Vereinsgründung

Vereinsgründung in Köthen: Gebärdensprache für Hörende und Hörgeschädigte

Köthen - Köthen hat einen neuen Verein: Er hat sich die Pflege der Gebärdensprache auf die Fahne geschrieben und will auch Hörende dafür begeistern.

Von Doreen Hoyer

Das Ziel sei, eine Brücke zu bauen zwischen Hörenden und Hörgeschädigten, beschreibt Ilka Engler. Denn viel zu oft blieben die beiden Gruppen von einander abgeschottet.

Das zu ändern ist eines der Ziele des Vereins „Gebärdensprachfreunde - Sport - Kultur Köthen“, kurz GFSK. Er wurde am Samstag gegründet und wird von Henry Niekrawietz als Vorsitzendem und Ilka Engler als zweiter Vorsitzender geleitet.

„Stumm sind gehörlose Menschen jedenfalls nicht“

Niekrawietz selbst ist gehörlos und nutzt zur Verständigung die Gebärdensprache. Vor allem Mimik, Gestik und Körperhaltung kommen dabei zum Einsatz. Der junge Mann hatte bereits vor einigen Monaten in Köthen einen Stammtisch zum Thema Gebärdensprache ins Leben gerufen. Dort können sich Hörende und Hörgeschädigte austauschen, in lockerer Runde werden die Vokabeln der Gebärdensprache geübt. Die Stammtisch-Treffen soll es unabhängig vom Verein weiter geben.

Henry Niekrawietz’ Frau Sandra, ebenfalls GFSK-Mitglied, und Ilka Engler sind nicht hörgeschädigt, beherrschen bzw. lernen aber die Gebärdensprache. Sie wünschen sich - wie alle der momentan etwa 15 Vereinsmitglieder - dass künftig auch Hörende zu ihnen stoßen, die sich für die Gebärdensprache interessieren. „Stumm sind gehörlose Menschen jedenfalls nicht“, betont Sandra Niekrawietz. Durch die Gebärdensprache können sie sehr wohl ausdrücken, was sie denken und fühlen.

Ein Anlaufpunkt für Hörgeschädigte aus der ganzen Region

Hervorgegangen ist das neue Bündnis aus dem Gehörlosensport- und Bürgerverein Bitterfeld. „Es war eine sehr schöne Zeit“, blickt Dagmar Wißwedel aus Bitterfeld auf ihr Engagement in dieser Gruppe zurück. Aber leider sei der Verein in der Chemiestadt immer weiter geschrumpft. Deshalb freue sie sich nun über den Neustart in Köthen.

Die Gebärdensprachfreunde möchten durchaus über die Köthener Grenzen hinaus aktiv und zu einem Anlaufpunkt für Hörgeschädigte aus der ganzen Region werden. „Ich denke, dass wir bestimmt auch öfter Besuch von Hörgeschädigten aus ganz Deutschland bekommen werden“, sagt Sandra Niekrawietz.

Zudem will der GFSK eine Anlaufstelle für Familien sein - und dabei zum Beispiel hörende Eltern beraten, die ein hörgeschädigtes Kind haben und sich fragen, wie sie mit der Situation umgehen sollen.

Der Verein will Gebärdensprache mehr in den Alltag integrieren

„Die Gehörlosenwelt kann sehr klein sein“, fährt Sandra Niekrawietz fort - sowohl was die Angebote angehe, als auch die Zahl der Menschen, mit denen man sich verständigen könne. Um das künftig zu ändern, hat der Verein schon einige Ideen gesammelt. Man könnte zum Beispiel Stadtführungen durch Köthen in Gebärdensprache anbieten, überlegt Ilka Engler. Zudem seien natürlich regelmäßige Vereinstreffen und auch ein Jugendcamp geplant.

Auch ein Dolmetscher für Gebärdensprache bei Stadtratssitzungen sei denkbar - so könnten Hörgeschädigte sich mehr mit Kommunalpolitik befassen. „Wichtig ist, dass man rauskommt und am öffentlichen Leben teilnimmt“, fasst Ilka Engler zusammen. (mz)

Der Verein ist über Telefon und Fax erreichbar unter 03496/5 72 89 11. E-Mails an gfsk.koethen@gmail.com Briefe bitte an den GFSK Köthen e. V., Finkenweg 3, in 06366 Köthen.

Wann die Entwicklung der Gebärdensprache begann, ist nicht ganz sicher. Schon im fünften und vierten Jahrhundert vor Christus dachte der Philosoph Platon darüber nach, wie Gehörlose kommunizieren könnten und vermutlich wurden überall, wo mehrere Gehörlose zusammenlebten, verschiedene Gebärden entwickelt.

Die erste öffentliche Schule für Gehörlose wurde gegen 1750 in Paris gegründet, nachdem ein Geistlicher auf der Straße Gehörlose gesehen hatte, die Gebärden nutzten, um sich zu verständigen. In der Schule wurden diese „Straßengebärden“ mit französischer Grammatik zu einer Gebärdensprache ausgebaut. (mz/dho)