Schüsse auf Storch

Schuss auf Storch „Luther“: Tier überlebt Attentat und ist sehr munter

Dabrun - Storch ist nach der Operation „sehr munter“. Bleibende Schäden werden aber befürchtet. Polizei hat noch keine Spur zu einem Tatverdächtigen.

Von Michael Hübner 25.09.2016, 06:00

Der Storch „Luther“ hat - das Tier erhält diesen Namen, nachdem ein Unbekannter auf ihn im Landkreis Wittenberg ballert - die Operation erfolgreich überstanden. „Erst mussten die Knochen stabilisiert, dann konnte das Diabolo entfernt werden“, erklärt Michael Kaatz auf MZ-Anfrage.

Inzwischen ist „Luther“ zurück im Storchenhof Loburg - praktisch zur Reha, um die Splitterfraktur und den Sehnenriss auszukurieren. „Er ist schon wieder sehr munter“, berichtet der Geschäftsführer weiter. „Aber er hält von den Verbänden nicht wirklich Gutes“, ergänzt Christoph Kaatz. „Luther“ befreit immer wieder seinen verletzten Flügel. „Und wir müssen immer wieder verbinden“, sagt der Storchenhof-Gründer.

Offiziell gibt es nach Einschätzung von Verantwortlichen im Landkreis nur wenige Fälle von angeschossenen Tieren. Eine konkrete Statistik gebe es nicht. Bei einem Blick ins MZ-Archiv kann ein ganz anderer Eindruck gewonnen werden: Im Kreis wird fleißig auf Tiere geballert! Erst in dieser Woche nutzte ein Unbekannter in Jessen eine Katze als lebendige Zielscheibe. In der Vergangenheit gab es mehrere Fälle, in denen Tiere Luftgewehr-Schützen zum Opfer fallen. So wurde Kater „Mohrchen“ vor acht Jahren in Wittenberg von drei Kugeln getroffen. 2013 wurde in Bergwitz der sechs Monate alte Kater „Whiskey“ angeschossen, auch er überstand die Schüsse in Kopf und Bauch. Ein Jahr später wurde in Seegrehna erneut eine Katze angegriffen. Vermutungen gehen davon aus, dass Katzenhasser am Werk sind. 2013 wurde bei einer Gänsejagd ein streng geschützter Singschwan erschossen.

Das ist aber bei weitem nicht die einzige Sorge der Experten. Die beiden promovierten Ornithologen haben keine wirklich guten Nachrichten parat und halten sich mit Prognosen zum Genesungsprozess merklich zurück. „Luther“ sei flugunfähig. Und die Bandagen seien dringend notwendig für den Heilungsprozess. „Er wird bei uns überwintern“, sagt Michael Kaatz. Das ist inzwischen auch amtlich.

Am 21. September haben die letzten vier Störche 2016 Loburg verlassen. „Die biologische Uhr lässt sich nicht überlisten“, erläutert Christoph Kaatz am Freitag. Demnach könne „Luthers“ Auswilderung „mit etwas Glück“ im Frühjahr 2017 erfolgen. Er werde dann mit größter Sicherheit zu seinem Nest zurück fliegen - zu den Weinbergen bei Dabrun.

Und das ist auch der Tatort. Ob der inzwischen sicher ist, darf bezweifelt werden. Schließlich ist der Schütze immer noch nicht ermittelt. „Es gibt nichts Neues“, sagt Wittenbergs Polizeisprecherin Johanna Schröder-Rimkus. Allerdings laufe ein Strafverfahren wegen des Verstoßes gegen das Bundesnaturschutzgesetz. „Der Weißstorch ist eine streng geschützte Art“, so Oberkommissarin Cornelia Dieke. Nach ihren Angaben vom Freitag ist in den nächsten Tagen noch die Befragung von möglichen Zeugen geplant.

Für Michael Kaatz sind solche Angriffe aber eher die Ausnahme. „Von unseren 1700 Patienten deutschlandweit waren fünf Schussverletzungen darunter“, bilanziert der Mann, der auch mögliche Motive liefern kann. „Das Klappern der Störche, das auch schon mal nachts zu hören ist, missfällt manchen. Und besonders in der Brutzeit fällt auch Dreck an“, so der Loburger. Möglicherweise verspüre jemand auch einfach „Lust aufs Schießen“.

Michael Kaatz kennt aber auch viele Menschen, die sich über den Gast auf Zeit freuen. „Hurra, der Storch ist da!“, heißt es oft im Frühjahr. „Und es gibt viele, die ihre Dachrinne freiwillig einmal zusätzlich säubern“, so der Ornithologe.

Das Umsetzen von Nestern sei sehr problematisch. „Das kann auch nur die allerletzte Möglichkeit sein“, sagt Christoph Kaatz. Vorstellbar sei dies zum Beispiel bei baufälligen Schornsteinen. „Aber die Umsetzung kann schief gehen“, so die Erfahrungen von Christoph Kaatz.

Doch zum Glück gibt es genügend Naturfreunde - auch in der Einheitsgemeinde Kemberg. „Dass jemand auf Tiere schießt, hatten wir Jahre nicht“, ist Bürgermeister Torsten Seelig (CDU) entsetzt von dem Vorfall. Allerdings, darauf verweist das Stadtoberhaupt, habe es fast zeitgleich zum Luther-Attentat Anfang August eine weitere bestialische Tierquälerei gegeben. In einer Stallanlage in Globig verletzte ein Unbekannter ein Kuh.

Die Straftat fiel erst auf, als das Tier nicht zum Melken erschien. Eine Stichwunde wurde entdeckt. Die Polizei spricht auch am Freitag noch offiziell von einem „scharfkantigen Gegenstand“, mit dem der Angriff ausgeführt worden sein soll. „Solange wir keine Tatwaffe haben, können wir auch keine weiteren Details nennen“, sagt Dieke. Vorstellbar seien ein Messer, aber auch ein präparierter Brieföffner. Eine heiße Spur zum Täter gibt es allerdings auch in diesem Fall noch immer nicht. (mz)