Gertraud Marggraf sagt leise Servus Chefin des DRK-Pflegeheims in Hohlstedt geht in Ruhestand - und blickt zurück
Am 31. Dezember 2024 ist der allerletzte Arbeitstag von Gertraud Marggraf. Seit 1994 arbeitet sie im DRK-Seniorenzentrum Hohlstedt, seit 2007 leitet sie das Haus. Wie ihr Werdegang war.

Hohlstedt/MZ. - Es ist tatsächlich gar nicht so einfach, im MZ-Archiv etwas über Gertraud Marggraf zu finden. Dabei wäre es die normalste Sache der Welt, wenn unter ihrem Namen sehr viele Einträge aufploppten. Denn Gertraud Marggraf ist seit 2007 Leiterin des DRK-Seniorenzentrum „Goldene Aue“, war vorher dort Pflegedienstleiterin und Krankenschwester.
Da hat man eigentlich den einen oder anderen „Auftritt“ in der lokalen Presse. Aber denkste. Die Frau versteht nicht nur ihren Job, sie versteht es auch, sich aus dem Mittelpunkt zu stehlen und andere in den Vordergrund zu schieben. Das ist so ihre Art. „Ja so ist sie“, hört man im Hohlstedter Haus immer wieder sagen. Laut ist nicht ihre Sache. Und so ist es irgendwie bezeichnend, wenn sie an diesem 31. Dezember 2024 - vermutlich ganz allein - ihre Schlüssel, ihr Diensthandy und ihren Laptop im Büro zurücklässt, die Tür hinter sich zuzieht und vermutlich mit ein paar Tränen, ein letztes Mal als Heimleiterin vom Gelände des Seniorenzentrums fährt.
Als junge Frau zieht es sie nach Roßla
Die Hohlstedter Mitarbeiter und die gesamte Entourage des DRK-Kreisverbandes Sangerhausen haben sich vor Gertraud Marggraf tief verbeugt und ihr signalisiert, dass sie eine tolle Chefin/Kollegin war, die man schweren Herzens gehen lässt, aber die sich ihren Ruhestand extrem verdient hat. Was für Berufsjahre liegen hinter hier … Diese Satz verlangt laut Interpunktion nach einem Fragezeichen. Aber das wäre völlig fehl am Platz. Hinter diesen Satz gehört ein dickes Ausrufezeichen.
Der Werdegang: Gertraud Marggraf, die damals noch gar nicht Marggraf hieß, hat im Krankenhaus Martha-Maria Halle-Dölau Krankenschwester gelernt und wäre durchaus auch gerne dort geblieben, aber der Liebe wegen ist die junge Frau nach Roßla gezogen und hat zunächst im dortigen Landambulatorium gearbeitet. „Dort habe ich viel gelernt.“ Kurz nachdem das neue Bettenhaus des Pflegeheimes Hohlstedt eingeweiht wurde, verschlug es sie dorthin. Zunächst zwei Jahre als Nachtschwester - ausschließlich. Man möchte schon wieder den Hut ziehen.
Der Weg zur Chefin kam von allein
Die heute 64-Jährige sieht das entspannt. „Mein Sohn war damals zwölf, das ließ sich alles bestens organisieren. Wenn ich am Morgen aus der Schicht kam, hatte ich noch Zeit bis er zur Schule musste.“ Es folgten zehn arbeitsintensive und lehrreiche Jahre als Pflegedienstleiterin (PDL) im Haus in Hohlstedt. „Diese Arbeit hat mir enorm viel Spaß gemacht. Das war es, was ich gelernt hatte.“ Und möchte damit schon mal andeuten, dass danach alles anders kam. Denn ihre Chefin ging damals über das Altersteilzeitmodell in den Ruhestand. Über die Nachfolge musste entschieden werden.
Man machte damals bei DRK kein großes Federlesen: Man fragte einfach die Frau, die nun schon über viele Jahre im Haus arbeitete, alles aus dem Effeff kannte und ganz offenbar besser geeignet war ins Büro der Heimleiterin zu wechseln als jede andere. Gertraud Marggraf selbst war davon nicht sofort in aller Gänze überzeugt, aber sie ließ sich überzeugen. Übrigens ohne Netz und doppelten Boden: Sie wusste, dass es kein Zurück gab - die Stelle der PDL war längst wieder besetzt. Und genau genommen, ist es auch gar nicht ihre Art zu kneifen, wenn es mal unbequem wird. Sie hat all die Jahre oft Gelegenheit bekommen, genau auch das unter Beweis zu stellen.
Natürlich hat sich die neue Heimleiterin damals auch qualifiziert, aber man kann nicht alles 1:1 auf der Schulbank lernen, was so eine verantwortungsvolle Arbeit im Alltag mit sich bringt. Das Medizinische war ihr Fach. Damit kannte sie sich aus. Aber alles andere - das war schon mit einem Lernprozess verbunden. Denn als Leiterin eines solchen Haues ist man nicht nur medizinische Fachkraft, sondern auch Buchhalter, Bauleiter, Psychologe, IT-Verantwortlicher, manchmal Seelsorger und, und und…
„Corona war eine furchtbare Zeit“
Gertraud Marggraf hat seit 2007 als sie Heimleiterin wurde, viel erlebt, so manche Entwicklung mitgemacht. Die Digitalisierung hat längst auch im Seniorenzentrum „Goldene Aue“ Einzug gehalten, die dementiellen Erkrankungen unter den Bewohnern haben erheblich zugenommen, die Verweildauer der Bewohner ist deutlich geringer also noch vor Jahren, die Anforderungen an das Pflegepersonal sind extrem gestiegen, neben der körperlichen Anstrengung ist die Psyche sehr belastet.
Und dann kam Corona, die schlimmste Zeit, die Gertraud Marggraf mitgemacht hat. „Es war eine furchtbare Zeit.“ Aber wer die Roßlaerin kennt, der weiß auch, was jetzt kommt. Nämlich die schönen Zeiten, von denen es in ihren Berufsjahren jede Menge gegeben hat, wie sie verrät. Da erinnert sich die 64-Jährige an Fahrten, die mit den Heimbewohnern unternommen, und an die vielen Feste, die mit und ohne Angehörige gefeiert wurden. Ihr größter Stolz ist aber ihre Mannschaft. Die scheidende Chefin von 100 Mitarbeitern hat dafür einen Satz parat: „Was ich erreicht habe, habe ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen erreicht.“ Das schreibt man an dieser Stelle gern auf.
Diese Kollegen bekommen nun einen Chef. Die Chefin wird gewiss immer mal abbiegen, wenn sie durch Hohlstedt fährt. Sie wird aber auch endlich mehr Familienzeit haben und im deutschsprachigen Raum so manche Urlaubsreise planen.