Cannabis und Wissenschaft

Cannabis und Wissenschaft : Hilft Kiffen gegen Corona?

Merseburg - Merseburger Forscher befragen Sars-CoV2-Infizierte zu ihren Erfahrungen mit selbstverordneter Cannabisbehandlung.

Von Robert Briest 20.05.2020, 12:30
Cannabis in einem kleinen Beutel
Cannabis in einem kleinen Beutel imago stock&people

In der Coronakrise suchen Forscher, Mediziner und Pharmaunternehmen nicht nur fieberhaft nach einem Impfstoff gegen Covid-19, sondern auch nach einem Medikament, mit dem sich die neue Krankheit bekämpfen lässt. Auch Wissenschaftler der Hochschule Merseburg beteiligen sich an dieser Suche. Sie haben dabei ein Mittel in den Blick genommen, das von der Öffentlichkeit in Deutschland bisher weniger als Medikament, denn als Rauschmittel wahrgenommen wird: Cannabis.

Das Team um die auf Drogen spezialisierte Soziologin Gundula Barsch beschäftigt sich schon seit Jahren intensiv mit den vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Hanf. So führen sie schon länger Befragungen zur Selbsttherapieerfahrungen mit Cannabis durch. Da habe es nahegelegen, dies auch in Bezug auf Covid-19 zu machen, erklärt Barsch. Schließlich liegt es aus ihrer Sicht nahe, dass jemand, der mit der Substanz vertraut ist, sie auch im Falle einer Virusinfektion nutzt.

„Cannabis wirkt entkrampfend, beruhigt die Bronchien, ist entzündungshemmend.“

„Denn Cannabis wirkt entkrampfend, beruhigt die Bronchien, ist entzündungshemmend.“ Allerdings gebe es auch bekannte Wirkungen, die gegen einen Einsatz bei Covid-19 sprächen, sagt die Wissenschaftlerin, etwa das Cannabis die Atemwege austrockne.

Um Nutzungserfahrungen zu sammeln, starteten die Merseburger Anfang April eine Onlineumfrage. Bisher haben bereits über 150 Menschen aus dem deutschsprachigen Raum diese vollständig ausgefüllt. Eine gute Resonanz, bedenkt man die zentrale Voraussetzung für die Teilnahme: Die Befragten müssen positiv auf Sars-CoV2 getestet sein.

Umfrage läuft noch bis Ende Mai

Die Umfrage läuft noch bis Ende Mai. Barsch hofft, dass auch infolge von Medienberichten weitere Teilnehmer hinzukommen. Sie hat aber bereits eine erste Zwischenauswertung vorgenommen und auf der Website freies-ganja.de veröffentlicht. Demnach verfügten alle Befragten bereits über Vorerfahrung mit Cannabis und sie haben sich selbst damit behandelt. Die meisten Teilnehmer hatten keine, leichten oder mittelschweren Symptome durch Covid-19. Nur einer habe Intensivbehandlung erhalten, berichtet die Forscherin.

Die Befragten haben laut der Soziologin offenbar gute Erfahrungen mit dem Cannabiseinsatz gemacht: „Das Erstaunliche war, dass es ihnen gar nicht, wie wir vermutet hatten, um Atemwegsprobleme ging, sondern darum, Angst und Panik herunterzuregeln.“ Gerade in der Anfangszeit der Krise hätten Bilder von Leichensäcken und Toten, die gar nicht schnell genug beerdigt werden konnten, für die Vorstellung gesorgt, wer Covid-19 habe, stehe kurz vorm Sterben.

„Atmung wurde ruhiger, sie konnten besser abhusten.“

Um diese Ängste zu lösen, griff die Mehrheit der Befragten auf Cannabis, meist in gerauchter Form zurück. „Die Umfrage hat ergeben, dass die Leute nicht high sein mussten, damit die Wirkung einsetzt. Die Dosierung war eher gering“, fasst Barsch zusammen. Die Teilnehmer hätten noch weitere Wirkungen berichtet, die teils infolge der verringerter Angst gestanden hätten: „Die Atmung wurde ruhiger, sie konnten besser abhusten.“

Die Soziologin würde trotz dieser ersten Ergebnisse nicht soweit gehen, Cannabis als Mittel gegen Covid-19 direkt zu empfehlen. Sie versteht ihre Studie eher als Impulsgeber. Sie wolle mit ihrer Arbeit medizinische Forschung anstoßen, die teils in Kanada und Israel, dort mit dem Hanfextrakt Cannbidiol, bereits laufe: „Ich möchte an die Gesundheitspolitik appellieren, dass sie die Erkenntnisse Ernst nimmt und Forschung zu Cannabis als Medizin zulässt. Die ist bisher noch sehr rar.“ (mz)