Tag der Berufe Tag der Berufe: Theorie trifft Praxis in Wittenberg

Wittenberg - Seit der Ausbildungsmarkt Kopf steht, es also zumindest rechnerisch mehr Angebot als Nachfrage gibt, hat dieser Tag noch an Bedeutung gewonnen. Das gilt vor allem für die Unternehmen, ihnen bietet der „Tag der Berufe“ die Gelegenheit, sich direkt vor Ort ihren Azubis in spe vorzustellen - während diese wiederum unter Umständen frühzeitig erkennen können, dass der vermeintliche Traumjob möglicherweise doch nichts für sie ist.
Am gestrigen Mittwoch fand die von der Arbeitsagentur organisierte Veranstaltung zum nunmehr 11. Mal statt.
Fotos bei der Bundeswehr
Zu den 34 Arbeitgebern, die diesmal im Landkreis Wittenberg mitmachen, zählen in der Lutherstadt selbst beispielsweise die Krankenpflege des Paul Gerhardt Stifts und der Spezialfahrzeugbauer Feldbinder in Wittenberg-Reinsdorf, aber auch Handwerksbetriebe wie etwa die Gärtnerei Möbius. Massiv vertreten war darüber hinaus die Karriereberatung der Bundeswehr, die allein - und mit durchaus dort nicht unbedingt erwarteten Berufen wie Fotograf oder Brunnenbauer - gut die Hälfte der rund 175 angebotenen Termine abdeckte, zu denen sich Schülerinnen und Schüler ab Klasse 7 bis vergangenen Freitag hatten anmelden können.
Gerne, so Agentursprecherin Marion Kopelke, übrigens mit ihren Eltern, weshalb die Veranstaltung auch immer erst am Nachmittag stattfindet. Etwa 300 bis 400 junge Menschen ließen sich auf diese Weise erreichen, so Kopelke. Auch seitens der Unternehmen sei die Teilnehmerzahl etwa konstant, das gelte für den Kreis Wittenberg ebenso wie für den gesamten Agenturbezirk mit gut 100 teilnehmenden Firmen, allerdings gebe es schon seit längerem die Tendenz, dass „Unternehmen stärker bereit sind, sich an solchen Aktionen zu beteiligen“, eben um später Azubis zu gewinnen - wobei die Arbeitsagentur selbst hier keine Ausnahme macht und sich ebenfalls als Ausbildungsbetrieb mit einer „bunten Facette“ (Kopelke) an Berufen präsentiert, dazu gehören neben den dort überwiegenden speziellen Verwaltungsfachangestellten etwa auch Fachinformatiker und die Möglichkeit eines dualen Studiums.
Not am Mann
In der Krankenpflegeschule des Paul Gerhardt Stifts haben sich zum 13-Uhr-Auftakttermin des Tags der Berufe 2019 gut zwei Dutzend junger Damen eingefunden, die Interesse an einer Ausbildung in „Gesundheits- und Krankenpflege“ zeigen, wie diese Ausbildung (noch) heißt.
Die Arbeitsagentur setzt ihre Aktivitäten, Unternehmen und Nachwuchs zusammenzubringen, in den nächsten Tagen fort, und zwar mit der „Woche der Ausbildung“, der ebenfalls noch im März dann der „Girls’ (und Boys’) Day“ folgt, der junge Leute wechselseitig auf Berufe aufmerksam machen will, die sie als Mädchen oder Jungen vielleicht nicht automatisch für sich im Blick haben. Wie es seitens der Arbeitsagentur weiter hieß, setzten Agentur und Arbeitgeber auf „Azubi-Marketing“. Ebenfalls in der kommenden Woche, am Montag, dem 11. März, gibt es laut Agentursprecherin Marion Kopelke eine „Unternehmenswerkstatt“ zu diesem Thema in Zusammenarbeit mit den Wittenberger Wirtschaftsjunioren.
Das entspricht auch in etwa dem Geschlechterverhältnis in dieser Schule, wo zwar nicht keiner, aber doch nur sehr, sehr wenige junge Männer lernen. Aber es gibt sie, und das, sagt „Vanessa“ aus dem ersten Lehrjahr, sei auch besser fürs Miteinander.
