Christliche Kunst

Christliche Kunst: Kollwitz-Barlach-Schau eröffnet

Wittenberg - Martina Radlbeck kann sich kaum sattsehen. Die Unternehmerin und Kunstfreundin steht am Sonnabend im Wittenberger Schloss in den neuen Räumen der Stiftung Christliche Kunst. Ihr Blick wandert hin und her zwischen plastischen Werken Ernst Barlachs. Radlbeck ist fasziniert von der Ausdruckskraft, damit steht sie nicht ...

Von Corinna Nitz 16.05.2017, 15:37

Martina Radlbeck kann sich kaum sattsehen. Die Unternehmerin und Kunstfreundin steht am Sonnabend im Wittenberger Schloss in den neuen Räumen der Stiftung Christliche Kunst. Ihr Blick wandert hin und her zwischen plastischen Werken Ernst Barlachs. Radlbeck ist fasziniert von der Ausdruckskraft, damit steht sie nicht allein.

Die Exposition firmiert unter dem Titel „Ernst Barlach - Käthe Kollwitz. Über die Grenzen der Existenz“ und ist wie berichtet als Beitrag der Wittenberger Stiftung zum Reformationsjubiläum konzipiert. Denn wie Martin Luther 400 Jahre zuvor in seinen Schriften und Reden, so Heike Stockhaus, haben auch Kollwitz (1876 bis 1945) und Barlach (1870 bis 1938) die existenziellen Fragen ihrer Zeit aufgegriffen.

Stockhaus kommt vom Kooperationspartner für diese Schau, der Hamburger Ernst Barlach Gesellschaft. Sie hat die u. a. vom Bund geförderte Exposition auch kuratiert. In der Stadtkirche führt sie, bevor sich die Vernissagebesucher, einige Hundert dürften es sein, zum Schloss aufmachen, ins Werk der beiden Künstler ein.

Erst vor kurzem hat die Stiftung Christliche Kunst Wittenberg ihre Räume im Erdgeschoss des Schlosses bezogen, nachdem es zuvor immer wieder zu Verzögerungen, etwa wegen Baumängeln, gekommen war. Inzwischen ist man aber sortiert und kann mit der Sonderausstellung „Ernst Barlach - Käthe Kollwitz. Über die Grenzen der Existenz“ (s)einen Beitrag zum Reformationsjubiläum leisten. Denn mit der Schau, die eine Kooperation mit der Ernst Barlach Gesellschaft Hamburg ist, will man „ein Forum für den interkulturellen und interreligiösen Dialog über die wesentlichen Fragen der heutigen Zeit“ bieten. Präsentiert werden Plastiken, Zeichnungen und Grafiken. Insgesamt sind 120 beeindruckende Arbeiten zu sehen. Ausstellungsorte sind neben dem Schloss auch Schloss- und Stadtkirche, geöffnet ist täglich, 10 bis 17 Uhr.

Informationen zur Exposition sind bei www.christlichekunst-wb.de auch im Internet abrufbar.

Eindrücklich skizziert Stockhaus dabei, wie Kollwitz und Barlach, die aus protestantischen Elternhäusern stammten, wurden, was und wer sie waren. Dabei wird deutlich, dass, während Barlach noch dem Jugendstil verhaftet war, Kollwitz sich bereits mit sozialen Themen bildnerisch auseinandersetzte. Wohl nicht zuletzt die Kassenarztpraxis ihres Ehemannes in Berlin gab dazu den Anstoß: „Dort erfasste sie mit ganzer Stärke das Schicksal des Proletariats“, so Stockhaus.

Und Barlach? Er begann 1906 bei einer Reise durch Gebiete der heutigen Ukraine, Gegenbilder zu der sich rasant entwickelnden Fortschrittsgesellschaft zu sammeln. Es entstanden erste Bettlerfiguren: „Bettler und Bauern waren für Barlach nicht die Ausnahme. Er misstraute der Formel ,größer, schöner, mehr’.“ Eine der eindrucksvollsten Bettlerfiguren steht im Altarraum der Stadtkirche.

Dass ihm Luthers letzte Worte einfallen, sagt Pfarrer Johannes Block: „...wir sind Bettler, das ist wahr.“ Und über den Titel der Schau sagt er, dieser führe in die Mitte reformatorischer Theologie. Block spricht von „Grenzgängen zwischen Kunst und Religion“, die seines Erachtens Zwillingsschwestern sind.

Es gibt in der Stadtkirche auch Gitarrenmusik mit tiefgründigen Liedern und: etliche Grußworte. „Wir tragen als Demokraten Verantwortung dafür, dass wir dieses Kulturgut bewahren und erschließen“, sagt Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff. Rolf Budde (Kuratorium der Stiftung Christliche Kunst) verspricht: „Sie werden staunen über unsere tollen Werke.“

Und Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör wünscht sich, dass Barlachs schwebender Engel in Wittenberg bleibe.

Dieser Schwebende ist im Mittelgang der Schlosskirche zu sehen. Barlach hatte ihn als Mahnmal für die im Ersten Weltkrieg Gefallenen geschaffen . Das Original ließen die Nazis 1937 als sogenannte „Entartete Kunst“ vom Güstrower Dom entfernen und einschmelzen. (mz)