Der erste Sachsen-Anhalter

Der erste Sachsen-Anhalter: Literat suchte nach der Identität seiner Heimatregion

Mersburg/Irxleben - Siegfried Berger sei zu Unrecht in Vergessenheit geraten, sagt Mathias Tullner. Der Geschichtsprofessor im Ruhestand der Uni Magdeburg recherchiert derzeit auf Anregung der Siegfried-Berger-Stiftung für eine Biografie über den vor 75 Jahren verstorbenen Schriftsteller und Regionalpolitiker. Im Gespräch mit Robert Briest erklärt er, warum er vor allem für die Identität Sachsen-Anhalts von großer Bedeutung sein ...

Von Robert Briest

Siegfried Berger sei zu Unrecht in Vergessenheit geraten, sagt Mathias Tullner. Der Geschichtsprofessor im Ruhestand der Uni Magdeburg recherchiert derzeit auf Anregung der Siegfried-Berger-Stiftung für eine Biografie über den vor 75 Jahren verstorbenen Schriftsteller und Regionalpolitiker. Im Gespräch mit Robert Briest erklärt er, warum er vor allem für die Identität Sachsen-Anhalts von großer Bedeutung sein könnte.

Siegfried Berger ist am 27. März 1946 verstorben. Was macht ihn so bedeutend, dass Sie ihm 75 Jahre später noch eine Biografie widmen wollen?

Mathias Tullner: Siegfried Berger war fast die Inkarnation dessen, was später Sachsen-Anhalt wurde. In diesem Mann bündelte sich ein großes Stück Identität. Er wurde von Erhard Hübener, nach dem Zweiten Weltkrieg, erster Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, damals Landeshauptmann in der Provinz Sachsen, in den 1920er Jahren eingestellt. Er sollte schauen, wie es mit der Identität dieses Landstrichs aussieht.

Warum war das damals eine relevante Frage?

Im ersten Weltkrieg entstand in Leuna das riesige Chemiewerk. Mitteldeutschland erlebt eine rasante wirtschaftliche Entwicklung. Aus Deutschland, ja teils aus ganz Europa kommen Zehntausende in die Region. Die Bayern vermissen ihre Trachtengruppen, die Rheinländer den Karneval. Sie behaupten die Region hier sei kulturlos.

Berger hat sich gefragt: Was zeichnet die Gegend eigentlich aus?

Was macht die Menschen um Merseburg, Halle und Magdeburg aus. Er hat sich die Mühe gemacht, zu gucken, welche bedeutenden Künstler und Dichter haben wir in der Region, hat in der Nazizeit auch ein Buch über bedeutende Persönlichkeiten herausgegeben. Man kann sagen: Er war ein Erforscher der mitteldeutschen Identität.

Wurde er damals von den Zeitgenossen wahrgenommen?

Er war Literat und wurde in der Weimarer Zeit und auch danach viel gelesen. Er war zu seiner Zeit sowohl als Politiker, als auch als Schriftsteller bekannt. Als Autor hat er vor allem die Kulturgeschichte der Region reflektiert. So handelte eine seiner Geschichten beispielsweise vom Merseburger Raben, den ein Regierungspräsident für einsam hält.

Solche Geschichten sind es, die Heimatgefühl vermitteln. 1927 publizierte er im Auftrag von Hübener ein wesentliches Buch für die Zukunft der Region: „Mitteldeutschland auf dem Weg zur Einheit“. Da sagt er, man brauche eine Neuordnung Mitteldeutschlands, ein Ende der Zersplitterung. Die Region erlebte damals eine rasante Entwicklung, war zugleich aber politisch sehr zergliedert, mit vielen Enklaven in den Provinzen.

Vorhin sprachen Sie von Sachsen-Anhalt, jetzt sind wir bei Mitteldeutschland. Waren die Gebiete damals überhaupt schon definiert?

Mitteldeutschland war ein schwammiger Begriff, der sich damals noch in der Diskussion befand. Die Idee, die Hübener und Berger davon hatten, entsprach etwa dem heutigen MDR-Gebiet. Das war für damalige Provinzgrößen allerdings zu groß. Deswegen kam 1929 der Plan einer Dreiteilung auf, wie wir sie heute haben: Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Der kam dann zunächst ins Stocken. Die Nazis hatten kein Interesse daran. Allerdings zogen die Alliierten den Sachsen-Anhalt-Plan nach dem Krieg wieder aus der Schublade.

Stichwort NS-Zeit: Sie beschrieben im Vorgespräch Berger als linksliberalen Humanisten, der eine klassische bürgerliche Bildung genossen hat, Mitglied der linksliberalen DDP war. Anders als sein Chef Hübener verblieb er während der Nazizeit jedoch im Staatsdienst, durfte publizieren. Wie passt das zusammen?

Ja, Berger wurde von den Nazis nicht rausgeworfen. Sie brauchten die Verwaltungen wie in Merseburg ja, um Anstalten, Kleinbahnen und Ähnliches weiterzubetreiben. In dieser Verwaltung hat auch Berger gearbeitet. Er weigerte sich aber in die NSDAP einzutreten, weshalb er ein Beförderungsverbot bekam. Auch wurden wichtige politische Angelegenheiten von ihm ferngehalten. Er wird zum Kulturheini abgestempelt, kümmert sich etwa um das Theater in Lauchstädt. Berger war kein Nazi, auch kein Widerstandskämpfer, aber ein grundehrlicher Mann.

Was kann dieser denn heute noch zur Identität des Bundeslandes beitragen?

Sein literarisches Werk ist heute zwar schwer lesbar, aber historisch ist er interessant. Es wäre gut und würde den Zusammenhalt stärken, wenn viele mehr von Berger wüssten. (mz)