Ein Jahr Bürgerbüro in der Neustadt

Ein Jahr Bürgerbüro in der Neustadt: Einheimische bleiben der Anlaufstelle fern

Weißenfels - Seit einem Jahr existiert das Bürgerbüro in der Weißenfelser Neustadt. Was die Anlaufstelle gebracht hat und warum sie von Ausländern mehr genutzt wird.

Von Tobias Schlegel 20.09.2019, 05:00

Ein Mann aus Osteuropa kommt in das Neustadtbüro. Er hat eine Einkaufstüte in der Hand, die er auf einem Tisch ausschüttet - mit Dokumenten von Behörden. Es ist eine Szene, die nicht selten im Neustadtbüro am Weißenfelser Neumarkt so abläuft, wie Leiterin Kathrin Mavromatis, die bei der Stadtverwaltung im Bereich Gleichstellung arbeitet, erzählt.

Rund 45 ausländische Bürger der Stadt kommen wöchentlich in das Bürgerbüro, wenn sie Unterstützung bei Alltagsproblemen und Behördengängen brauchen. „Manche kommen zu uns, weil sie GEZ-Gebühren zahlen sollen, das aus ihrer Heimat aber nicht kennen“, sagt die 43-Jährige. Auch das Beantragen von Versicherungen und staatlicher Unterstützung wie Eltern- und Kindergeld in einem fremden Land überfordert viele Migranten, die deshalb Hilfe in der Einrichtung suchen.

Drogen, Alkohol, Müll

Genau ein Jahr existiert das Neustadtbüro. Geplant war, eine Anlaufstelle für deutsche und ausländische Bürger zu schaffen, um sich bei Problemen und Sorgen an die Stadt wenden zu können. Anlass für das Büro war jedoch auch das schlechte Image der Neustadt, die oft als Problemviertel dargestellt wird. Die Neustadt ist für viele Menschen vor allem mit Lärm, Müll, Alkohol, Drogen und Kriminalität sowie vielen Hartz-IV-Empfängern und einem hohen Ausländeranteil verbunden. Dies wurde auch bei einem Bürgerdialog vor zwei Jahren deutlich, bei der Anwohner auch ein Bürgerbüro forderten.

Seitdem hat sich an den Zuständen kaum etwas geändert. Dennoch nutzen Deutsche kaum das Bürgerbüro, um von Missständen zu berichten. Drei bis fünf seien es im Schnitt pro Woche, die das Büro aufsuchen. Auch die wöchentlichen Polizeisprechstunden finden kaum Resonanz. „Unser Büro soll eine Anlaufstelle für alle Menschen sein, auch für Deutsche“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, Katja Henze. Das sei bei den Menschen noch nicht richtig angekommen. Diese denken, das Angebot richtet sich nur an Ausländer, deren Anteil in der Neustadt bei 38 Prozent liegt.

Rund zehn Beratungsangebote gibt es in der Einrichtung

Rund zehn Beratungsangebote gibt es in der Einrichtung, quer verteilt über Themenspektren wie Pflege, Ordnung und Arbeit. Zudem gibt es einen Seniorentreff, eine Krabbelgruppe, Bastelstunden und aller zwei Wochen kommt ein Spielmobil mit Hüpfburg und weiteren Attraktionen für Kinder vorbei. Weitere Angebote sind künftig das Familientreffen und das Programm „Pekip“, bei dem Eltern Anregungen für ein entwicklungsgerechtes Spielen mit ihren Babys im ersten Lebensjahr erhalten.

Laut den Verantwortlichen kommen im Schnitt rund 50 Leute an den beiden Tagen pro Woche, an denen das Büro geöffnet ist. Gemessen an den den 9.000 Menschen, die in der Neustadt leben, klingt das nicht sehr viel. Trotzdem zieht Katja Henze ein positives Fazit nach einem Jahr Neustadtbüro: „Wir haben vor einem Jahr bei Null angefangen und jetzt ein festes und zuverlässiges Angebot geschaffen“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte.

„Natürlich ist es illusorisch, das Image eines Viertels nur mit einem Bürgerbüro aufzupolieren“

Mit den neuen Angeboten wolle man nun noch gezielter deutsche Bürger ansprechen, um den Zusammenhalt der Menschen aller Nationen zu stärken und sie zusammenbringen, um so auch der Neustadt wieder einen besseren Ruf zu verleihen. „Natürlich ist es illusorisch, das Image eines Viertels nur mit einem Bürgerbüro aufzupolieren“, sagt Katja Henze. Mit der AG Neustadt und dem Treff „Brücke“ gibt es immerhin noch zwei weitere Ansätze, Verbesserungen sowie Begegnung in der Neustadt zu schaffen.

Und die Arbeit des Neustadtbüros trage auch Früchte, da man ein Netzwerk mit Unternehmen und engagierten Bürgern geschaffen habe. Als im Juli die Ballsportarena abbrannte, wurde diese durch die Kontakte des Büros innerhalb von einer Woche wieder aufgebaut. Das hätte bei einem normalen Verwaltungsakt ein halbes Jahr gedauert.

Die guten Seiten des Stadtteils

Es ist ein Beispiel, das die andere Seite der Neustadt zeigt. „Es wäre gelogen, wenn man sagt, alles sei goldig in der Neustadt“, sagt Katja Henze. Doch es gebe auch gute Seiten und die Bedingungen in dem Viertel seien nicht die schlechtesten. Es gebe sämtliche Schulformen, Kindergärten, Ärzte und den Bahnhof. „Die Neustadt ist besser als ihr Ruf“, meint auch Kathrin Mavromatis.

››Das Neustadtbüro hat dienstags von 14 bis 18 Uhr und donnerstags von 9 bis 13 Uhr geöffnet. (mz)