Totes Baby entfacht Debatte neu

Totes Baby entfacht Debatte neu: Braucht Weißenfels eine Babyklappe?

weissenfels - Der Fall des toten Babys in Weißenfels entfacht Debatte um Babyklappen neu. Asklepios-Klinikum lehnt jedoch ab.

Von Andreas Richter 12.10.2017, 07:00

Braucht eine Stadt wie Weißenfels eine Babyklappe? Während zurzeit mit einem Massen-Gentest versucht wird, jene Mutter ausfindig zu machen, die im April auf einem Grundstück in Weißenfels ein totes Baby abgelegt hat, hat die Diskussion über die Möglichkeit der anonymen Ablage eines Neugeborenen neue Fahrt aufgenommen.

Im Sozialausschuss des Stadtrates hatten sich jüngst mehrere Stadträte für eine Babyklappe am Weißenfelser Krankenhaus ausgesprochen, in der im Notfall ein Neugeborenes anonym abgegeben werden kann.

Babyklappen gibt es bisher nur vier in Sachsen-Anhalt

Für eine Babyklappe plädiert auch Claudia Steinhübl. Die Schwangerenberaterin beim Deutschen Roten Kreuz in Weißenfels führt nach ihren Angaben jedes Jahr mehr als . 000 Gespräche mit Frauen, die ein Kind erwarten. Sie weiß: Im Burgenlandkreis gibt es derzeit keine einzige Babyklappe, in ganz Sachsen-Anhalt lediglich vier - in Magdeburg, Halle, Bitterfeld und Dessau. Seit 2001 seien insgesamt 30 Neugeborene an diesen vier Stellen abgelegt worden.

Babyklappe in der Diskussion: Asklepios-Klinikum Weißenfels lehnt Idee ab

Das Weißenfelser Asklepios-Klinikum lehnt die Einrichtung einer Babyklappe jedoch ab. Angesichts der kontroversen Diskussionen zu diesem Thema orientiere man sich zumeist an den Empfehlungen von Fachgesellschaften und Experten, heißt es in einer Mitteilung der Klinik. „Beim Thema Babyklappe folgen wir daher der Empfehlung des deutschen Ethikrates, der sich 2009 in einer Stellungnahme klar gegen Angebote anonymer Kindesabgaben ausgesprochen hat“, so die Klinik.

Das Krankenhaus teilt die Auffassung des Ethikrates, derzufolge mit dem Angebot einer Babyklappe das „Recht des Kindes auf seine Herkunft und auf Beziehung zu seinen Eltern“ verletzt wird. Die Asklepios-Klinik betrachte sich nicht als Institution, „die sich einfach über die Empfehlungen einer der maßgeblichsten ethischen Autoritäten Deutschlands hinwegsetzen sollte“, heißt es. Vielmehr sollten bestehende Hilfsangebote für Schwangere und Mütter in Notsituationen zugänglicher gemacht und verbessert werden.

Babyklappe in Weißenfels: Auch der OB Robby Risch spricht sich dagegen aus

Ein Gedanke, den auch der Weißenfelser Oberbürgermeister Robby Risch (parteilos) aufgreift. „Eine Babyklappe halte ich in Weißenfels nicht für notwendig. Viel wichtiger ist eine fachkundige Beratung für werdende Mütter und Väter“, sagte er auf MZ-Anfrage. Im Zusammenhang mit dem getöteten Säugling bezweifelt Risch, dass eine Babyklappe das Kind gerettet hätte. „Das Baby wurde totgeschlagen. Das war eine Tötung, ein Verbrechen“, so der Oberbürgermeister.

„Ich bin froh, dass es die Schwangerenberatung in Weißenfels gibt - auch mit ihrem präventiven Angebot an den Schulen“, sagte Katja Henze, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Weißenfels. Künftig wolle man das Netzwerk all jener, die auf dem Gebiet der sozialen Beratung aktiv sind, weiter ausbauen. Noch in diesem Jahr soll laut Henze in der Stadt ein zentraler Wegweiser entstehen, in dem alle Angebote der Erziehungs- und Familienberatung gebündelt sind.

Babyklappe in Weißenfels in der Diskussion: Zwei Säuglinge abgelegt

Beim Thema Babyklappe erinnert Henze an zwei Fälle aus den Jahren 2007/08. Im Mai 2007 war ein Säugling auf der Treppe der katholischen Kirche in der Weißenfelser Friedensstraße abgelegt worden. 15 Monate später dann ein zweiter Fall: Ein Wachmann entdeckte ein Findelkind vor der Asklepios-Klinik in der Naumburger Straße. In beiden Fällen, in denen die ausgesetzten Kinder lebend entdeckt wurden, hätten die verzweifelten Mütter wohl auch eine Babyklappe genutzt - wenn es sie denn gäbe.

„Es geht um Menschenleben“, sagte Henze. Die Tatsache, dass in den vier in Sachsen-Anhalt bestehenden Klappen seit 2001 immerhin 30 Neugeborene abgegeben wurden, spreche für sich. (mz)