„Wie der Eingang zur Hölle“

„Wie der Eingang zur Hölle“: Warum rund um den Geiseltalsee alte Flakgeschütze stehen

Krumpa/Braunsbedra - 75 Jahre ist der Beginn der alliierten Treibstoff-Offensive auf Deutschland und die damit verbundene Bombardierung der Werke im und um das Geiseltal inzwischen her. Stephan Rolf Schilling aus Leipzig gehört zu dem Team, das sich seit 2013 damit beschäftigt, die Ereignisse von 1944/45 und deren Auswirkungen auf die Region im erhalten gebliebenen Luftschutzbunker des Werkes Krumpa zu ...

Von Diana Dünschel 25.08.2019, 14:00

75 Jahre ist der Beginn der alliierten Treibstoff-Offensive auf Deutschland und die damit verbundene Bombardierung der Werke im und um das Geiseltal inzwischen her. Stephan Rolf Schilling aus Leipzig gehört zu dem Team, das sich seit 2013 damit beschäftigt, die Ereignisse von 1944/45 und deren Auswirkungen auf die Region im erhalten gebliebenen Luftschutzbunker des Werkes Krumpa zu dokumentieren.

„Mitteldeutsche Flakgürtel“ mit etwa 1100 schwere Flakgeschütze

Sein besonderes Augenmerk liegt inzwischen auf dem zum Schutz aufgebauten „Mitteldeutschen Flakgürtel“. Weil sich am 1. September der Beginn des Zweiten Weltkriegs zum 80. Mal jährt, hielt er dazu jetzt in der Pfännerhall in Braunsbedra einen mit mehr als 50 Zuhörern sehr gut besuchten Vortrag, der hier in Auszügen wiedergegeben wird. Demnach wurde im Verlauf des Zweiten Weltkriegs die Chemieregion Leipzig-Halle-Merseburg-Zeitz zu ihrem Schutz mit einem System schwerer Flakbatterien umgeben und durch Leittechnik, also eine Vielzahl von Scheinwerfer- und Radarstellungen, ergänzt.

Die Flak-Schussfelder überlappten sich gegenseitig, sodass es keine Lücke gab. Der Feind musste durch das Flakfeuer fliegen. Insgesamt umfasste der „Mitteldeutsche Flakgürtel“ etwa 1100 schwere Flakgeschütze. Davon befanden sich 550 im Raum Leuna-Lützkendorf. Die Wirkung war enorm. Laut einer Statistik war der Anteil der Abschüsse durch die Flak zwischen 1942 und 1945 genau so hoch wie durch Jagdflugzeuge. Denn die neun bis 26 Kilogramm schweren abgeschossenen Granaten mit Zeitzünder erzeugten jeweils sieben bis 20 Kilogramm Splitter. Trafen die ein Flugzeug im Umkreis von zehn Metern, führte das zum Absturz und selbst in größeren Entfernungen noch zu Beschädigungen.

„Flak Hell Leuna“ für Alliierte, Deutsche und Zivilbevölkerung

Mitteldeutschland war neben dem Ruhrgebiet und Berlin die am stärksten durch Flakgeschütze verteidigte Region. So ist zu verstehen, dass sie bei den amerikanischen Bomberbesatzungen den Namen „Flak Hell Leuna“, also „Flakhölle Leuna“, bekam. Merseburg wurde zu „Mercilessburg“ oder „Gnadenlosburg“, war aber auch als „Murderburg“ oder „Mordburg“ bekannt. Auswirkungen hatte diese Art der Kriegsführung sowohl auf die Bomber-Besatzungen als auch auf die deutschen Luftwaffensoldaten und später die Luftwaffenhelfer, also 14- bis 17-jährige Schüler.

Überliefert ist zum Beispiel folgender Bericht eines Luftwaffenhelfers: „Am 2. November 1944 griffen mehrere US-Bomberverbände das Ammoniakwerk Merseburg an. Die anfliegenden Bomberpulks, lautes Flugmotorengedröhn, explodierende Flakgranaten, dutzende sich kreuzende Rauch- und Kondensstreifen, Bombenrauschen und Explosionen, mit einem Pfeifton herabfallende Granatsplitter, ätzende Nebelschwaden, Bombenfehlwürfe in den angrenzenden Feldern und das Abschusskrachen der Geschütze machten Himmel und Erde für uns wie zum Eingang einer von Menschen geschaffenen Hölle. Unser erster Einsatz. Wir fühlten uns hilflos und verloren.“

Flakstellungen wurden durch Amerikaner überwältigt oder durch die Deutschen aufgegeben

Bei den Amerikanern entstand im Gegenzug ein eigener Begriff für eine Nervenstörung durch die Flak namens „Flak Happiness“. Sie entstand, weil keine Selbstverteidigung der Bomberbesatzungen gegen Flak möglich war. Man konnte sich nicht wehren, wurde „erwischt“ oder auch nicht, und darüber entschied der Zufall. In einem Zeitzeugenbericht heißt es: „Wenn ich tausend Jahre alt würde, könnte ich nie vergessen was ich heute erlebt habe. Merseburg. Ich hatte noch nie ein so fürchterliches Erlebnis. Flak, sehr, sehr schwer und sehr, sehr genau für 25 Minuten - ein schrecklicher Anblick - eine massive Wand. Der Himmel war schwarz. So als könnte nichts durchscheinen. 22 Flaklöcher in unserem Flugzeug. Wir konnten der Flak nicht ausweichen - sie war überall. Wenn es wieder wie heute wird, würde ich mich lieber erschießen als zurückzukehren. Von nun an fliege ich, weil ich muss, nicht weil ich will“.

Zu Kriegsende wurde der Auftrag der Flak ein anderer. Die Geschütze wurden gegen die anrückenden amerikanischen Bodentruppen eingesetzt. Dafür wurden die Wälle um die Flakstellungen abgetragen und stattdessen Schützengräben errichtet und die vorhandenen Zeitzünder- sowie Sprenggranaten eingesetzt. Am Ende wurden die Flakstellungen einzeln durch Amerikaner überwältigt oder durch die Deutschen aufgegeben und die Geschütze gesprengt. Reste von Flakstellungen finden sich in der Umgebung übrigens heute noch. Wer den kompletten Vortrag noch einmal hören möchte: Stephan Rolf Schilling hält ihn auch am 31. August um 16 Uhr in der Kirche St. Barbara in Zweimen. Der Bunker in Krumpa öffnet wieder am Sonntag, 25. August, von 14 bis 17 Uhr. (mz)