Vanessa und ihre Mitschülerinnen „Jessica“ und „Pia“ führen das erste Grüppchen durchs Krankenhaus. Rettungsstelle, Ambulanz, Foyer, Patientenzentrum, Geriatrie, dann die Gynäkologie mit ihren beiden Abteilungen, den Kranken und den Schwangeren. Viel ist man auf Fluren unterwegs, zum Schluss, als „Überraschung“ und Krönung, soll es dann aber sogar noch eine kurze Visite auf der Intensivstation geben. Insgesamt durchlaufen die Möchte-vielleicht-gern-Krankenschwestern an diesem Tag drei Veranstaltungen: Neben einem Vortrag zu Voraussetzungen und Inhalten der Ausbildung sowie dem erwähnten Krankenhausrundgang sind beispielsweise auch Übungen am Menschenmodell vorgesehen. Es geht um Reanimation, 30 Mal kräftig auf den Brustkorb drücken, und auch um so alltägliche Dinge wie das Blutdruckmessen. Jeder kommt hier mal dran, auch Alina Nössler aus Serno, die mit ihrer Mutter eigens zum Tag der Berufe nach Wittenberg gekommen ist. Die 15-Jährige zeigt sich noch ein bisschen zurückhaltend, macht aber keinen Hehl daraus, dass sie sich eine berufliche Zukunft als Krankenschwester, wie man früher sagte, sehr gut vorstellen könnte. „Helfen und Heilen“, ergänzt ihre Mutter, darum gehe es ihrer Tochter - die sich demnächst allerdings auch noch bei der Polizei umschauen wolle.
Fürs Stift sind Veranstaltungen wie der Tag der Berufe neben Ausbildungsmessen gute Gelegenheiten, sich als Ausbilder zu präsentieren, sagt Doreen Ziegler, Medizinpädagogin an der Krankenpflegeschule, die an diesem Tag die Veranstaltungen ihrer Schülerinnen (und des Schülers „Tony“) begleitet. Wobei es in einem Mangelberuf wie diesem ein großer Vorteil sei, Schule und Krankenhaus an einem Standort zu haben, an diesem Tag ist es für die Besucher nur ein kurzer Gang über den sonnigen Hof, vorbei am Hubschrauberlandeplatz.
Ab in die Schale
Vier junge Menschen haben sich für den Nachmittag bei Thomas Möbius angemeldet. Der Gartenbaubetrieb nutzt nach Auskunft des Chefs den Tag der Berufe bereits seit längerem. Zwar lasse sich ein Erfolg nicht 1:1 messen, allerdings könne man mindestens Kontakte knüpfen zu Interessenten, die sich ein Berufsleben im Grünen vorstellen können und dann zunächst etwa für ein Praktikum wiederkommen. Heute Nachmittag werde der Nachwuchs in spe durch den Betrieb geführt und anschließend, denn grau ist alle Theorie, „lassen wir sie noch eine Schale pflanzen“.
Mal Metall biegen
Auch bei Feldbinder in Reinsdorf dürfen die Schüler und Schülerinnen - neun sind angemeldet plus Begleitung - selbst Hand anlegen, kündigt Anne-Marie Richter an, ausprobiert werden soll das Biegen von Metall. Zum Auftakt gibt es einen Vortrag über das Unternehmen, außerdem erleben die jungen Besucher einen etwas gestrafften Standardablauf des Fertigungsprozesses, so die Marketingreferentin.
„Wir machen regelmäßig mit“, berichtet Richter und spricht von einer „Super-Veranstaltung, um Auszubildende zu gewinnen“. Das ist im Übrigen auch bei Feldbilder nötig, wo den Angaben zufolge der Azubi-Anteil an der Belegschaft regelmäßig bei etwa zehn Prozent liegt und man nur für den eigenen Bedarf ausbildet, am Ende also möglichst jeden übernehmen möchte: Nicht nur bei den Konstruktionsmechanikern - der zahlenmäßig wichtigste aber bei weitem nicht der einzige Ausbildungsberuf dort - sind Bewerbungen für 2019 noch sehr gern gesehen.
(mz)