Breitenstein als letzte Verteidigungslinie

Breitenstein/MZ. - "Nach der Bombardierung von Nordhausen kamen viele Soldaten und SS-Leute nach Breitenstein und wollten hier eine Verteidigungslinie aufbauen", sagt Heinz Westphal. "An der Straße nach Stolberg wurden Schützenlöcher ausgehoben. Bei der alten Glashütte war eine Großbäckerei für die Wehrmachtsversorgung aufgebaut." Nicht weit entfernt, wurde ein Außenlager des KZ-Mittelbau-Dora eingerichtet. "Die Wehrmacht rollte Tag und Nacht in Richtung Harz. Was zwischen Stolberg und Breitenstein an Fahrzeugen stehen blieb, mussten die Häftlinge den Berg hoch ziehen und schieben. Es war eine unmenschliche Schinderei", berichtet ...

Von Steffi Rohland

"Nach der Bombardierung von Nordhausen kamen viele Soldaten und SS-Leute nach Breitenstein und wollten hier eine Verteidigungslinie aufbauen", sagt Heinz Westphal. "An der Straße nach Stolberg wurden Schützenlöcher ausgehoben. Bei der alten Glashütte war eine Großbäckerei für die Wehrmachtsversorgung aufgebaut." Nicht weit entfernt, wurde ein Außenlager des KZ-Mittelbau-Dora eingerichtet. "Die Wehrmacht rollte Tag und Nacht in Richtung Harz. Was zwischen Stolberg und Breitenstein an Fahrzeugen stehen blieb, mussten die Häftlinge den Berg hoch ziehen und schieben. Es war eine unmenschliche Schinderei", berichtet er.

Er erinnert sich, dass es in Richtung Friedrichshöhe auch Opfer gegeben hatte. Eine Gedenkstätte für ermordete KZ-Häftlinge errichteten die Breitensteiner im Jahre 1950 im Höllgrund. Nur von einem der fünf hier Bestatteten sind der Name und der Todestag überliefert. Es handelt sich um den Polen Josef Topolski, erschossen am 6. April 1945. Ein Stein mit der Inschrift "Ruhm und Ehre den antifaschistischen Widerstandskämpfern" kennzeichnet den Platz.

Wenige Tage vor dem Einrücken der amerikanischen Truppen verließen viele Soldaten den Ort. Sie ziehen weiter oder versteckten sich in den Wäldern. Nur wenige, etwa 20 junge Soldaten blieben zurück, sie sollten Breitenstein verteidigen. Einer dieser jungen Soldaten, schoss in der Mitte des Dorfes mit einer Panzerfaust auf die herannahenden Panzer. "Er wurde angeschossen und verblutete. Die Sanitäter durften ihm nicht helfen", berichtet Westphal. Sein Grab und vier weitere sind auf dem Breitensteiner Friedhof erhalten. Wo die anderen deutschen Soldaten gefallen waren und wer sie begraben hat, weiß auch die Ortschronik nicht mehr zu berichten.

Am 13. April 1945 ging Edelgard Westphal mit ihren Großeltern aufs Feld. "Es war ein warmes Frühjahr", erinnert sie sich, "und die Großeltern bestanden darauf, die Kartoffeln müssen in den Boden." Da sahen sie in der Ferne Panzerkolonnen aus Richtung Auerberg kommen. Als dann auch noch Schüsse zu hören waren, liefen sie in den Ort zurück und versteckten sich im Keller des Hauses. Heinz Westphal schaffte es mit seinen Eltern nicht mehr zurück ins Dorf, sie versteckten sich im Wald.

Eine Panzergranate zerstörte die Kirchturmspitze. Scheunen wurden in Brand geschossen. Zwei Zivilisten kamen um, sie wurden in ihren Höfen erschossen. Der Beschuss war erst zu Ende, als Wilhelm Regenhardt den Amerikanern mit einer weißen Fahne entgegen ging. Wie überall durchsuchten die Amerikaner die Häuser. Auch zu Westphals im Oberdorf 36 kamen sie. Auf ihrer Flucht hatte eine SS-Streife das Auto in ihrem Garten stehen lassen. Die Uniformen verbuddelten sie unter den Kartoffeln im Keller und als Heinz Westphal abends mit seinen Eltern in das Haus zurück wollte, wurden sie von einer amerikanischen Streife mit den Ausweisen der SS-Leute verglichen. Als Heinz Westphal einen Tag später die Pistolen der SS-Leute fand und abgab, veranstalten die jungen amerikanischen Offiziere im Garten ein Scheibenschießen. Später bekommt er dafür sogar eine "große Papphülse mit Bohnenkaffee". Nach ein paar Tagen ging es fast nicht so gut aus. Da rettete ihn sein Entlassungsschein von den Flakhelfern gerade noch vor einer Verhaftung.

In dem Wohnhaus von Familie Desel in der Schlossergasse 121 richteten die Amerikaner ein kleines Lazarett ein. Dazu mussten die Räume des Erdgeschosses geräumt werden. Amerikanische Ärzte betreuten hier die Verwundeten aus den weiteren Kämpfen in der Umgebung. Von einem provisorischen Flugplatz auf dem Osterkopf wurden mit Transportmaschinen die Toten ausgeflogen. Dazu hatten die Amerikaner im Ort einen Sammelplatz eingerichtet.

Nach der Besetzung war noch lange keine Ruhe in den Wäldern eingekehrt. Immer wieder wurde nachts geschossen. Heinz Westphal musste eines Tages unter vorgehaltener Waffe versprengte SS-Leute an den Patrouillen vorbei zum Tannengarten führen. Auch von der SS-Streife, die ihr Auto auf Westphals Grundstück zurückgelassen hatte, tauchte eines Tages jemand auf und suchte die Pistolen.