlungen steht an“, kündigt Oberstaatsanwalt Frank Baumgarten am Mittwoch gegenüber der MZ an.

Er geht davon, aus dass dies spätestens Ende Oktober passieren werde. Dass die Zuständigkeit von der Dessauer Behörde in die Landeshauptstadt gewechselt ist, erklärt Justizministerin Anne-Marie Keding (CDU) mit dem „Wohnortwechsel des Beschuldigten“. Dabei handelt es sich um einen zum Zeitpunkt der Tragödie 17-jährigen Syrer.

Anzeige gegen Staatsanwalt: keine Ermittlungen

Der Ex-Behördenleiter gerät in die Kritik. Kurzen Prozess haben die Verantwortlichen mit einer Anzeige gegen den Ex-Chef der Dessauer Staatsanwaltschaft gemacht: Die Vorwürfe - es geht um Strafvereitlung im Amt im Fall Marcus H. - landeten am 26. Juli im Amtsgericht Dessau. Dort wurde das Schreiben weiter geleitet - zur Dessauer Staatsanwaltschaft. Deren Chef wurden darin die Notwehr-Erklärung und Untätigkeit vorgeworfen.

Demnach folgte nach den ersten Ermittlungen und Zeugenbefragungen im Herbst 2017 lange Zeit gar nichts mehr - die nächste Zeugenfragung fand erst am 4. Januar 2018 statt. Schon der Versuch einer Strafvereitelung ist strafbar. Die Dessauer Behörde entscheidet sich, - nach einen größeren Pause - den Fall abzugeben. Die Anzeige landet so bei der Staatsanwaltschaft in Magdeburg, die sofort eine Entscheidung fällt: Es wird kein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

„Es sind keine zureichenden tatsächlichen Anhaltspunkte für das Vorliegen einer Straftat gegeben“, betont Oberstaatsanwaltschaft Baumgarten im Gespräch mit der MZ.

Internationales Aufsehen

Der Fall sorgt für internationale Aufmerksamkeit. Der 29. September - ein Jahr nach der Tragödie - macht Wittenberg international berühmt. Es sind nicht nur rechte Netzwerke, die die Geschichte erzählen. Auch Putins Auslandssender „rt“ sendet eine Dokumentation. Gezeigt wird das Original der Notwehr-Pressemitteilung mit der Formulierung „ein Schlag“.

Danach werden Sequenzen des Videos gesendet. Das Millionenpublikum sieht aber nun drei Schläge. „Es gibt nun zwei Möglichkeiten: Die deutschen Staatsanwälte können nicht bis drei zählen oder sie lügen“, erklärt der Kommentator dem TV-Publikum.

Überwachungsvideo zeigt mehrere Schläge

Was auf dem Aufzeichnungsvideos zu sehen ist. Aufgezeichnet sind entscheidende Sekunden am 29. September von 14.54,36 bis 14.56,02 Uhr. Zunächst verlassen vier Flüchtlinge das Kaufhaus, während Marcus H. und seine Begleiterin sich auf die Einkaufstour vorbereiten und ihre Räder anschließen.

Ein Syrer, gegen den vom ersten Tag an wegen des Verdachts der Körperverletzung mit Todesfolge ermittelt wird, reckt in Richtung der Neuankömmlinge die Faust oder zeigt sogar einen Stinkefinger. Das Quartett, das schon in Richtung Kirche unterwegs ist, kehrt plötzlich zurück und umringt Marcus H, der mit dem Rücken zur Wand steht.

Seine Begleiterin - das kann zur Schlüsselszene werden - wird von den Männern an der Kleidung gezupft. Es beginnt eine Rangelei. Marcus H. versucht, die Frau und sich aus der misslichen Situation zu befreien. Täuscht dieser Eindruck nicht, dann ist es Marcus H., der Nothilfe geleistet hat.

Fakt ist, danach sind brutale Bilder zu sehen. Die decken sich aber mit dem, was die Wittenberger Polizei in ihrem ersten Bericht schrieb. Auch die erste Pressemeldung der Polizei listete die Fakten, die auf dem Video eindeutig zu sehen sind, auf.

Es hieß da, dass der „Geschädigte vom Tatverdächtigen mehrfach ins Gesicht geschlagen worden“ ist. Danach sei der junge Mann geflüchtet. Im Rahmen einer Nahbereichsfahndung sei der 17-Jährige als Beschuldigter bekanntgemacht worden. Die Beamten sprechen vom Tatverdächtigen. Den gibt es in der dann folgenden umstrittenen Erklärung der Dessauer Staatsanwaltschaft nicht mehr.

Welche Fragen für die Ermittler noch offen sind. Überwachungsvideo sind ohne Ton. Das ist das große Problem in dem Fall. Ein Experte, der sich auf das Lippenlesen spezialisiert hat, soll das Puzzle endgültig zusammensetzen. Darüber hinaus wurde ein Mann mit roten Schuhen, der in dem Video zu sehen ist, dringend als Zeuge gesucht. Der soll nun nach MZ-Informationen gefunden worden sein. (mz)