Archäologie

Archäologie: Studenten entdecken tote Müllerin bei Lehrgrabung

Goseck/MZ - Schädel, Rippen und Unterarmknochen haben die Studenten Isabel Böhme und Martin Starick bei der Ausgrabung am Gosecker Sonnenobservatorium freigelegt. Nichts deutet auf eine Sensation hin. Doch genau die ist es nun. Denn die Knochen liegen auf zwei kompletten Getreide-Mahlsteinen und einem, von dem nur der sogenannte Unterlieger erhalten ist. Hat hier jemand sein Hab und Gut in Kriegszeiten in Sicherheit gebracht? Grabungsleiter Andreas Northe hält nichts von Spekulationen. Der promovierte Archäologe setzt auf Fakten. Demnach handelt es sich aufgrund der Form des Kiefers und des Zustandes der Zähne um eine 40 bis 60 Jahre alte Frau. Die im Umfeld entdeckten Scherben lassen eine Datierung in die Zeit der Kreisgrabenanlage vor knapp 7 000 Jahren zu. Eine regelrechte Bestattung hält der 42-Jährige für ausgeschlossen, weil sich dann auch eine Grabbeigabe hätte finden müssen, um der Toten den Weg ins Jenseits zu erleichtern. Ob es sich um eine Opferung handelt, könne laut Northe nur gemutmaßt werden. Gegeben hat es diese angesichts der religiösen Bedeutung solcher Anlagen, die Heiligtum, Beobachtungspunkt, Versammlungsplatz und Fluchtort gleichermaßen waren. In Tschechien, Bayern oder Österreich sind Menschenopfer jedenfalls nachgewiesen worden. Für Goseck wird das aufgrund der fehlenden Knochen unmöglich werden. Doch der Grabungsleiter denkt zumindest an eine rituelle Bestattung. Denn der Fundort liegt trotz einer geringfügigen Abweichung fast auf der Linie zwischen einigen Öffnungen in den Palisaden des Observatoriums und dem Aufgangsort der Sonne am längsten Tag des Jahres, dem 21. Juni. Ziehe er das in Betracht, gebe es vielleicht sogar Zusammenhänge mit dem Ende der Kreisgrabenanlage. Northe redet zwar nicht von einer Sensation, aber von einem „interessanten Fund“. Der wiege auf, dass der erwartete Nachweis eines Hauses bislang nicht gelungen ...

Von Holger Zimmer 14.10.2013, 13:08

Schädel, Rippen und Unterarmknochen haben die Studenten Isabel Böhme und Martin Starick bei der Ausgrabung am Gosecker Sonnenobservatorium freigelegt. Nichts deutet auf eine Sensation hin. Doch genau die ist es nun. Denn die Knochen liegen auf zwei kompletten Getreide-Mahlsteinen und einem, von dem nur der sogenannte Unterlieger erhalten ist. Hat hier jemand sein Hab und Gut in Kriegszeiten in Sicherheit gebracht? Grabungsleiter Andreas Northe hält nichts von Spekulationen. Der promovierte Archäologe setzt auf Fakten. Demnach handelt es sich aufgrund der Form des Kiefers und des Zustandes der Zähne um eine 40 bis 60 Jahre alte Frau. Die im Umfeld entdeckten Scherben lassen eine Datierung in die Zeit der Kreisgrabenanlage vor knapp 7 000 Jahren zu. Eine regelrechte Bestattung hält der 42-Jährige für ausgeschlossen, weil sich dann auch eine Grabbeigabe hätte finden müssen, um der Toten den Weg ins Jenseits zu erleichtern. Ob es sich um eine Opferung handelt, könne laut Northe nur gemutmaßt werden. Gegeben hat es diese angesichts der religiösen Bedeutung solcher Anlagen, die Heiligtum, Beobachtungspunkt, Versammlungsplatz und Fluchtort gleichermaßen waren. In Tschechien, Bayern oder Österreich sind Menschenopfer jedenfalls nachgewiesen worden. Für Goseck wird das aufgrund der fehlenden Knochen unmöglich werden. Doch der Grabungsleiter denkt zumindest an eine rituelle Bestattung. Denn der Fundort liegt trotz einer geringfügigen Abweichung fast auf der Linie zwischen einigen Öffnungen in den Palisaden des Observatoriums und dem Aufgangsort der Sonne am längsten Tag des Jahres, dem 21. Juni. Ziehe er das in Betracht, gebe es vielleicht sogar Zusammenhänge mit dem Ende der Kreisgrabenanlage. Northe redet zwar nicht von einer Sensation, aber von einem „interessanten Fund“. Der wiege auf, dass der erwartete Nachweis eines Hauses bislang nicht gelungen sei.

Martin Starick (21) spricht von einer unerwarteten Entdeckung. Schon beim Baggern hatte er den Schädel entdeckt, den man erst für den eines Kindes gehalten hat. Gemeinsam mit Isabel Böhme, einer 29-jährigen Quereinsteigerin, grub er sich dann mit Maurerkelle und Stuckateureisen zentimeterweise tiefer. So gingen drei Wochen ins Land, ehe auch die Mahlsteine freigelegt waren. Da spiele natürlich Respekt vor der Toten eine Rolle, räumt Böhme ein, während Starick bekennt, dass einen schon die Frage umtreibe, was vor fast 7 000 Jahren passiert sei. Und auch wenn noch einige unbeantwortete Fragen im Raum stehen, hat sich das wochenlange Geduldsspiel bei der Ausgrabung gelohnt. Vertiefende Erkenntnisse erhofft sich Northe nun bei der Auswertung der Ergebnisse an der Universität.