Sein Herz schlug für den HFC

Amoklauf Halle Saale: Todesopfer war HFC-Fans aus Merseburg

Merseburg - Das Leben des Malers, der aktuell auf einer Baustelle in Halle arbeitete, endete vermutlich in dessen Mittagspause in einem Dönerladen in der Ludwig-Wucherer-Straße.

Von Michael Bertram
Menschen legen Blumen vor dem Tatort bei einem Döner-Imbiss in der Ludwig-Wucherer-Straße in Halle nieder. Im Laden wurde der 20-Jährige aus Merseburg erschossen. dpa

Es ist Mittwoch, 21.22 Uhr, als der Vater in Sorge um seinen Sohn auf seiner Seite im sozialen Netzwerk Facebook schreibt: „Bitte Bitte Bitte schreibt einfach an. Bin über alles sehr dankbar. Kevin wir lieben dich über alles.“ Was der Vater nicht weiß: Sein Sohn, der 20 Jahre alte Kevin S. aus Merseburg, ist zu diesem Zeitpunkt bereits gut neun Stunden tot.

Das Leben des Malers, der aktuell auf einer Baustelle in Halle arbeitete, endete vermutlich in dessen Mittagspause in einem Dönerladen in der Ludwig-Wucherer-Straße. Ausgelöscht von einem mutmaßlich rechtsradikalen Schützen.

Schon zuvor hatte der Vater aber offenbar schlimmste Befürchtungen, wie aus dem Facebook-Beitrag hervorgeht, unter dem im Laufe des Donnerstags Hunderte ihr Beileid bekundeten. Er schreibt, dass er seinen Sohn Kevin vermisse. Seit 12 Uhr, „als der Horror in Halle Saale losging“, hätten er und die Mutter nichts mehr von dem Sohn gehört. „Wir wissen nur das du in der Nähe auf der Baustelle warst und dein Handy verloren hast“, schreibt der Vater darin voller Verzweiflung.

Ein Freund erkennt Anschlagsopfer Kevin im Video des Täters

Am späten Abend ist es dann Nico Schmädicke, der die traurige Gewissheit bringt. Er teilt dem besorgten Vater mit, dass er glaubt, Kevin in einem der Videos erkannt zu haben, mit denen der Schütze seine Taten festhielt. „Mir wurden die Aufnahmen zugespielt und ich habe an der Stimme und der Statur des Opfers in dem Dönerladen Kevin wiedererkannt“, erzählt Schmädicke am Donnerstag der MZ.

Der Merseburger kannte das Opfer und dessen Vater gut, denn sie teilten die Leidenschaft für den Halleschen FC. Seit Jahren gingen Vater und Sohn gemeinsam ins Stadion, wie Facebookfotos belegen. Sie waren glühende Anhänger des Fußball-Drittligisten. „Seit gut eineinhalb Jahren ist Kevin auch mit uns zu Auswärtsfahrten mitgereist“, erzählt Nico Schmädicke, der Chef des Merseburger HFC-Fanclubs „Libertà Crew Chemie Halle“. „Er war ein fröhlicher Mensch, der bei 80 Prozent der HFC-Spiele in der Kurve stand.“

Daran erinnert am Donnerstag auch der von Kevin so innig geliebte Fußballclub. Nachdem in der Nacht bereits diverse Fangruppen bei Facebook öffentlich um „ein Mitglied der HFC-Familie“ trauern, veröffentlicht der Verein am Tag nach der Bluttat ein Foto von vielen gekreuzten Händen mit dem Spruch „Nur zusammen“ und dem komplett in Schwarz-Weiß gehaltenen Vereinswappen.

Anschlagsopfer Kevin S.: HFC spricht Angehörigen tiefes Mitgefühl aus 

Der HFC spricht in einem Statement den Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl aus und bedankt sich bei den Einsatzkräften. Auch gedenkt der Verein Kevin, dem „aktiven Mitglied der HFC-Fanszene“. Bei einem nichtöffentlichen Testspiel des Vereins am Donnerstagabend in Aue trägt die Mannschaft Trauerflor. Genauso soll es auch am Samstag sein, wenn die Hallenser im Landespokal in Thalheim antreten.

Am Donnerstagabend kamen dann Mitglieder der beiden Merseburger HFC-Fanclubs „Libertà“ und „Domfalken“ an der Sixti-Ruine im Herzen der Stadt zusammen. „Wir haben die Aktion kurzfristig abgesprochen, um gemeinsam um Kevin zu trauern“, erklärt Nico Schmädicke.

Auch in der Stadt trauert man am Donnerstag um die Opfer, insbesondere um Kevin. Der Hauptausschuss des Merseburger Stadtrats, der am Donnerstagabend stattfand, begann mit einer Schweigeminute. Oberbürgermeister Jens Bühligen (CDU) schlug zudem eine öffentliche Trauerfeier für die Opfer vor. Absprachen dazu mit der Stadt Halle liefen.

Der designierte Landrat des Saalekreises, Hartmut Handschak (parteilos) versprach, den Eltern zu helfen, wo dies möglich sei. Unter anderem wurde der Mutter das Kriseninterventionsteam zur Seite gestellt.   (mz)

Nachdem er vor der Synagoge eine Frau erschossen hatte, fuhr der Täter zu einem Döner-Imbiss und erschoss dort ein zweites Opfer.
ZB