Adventsserie 2016

Adventskalender 2016 MZ Wittenberg: Jörg Hänig vom Schlossplatz Wittenberg

Wittenberg - Wie man das Beste aus brutalen Lebenswendungen macht, kann man von Jörg Hänig lernen. Am Schlossplatz kommt kaum einer an ihm vorbei.

Von Irina Steinmann 02.12.2016, 04:30

Als das ZDF die Sendung im Morgenprogramm wiederholte, legten die vielen „Likes“ auf Facebook noch einmal ordentlich zu. Sogar aus Namibia kam Fanpost, eine andere Deutsche versprach, mit ihrer Familie auf jeden Fall bei ihm vorbeizukommen, sollte sie mal zu Besuch in der Lutherstadt sein. Wahrscheinlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann der Mann und sein Ort in den ersten Reiseführern auftauchen. Das ist eine beachtliche Karriere für eine - Toilette.

Bundesweite Aufmerksamkeit für Toilette in Wittenberg

Während Jörg Hänig an seinem Cappuccino nippt, überschlägt er kurz, das wievielte Interview das nun wohl schon wieder ist. Und kommt auf ein halbes Dutzend. Bundesweit, wohl gemerkt. Eine beachtliche Aufmerksamkeit für einen - Toilettenwart, mag es auch, wie Hänig spaßt, ein „geschäftsführender“ sein.

Tatsächlich ist der 58-Jährige angestellt, ein fester Mitarbeiter der Wittenberger Reinigungsfirma ACC, die sein mediales Engagement ums stille Örtchen am Schlossplatz mit mehr als Wohlwollen begleitet. Das Wichtigste, und da hat er wohl recht, sei freilich, dass es dort sauber sein muss. Alles andere, sagt Hänig, sei letztlich nur ein Nebeneffekt. Aber was für einer!

Das seit 2011 geführte Gästebuch (800 Einträge, 70 Länder), die Flaggen, die Blumenkästen mit Namen, jetzt gar eine Krippe und über allem eine schwere Duftwolke, die noch jeden Missgeruch locker überdecken würde, nein, dies ist bestimmt keine gewöhnliche Bedürfnisanstalt. Weshalb sie ihm manchmal zum Abschied auch zuwinken aus ihren Reisebussen, die sie zum nächsten Touristenziel fahren - ein „Gänsehautmoment“, sagt Hänig.

Und „Have a nice day!“ zu der alten Lady aus den Staaten, die sich nun noch einmal umdreht und ihn anlächelt. Da entsteht etwas zwischen „bathroom attendant“ und Kundschaft, das deutlich über die Rechnung WC gegen Cash hinausgeht. Ja, Jörg Hänig versteht seine Toilette durchaus als einen Treffpunkt der Welt. Manchmal lässt er auch das Buch herumliegen, das er gerade liest. Das wird dann zum perfekten Anknüpfungspunkt für ein Gespräch.

Stammkunden kommen zur Toilette am Schlossplatz

Nicht alle Kontakte sind freilich flüchtig, die Toilette am Schlossplatz, berichtet Jörg Hänig, hat auch Stammkundschaft, vor allem an Markttagen, aber auch aus entfernteren Stadtvierteln, Piesteritz etwa. Ja, sagt der Toilettenwart verschwiegen, „man ist auch Ratgeber“. Aber, wie gesagt, das Kerngeschäft ist und bleibt die Sauberkeit.

Auf den Tisch kommt zu Weihnachten... eine Mularde, vom Diakoniehof Rackith. Was das ist? Eine Kreuzung aus Ente und Flugente. Heiligabend gibt’s Würstchen mit Kartoffelsalat - und am Mittag davor: Pelmeni (die Familie meiner Frau stammt aus Danzig).

Weihnachten bedeutet für mich: Familientreffen. Dass unsere Kinder nach Hause kommen ist das Schönste an Weihnachten.

Nicht verzichten möchte ich in der Adventszeit auf einen erzgebirgischen Lichterbogen, ich komme ja quasi von dort. Unserer ist der Klassiker: Engel und Bergmann.

Die größte Katastrophe zu Weihnachten war der Einbruch in unseren Kleingarten, den wir damals noch hatten. Ich hatte gerade die ersten Klöße geformt, da kam der Anruf. Gestohlen wurde nichts, aber der Schaden war groß.

In diesen Wochen werden die Toiletten saniert, „das wird jetzt ja noch besser“, konstatiert Hänig, der, wie er sagt, niemals in einem Einkaufszentrum würde tätig sein wollen. Der Schlossplatz ist und bleibt eben der Schlossplatz. Mit allen Misshelligkeiten, die sich zuletzt an der Thesentür zugetragen haben und die selbstverständlich auch Jörg Hänig sehr missbilligt.

„Das ist meine Welt“, hat er kürzlich gesagt über seinen Arbeitsplatz in unmittelbarer Nachbarschaft des Welterbes. Tatsächlich verband ihn mit diesem Ort schon vorher einiges, hier starteten 1989 die Demos mit Schorlemmer und Kerzen zum Markt, erinnert sich der Demonstrant Hänig.

Und auch daran, wie er einmal, viel später, der Schlosskirche gar auf dem Dach saß. Beruflich bedingt. Denn, bei aller medialen Verklärung des nettesten Wittenberger Klos - niemand kommt ja als Toilettenwart zur Welt oder wünschte sich dies auch nur ansatzweise als Beruf.

Jörg Hänig, geboren 1958 als Bürger von Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, Wahlwittenberger der Liebe wegen und nun schon seit Jahrzehnten, startete als Elektromontierer, wurde dann, man glaubt es kaum: Blitzableitermonteur, im Stickstoffwerk und später auch anderswo zwischen Braunschweig und Pamplona (ja, die paar Brocken Spanisch machen sich auch heute gut im Umgang mit Kunden). Bis ihn 2010 der Schlag traf.

Das Herumturnen auf den Dächern fand ein jähes Ende durch den Schlaganfall - nur wenige Monate nach einer ernsthaften Erkrankung seiner Frau. Und was sagt Jörg Hänig zu diesem Doppelschlag, der andere vielleicht für immer aus der Bahn geworfen hätte? „Wir haben das wunderbar weggesteckt“, sagt er.

Drei wohlgeratene Kinder, dazu ein wenige Monate altes Enkelchen - das Leben, das so hart austeilen kann, es gibt auch etwas Schönes zurück. Und wäre sein Sohn Stadtführer geworden ohne den Standort Toilette direkt neben der Touristeninfo? Würde der Junge jetzt eine Touristiker-Ausbildung machen ohne die Touristeninfo? Hätte er, Jörg Hänig, jetzt diese Basecap auf mit Beatles-Aufdruck? Nein, natürlich nicht, die hat ihm sein Sohn ja vom Praktikum in London mitgebracht. „Eigentlich“, fasst der Vater zusammen, „haben wir alles dieser Toilette zu verdanken...“

Daran denkt Jörg Hänig beim Klo putzen

Jörg Hänig war selbst mal ein reiselustiger junger Mann. Ende der 70er Jahre fuhr er mit einem Freund nach Bratislava. Das Ziel hieß Bochum, da wohnte seine Oma. Die Reise endete auf einer Brücke über der Donau. Eine Amnestie zum 30. Jahrestag der DDR verkürzte Hänigs Haft von anderthalb Jahren auf sieben Monate. Wenn er heute mal irgendwas Ekliges wegmachen muss auf seiner Toilette, dann denkt er an das Klo, das er in der Gemeinschaftszelle putzen musste. Dann ist das gar nicht mehr schlimm. (mz)