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30 Jahre Wende in Deutschland 30 Jahre Wende in Deutschland: Im Gespräch mit Friedrich Schorlemmer

Von Corinna Nitz 24.04.2019, 11:05
Friedrich Schorlemmer: „Wir haben eine besondere Verantwortung.“
Friedrich Schorlemmer: „Wir haben eine besondere Verantwortung.“ Thomas Klitzsch

Wittenberg - Am 9. November vor 30 Jahren fiel die Mauer in Berlin. Es war das Ende des Arbeiter-und-Bauernstaates, der Menschen, die politisch nicht konform liefen, drangsalierte und im schlimmsten Fall einsperrte. Zu den Mutigen, die sich in Friedensgruppen zusammenschlossen und darüber nachdachten, wie Veränderungen herbeigeführt werden könnten, gehörte der Wittenberger Theologe, Publizist und damalige Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer. Die MZ hat ihn getroffen. Das Gespräch führte Corinna Nitz.

Woran denken Sie zuerst im Zusammenhang mit dem 9. November 1989?
Friedrich Schorlemmer: Es war der Tag, an dem die Wittenberger anfingen, Demokratie zu üben. Und die Staatsmacht hat auf ihre Sicherheitskräfte verzichtet. Für diesen Tag war mit dem Bürgermeister und der SED-Kreisleitung verabredet, alle großen Räume in der Stadt zu öffnen und dort den offenen Dialog zu suchen.

Zwischen Staat und Kirche?
Und auch zwischen Staat und Gesellschaft. Ich war in der Stadthalle, es gab ein Mikrofon, die Menschen standen an. Die Situation war immer noch kribbelig, zum Beispiel wehrte sich ein Kommandant der Kampftruppen, dass diese etwas mit der Militarisierung des Landes zu tun hätten. Es war eine solche Wut unter den Menschen, da bin ich dazwischen gegangen mit bloßen Händen. Keine Gewalt!

Friedrich Schorlemmer ist im Jahr 1944 in Wittenberge an der Elbe geboren worden. In den Zeiten des politischen Umbruchs war er Dozent am Evangelischen Predigerseminar in Wittenberg (1978 bis 1992) und bis 2007 ebenda Studienleiter an der Evangelischen Akademie. 1989 wurde er Mitbegründer des „Demokratischen Aufbruchs“.

Im April 2019 hat Schorlemmer auf den 9. November 1989 - und mehr - zurückgeblickt. Am Ende des Gesprächs erklärte er, dass eigentlich Artikel 1 des Grundgesetzes, Absatz eins und zwei, zum Glaubensbekenntnis werden müsste, weil es da auch heißt: „Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“

Die MZ-Lokalredaktion Wittenberg möchte das Interview als Auftakt für eine Serie nehmen, in der wir Ihre Erinnerungen zur Wendezeit veröffentlichen. Dafür bitten wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, uns Ihre persönlichen Geschichten zum Mauerfall mitzuteilen - und zwar jeweils zu einem bestimmten Thema.

Das erste lautet: „Mit welchen Zielen ich zur Montagsdemo ging“. Bitte senden Sie uns Ihre Zuschrift mit Betreff „Ziele-Montagsdemo“ an [email protected] oder schreiben Sie an MZ Wittenberg, Schlossstraße 23/24, 06886 Lutherstadt Wittenberg. Bitte denken Sie an Namen, Wohnort, Telefonnummer und E-Mail-Adresse für eventuelle Rückfragen.  

Das war auch ein Leitspruch der friedlichen Revolution. Welche Hoffnungen und Erwartungen hatten Sie in der Friedensbewegung?
Eine Gesellschaft sollte aufgebaut werden, in der das freie Wort Platz gewinnt und Menschen so gebildet werden, dass sie das freie Wort finden. Dazu braucht es Mut. Es braucht auch Mut, sich seines Verstandes zu bedienen und sich friedlich auseinanderzusetzen. Von besonderer Bedeutung ist alles, was vor dem 9. November passierte. Und natürlich sind es die 70000, die am 9. Oktober in Leipzig auf der Straße gewesen waren.

