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Kanzelrede Wittenberg Christian Wulff spricht in Wittenberg zur Kanzelrede über das Frieden und Sicherheit

Von Stefanie Hommers 22.08.2016, 14:25
Christian Wulff in Wittenberg: Am Nachmittag diskutierte er mit Gunther Emmerlich (r).
Christian Wulff in Wittenberg: Am Nachmittag diskutierte er mit Gunther Emmerlich (r). André Dix

Wittenberg - In Luthers Zeiten war es der Buchdruck, der die Verbreitung seiner Botschaft weit über Wittenberg hinaus beförderte. Im 21. Jahrhundert funktioniert die Vermittlung durch das World Wide Web indes noch viel umfassender, schneller „und fügt diese Welt zu einer zusammen“. Daran erinnerte Bundespräsident a. D. Christian Wulff in seiner Kanzelrede in der Wittenberger Stadtkirche am Sonntag.

Die traditionellen, prominent besetzten Predigten stehen in diesem Jahr unter dem Leitthema „Reformation und die eine Welt“. Ein Motto, das herausfordert, nach dem zu fragen, was der Welt und der Kirche Einheit verleiht, nicht allein was die technischen Rahmenbedingungen angeht.

Christian Wulff spricht über „Weltfrieden und Weltreligionen“

„Weltfrieden und Weltreligionen“ hatte der Katholik aus Niedersachsen seine Rede überschrieben und er warf den Blick auf eine Welt, „die an allen Ecken und Enden aus den Fugen zu geraten scheint - wieder einmal“ . Auf eine Welt zumal, in der „Egomanen, Spalter und Sprücheklopfer“ auf der politischen Bühne Einfluss gewännen und durch simple Botschaften ein Gefühl von Sicherheit vermittelten.

Ein Trugschluss, mit dem schon Dietrich Bonhoeffer gründlich aufgeräumt hat, wie Eva Löber bei der Lesung von Texten zum Thema deutlich machte. „Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Denn Friede muss gewagt werden, ist das eine große Wagnis, und lässt sich nie und nimmer sichern“, so das 1934 formulierte Credo des Theologen.

Wulff plädierte dafür, sich auf dieses Wagnis auch und gerade angesichts aktueller schwieriger Rahmenbedingungen einzulassen, sich zu positionieren, zu engagieren und respektvoll miteinander umzugehen. „Christen dürfen sich nicht missbrauchen lassen von Parolen.“

Sich der eigenen Werte zu vergewissern, ohne sich abzuschotten, Vielfalt zuzulassen, diese Haltung sprach schon aus jener berühmten Passage aus der Rede des Bundespräsidenten zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit: „Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“

Die Wittenberger Kanzelreden schließen an die Tradition der Stadtkirche St. Marien an, ein besonderer Predigtort in der Tradition Martin Luthers zu sein. Seit vielen Jahren werden namhafte Persönlichkeiten aus Kirche und Gesellschaft, aus Kunst und Kultur, aus Wissenschaft und Politik eingeladen, um Worte ins Spiel zu bringen und Gedanken zu äußern, die anstoßen, querdenken, verändern. Auf Christian Wulff folgt als nächste Rednerin Claudia Roth. Die Politikerin von Bündnis 90/ Die Grünen ist seit 2013 Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und spricht am 9. Oktober zum Thema „Wachstum und Nachhaltigkeit“. (mz/sho)

Wulffs Plädoyer für Vielfalt und Toleranz („Vielfältige Gesellschaften sind lebendiger, dynamischer.“) sorgte für Zündstoff. Seine Botschaft war indes - damals wie heute - keine Einbahnstraße. Ein respektvoller, offener Umgang miteinander sei „Voraussetzung für Integration - auf beiden Seiten“, unterstrich Wulff. Alle seien aufgerufen, sich für ein freiheitliches offenes Miteinander einzusetzen.

Für Christen im Besonderen gelte: „Inklusion ist wichtiger als Exklusion“, auch Jesus gehe es fast immer darum, Menschen aufzunehmen, nicht sie abzuweisen. Die Bergpredigt ziele auf „Glaube, Hoffnung, Liebe“ nicht auf „Misstrauen, Pessimismus, Härte“.

Zu dem von Pfarrer Johannes Block geleiteten Gottesdienst in der Stadtkirche waren zahlreiche Besucher gekommen, unter anderem Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff, Ministerpräsident a. D. Wolfgang Böhmer (beide CDU) und der Schirmherr der Spendenkampagne für die Generalsanierung von St. Marien Gunther Emmerlich. Zusammen mit dem Opernsänger diskutierte Wulff am Nachmittag im Katharinensaal bei einem Podiumsgespräch die Frage „Verspielen wir das vereinte Europa?“. (mz)