Rundum ein Familienfest

Wir-Verein feiert in Jessen 25-jähriges Bestehen

Welche Neuigkeit Vorsitzende Margit Mehr verkündet und welche Bewandtnis Kaffee, Heu und Hirse als Geschenke haben.

Von Ute Otto
Es war ihr großer Tag: Vorsitzende Margit Mehr  und ihre Mitstreiterinnen vom Vorstand,  Xenia Drawert und Regine  Clemens,  lassen 25 Jahre seit der Gründung des Wir-Vereins Revue passieren.   Für den guten Ton sorgt  hier Vereinsmitarbeiter Detlef Walter.
Es war ihr großer Tag: Vorsitzende Margit Mehr und ihre Mitstreiterinnen vom Vorstand, Xenia Drawert und Regine Clemens, lassen 25 Jahre seit der Gründung des Wir-Vereins Revue passieren. Für den guten Ton sorgt hier Vereinsmitarbeiter Detlef Walter. Foto: Ute Otto

Jessen/MZ - Der Jessener Verein „Wir - Landfrauen helfen sich selbst“ ist im Rennen um den Unternehmerpreis der ostdeutschen Sparkassen und der „Superillu“ in der Kategorie Vereine. In der Festveranstaltung zum 25-jährigen Vereinsbestehen am Sonnabend konnte Vorsitzende Margit Mehr dies als Top-Neuigkeit verkünden.

Drei Tage zuvor hatte sie in Potsdam vor einer 14-köpfigen Jury über die Aktivitäten des Vereins berichtet. Bei der Erstellung der Präsentation hatte ihr die Seydaerin Andrea Arndt geholfen. Die junge Frau gehört zu den zahlreichen Unterstützern, denen die Vereinschefin in der Festveranstaltung vor versammelter Mannschaft und den offiziellen Gratulanten mit zum Teil sehr persönlichen Worten dankte.

Allen voran ihrem Mann, der sie schließlich mit dem Verein teilen müsse, wie ihrer gesamten Familie, „dass sie mich mit allen Wehwehchen, die die Arbeit mit sich bringt, erträgt“.

Gratulanten beim Festakt zum 25-jährigen  Bestehen des Wir-Vereins
Gratulanten beim Festakt zum 25-jährigen Bestehen des Wir-Vereins
Foto: Ute Otto

In der Not als Erste da

Ob Möbelhof, Tafel, Mehrgenerationenhaus oder der Kräutergarten - kaum ein Projekt der Vereinsgeschichte ist ohne „Geburtswehen“ aus der Taufe gehoben, aber dank vieler helfender Hände zum Laufen gebracht worden. Die Flutkatastrophe 2002 war laut Margit Mehr auch für den „Wir“-Verein ein einschneidendes Ereignis. Aber sehr schnell seien die Landfrauen unterwegs gewesen, um Betroffene und Helfer mit Mahlzeiten zu versorgen.

Die aktuelle Pandemie, vor allem deren Anfang mit der Abriegelung von Jessen im März 2020, und die Welle im vergangenen Herbst/Winter jedoch hätten bei ihr schon Existenzsorgen hervorgerufen. „Wir mussten unsere Treffs schließen, die Arbeitsgemeinschaften in den Schulen einstellen und konnten keine Veranstaltungen anbieten“, so Margit Mehr. „Aber die Jessener Tafel kam nicht einen Tag zum Stillstand - wir haben zusätzliche Ausgabestellen geschaffen. Und alle verfügbaren Hände und Nähmaschinen waren im Einsatz, um Masken zu nähen. Da zu sein, wenn Menschen Hilfe brauchen, das liegt uns am Herzen.“

Nicht zuletzt war der „Wir“-Verein im September 1996 aus der Not heraus gegründet worden von sieben Frauen, die sich beruflich aufs Abstellgleis geschoben sahen und für sich und andere Betroffene eine neue Perspektive schaffen wollten. „Ihr seid für mich der Verein des Jahres in der Stadt Jessen“, sagte Bürgermeister Michael Jahn (SPD) in seiner Gratulationsrede. Er überreichte eine Geldspende, wohl wissend, „dass man das Geleistete damit nicht aufwiegen kann“, und würdigte einmal mehr die Zusammenarbeit zwischen Verein und Stadt am Schwanenteich: „Er ist ein Kleinod geworden“.