Erzählen Sie noch einmal, worum ging es im Einzelnen?
Es ging um Friedensfragen, uns war klar, wir mussten alles tun, dass die Bedrohung durch Mittelstreckenraketen aufhört. Dazu gehörte auch, Feindbilder abzurüsten. Zweitens: Wir wollten uns nicht mehr entmündigen lassen sondern mitbestimmen. Und auf Wittenberg bezogen: Man muss sich doch nur alte Fotos ansehen, wir wollten den Verfall der Stadt stoppen. Also: Es ging um Frieden, Demokratie, Umwelt.

Und außerhalb der Friedensbewegung?
Wir wollten unsere Gesellschaft neu gestalten, aber die Menschen strömten in den Westen und holten sich ihr Begrüßungsgeld ab. Es ging eben auch um Konsumfragen, und ist es nicht ein legitimer Wunsch von Kindern, zu Weihnachten eine richtige Apfelsine zu bekommen?

Wenn Sie Ihre Hoffnungen, die Sie damals hatten, mit dem abgleichen, was bis heute geworden ist - sind Sie dann zufrieden?
Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit waren die Leitideen. Nun bestimmt Ökonomie die Politik. Es dominieren Profitinteressen auch des Einzelnen. Und viele Ostdeutsche haben das Gefühl, dass ihre Lebensleistung kaum anerkannt wurde. Das hat ein Potenzial von Unzufriedenen geschaffen. Das Selbstbewusstsein der Menschen im Osten ist nachhaltig angekratzt.

Was kann das heilen?
Die Zeit.

Gibt es Dinge, die Sie zufrieden stimmen?
Ich finde es zum Beispiel wunderbar, wie viele Menschen in die Politik gegangen sind und versucht haben, dieses innerlich und äußerlich zerrüttete Land aufzubauen. Natürlich wird man nie ganz zufrieden sein, aber dann muss man sich doch fragen, wo die Alternativen sind, wo du besser leben könntest. Wir Deutschen haben ein großes Glück mitten in einem einigen, vielfältigen Europa. Nationalismus führt über kurz oder lang wieder zu Krieg. Es gilt also, diese großartige europäische Friedensidee zu pflegen. Da sind auch die Wahlen demnächst so wichtig. Wir Deutschen haben nach dem großen Zivilisationsbruch des Zweiten Weltkrieges eine besondere Verantwortung.

Was empfinden Sie eigentlich beim Blick auf Pegida und AfD. Sind das auch Protestbewegungen? Und was löst es in Ihnen aus, wenn deren Vertreter „Wir sind das Volk“ rufen?
Die AfD ist eine Ansammlung von Menschen, die eine Grundunzufriedenheit pflegen. Sie machen Gefühlspolitik, die auf einem populistischen Level spielt. Ich persönlich fühle mich nicht in der Lage, mit denen zu diskutieren. Da herrschen so viele Negativemotionen vor, dass die Gefahr besteht, sich in Hass hineinziehen zu lassen. Was den Ruf „Wir sind das Volk“ betrifft: Aus einer emanzipatorischen Parole wird nun eine nationalistische. Denn es kommt auf die Betonung an: Damals lag sie auf dem Wir.

Zur damaligen Rolle der Kirche: In der Wendezeit bot sie einen Schutzraum. Es fanden sich viele Konfessionslose ein. Mitgliederzuwachs hat ihr das nicht beschert. Ist Kirche nur in Krisen- oder Umbruchzeiten interessant?
Kirche wurde damals auch als Hilfsorganisation benutzt, um aus dem Land zu kommen. Aber: In der Umbruchzeit, schon seit Februar 1985, hat die Kirche den Prozess der Entspannung unterstützt. Eine abgerüstete Welt wurde denkbar. Kirche wurde in der historisch einmaligen Friedlichen Revolution Sprachrohr für Menschen, die bis dahin keine Stimme hatten. Bis heute ist sie ein Ort der Besinnung, Orientierung und Ermutigung. Sie muss das Leben preisen und den Finger in die Wunden legen: zum Beispiel in Fragen des Umweltschutzes gegen Verschmutzung und Überhitzung.

Ist Kirche also vor allem eine moralische Instanz?
Sie ist moralische Instanz mit der Wertschätzung jedes Menschen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft unseres Landes?
Dass wir wach bleiben, dass sich nicht wiederholt, was wir einmal angerichtet haben. Demut, Dankbarkeit und Zuversicht - nichts wird wichtiger sein. (mz)