Sabine Prietzel  hat bei ihren Führungen durch den Kräutergarten am Schwanenteich  wissbegieriges Publikum um sich.
Sabine Prietzel hat bei ihren Führungen durch den Kräutergarten am Schwanenteich wissbegieriges Publikum um sich.
Foto: Ute Otto

Lebensmittelrettung für Bedürftige

Als Vorsitzender des Landesverbandes der Tafeln in Sachsen-Anhalt gratulierte Andreas Steppuhn. Mit Margit Mehr arbeite er seit vielen Jahre im Landesvorstand zusammen, berichtete er. Die Jessener ist eine von 33 Tafeln mit rund 100 Ausgabestellen zwischen Arendsee und Zeitz. „Wir retten Lebensmittel und helfen Bedürftigen“, umriss Steppuhn die Bedeutung.

„Dieser Verein hat uns gelehrt, wie sich Landfrauen selbst vernetzen können“, sagte die Vorsitzende des Landfrauenverbandes Sachsen-Anhalt, Kathrin Ahlers. Sie überreichte als Geschenk ein Paket fair gehandelten Kaffees aus Uganda. „Unser Mutterverband unterstützt dort ein Landfrauenprojekt“, berichtete sie.

„Wir gehen schweren Zeiten entgegen“

Im Namen des CDU-Kreisverbandes und von CDU-Bundestagsmitglied Sepp Müller gratulierte Guido Arndt, der für die Christdemokraten zur bevorstehenden Bürgermeisterwahl kandidiert. Seine Geburtstagsgabe ist eine Kiste mit Heu, Hirse und anderem Knabberzeug für die Bewohner des Tiergeheges am Schwanenteich.

„Wir arbeiten schon 25 Jahre über unterschiedliche Projekte miteinander“, berichtete Simone Graf vom Landesverband der Ländlichen Erwachsenenbildung. „Der ‚Wir‘-Verein war Initialzünder für viele Bildungsprojekte“, sagte sie. „Ich denke, das wird so weitergehen.“

Folgt man den Worten von Margit Mehr: „Wir gehen schweren Zeiten entgegen“, ist zu erkennen, dass sie die Zukunft nicht rosig sieht. Umso mehr brauche es junge Leute, die den Verein weiter tragen. So wurden in diesem feierlichen Rahmen zwei junge Frauen, Susann Will und Juliane Rühlicke, als neue Vereinsmitglieder aufgenommen.

Rosemarie und Adolf Nitsch genießen das Flair am  Schwanenteich.
Rosemarie und Adolf Nitsch genießen das Flair am Schwanenteich.
Foto: Otto

Für viele ein Aha-Erlebnis

Der Festakt war eingebettet in ein Familienfest in doppelter Hinsicht: Mit Mitgliedern und Mitarbeitern hatte sich die gesamte Vereinsfamilie versammelt, dazu wiederum deren Angehörige. Und zahlreiche Besucher waren in Familie gekommen. Darunter einige, die das Areal am Schwanenteich in seiner jetzigen Gestalt noch nicht kannten. Das haben die Mitarbeiter im Schnupperlädchen, am Kuchenverkauf im Vereinsraum sowie an den Kreativ- und Spielstationen im Garten wahrgenommen.

Sabine Prietzel hatte bei ihren Führungen durch den Kräutergarten immer wissbegieriges Publikum um sich. Die Kinder erfreute zum Auftakt des Festes ein Puppenspiel. Sie halfen dem Kasper, den Räuber, der den Blaubeerkuchen gestohlen hatte, zur Strecke zu bringen.

Rosemarie und Adolf Nitsch genossen den Anblick des Kräutergartens und seinen Duft an diesem schönen Spätsommertag auf einer Bank im Schatten: „Es ist unwahrscheinlich, was hier geschafft wurde“, sagt der 82-jährige Rentner. „Eine richtige Perle“, fügt seine Frau hinzu. „Und in so kurzer Zeit. Da kann man nur den Hut ziehen.“