Erneuerbare Energie

Wie die Seydaland Agrarbetriebe ihre Bioenergieproduktion entwickeln wollen

Landwirtschaftsbetrieb unterhält an fünf Standorten im Jessener Land Biogasanlagen. Wohin die Entwicklung gehen soll.

Von Ute Otto 22.01.2022, 12:30
Schaltwarte statt Landmaschine: Nobert Dümichen ist einer von vier Landwirten in der Arnsdorfer Biogasanlage von  Seydaland, die als Biogasanlagenfahrer ausgebildet und zertifiziert wurden.
Schaltwarte statt Landmaschine: Nobert Dümichen ist einer von vier Landwirten in der Arnsdorfer Biogasanlage von Seydaland, die als Biogasanlagenfahrer ausgebildet und zertifiziert wurden. Foto: Ute Otto

Seyda/MZ - Die Morgendämmerung ist angebrochen, aber es soll an diesem und auch an den nächsten Tagen bleiben wie schon am Vortag: dunstig grau. Kein Wind, der die Wolken vertreiben könnte. „Solche Wetterlagen sind uns die liebsten“, sagt Jens Fromm. Dann nämlich können die Seydaland Vereinigten Agrarbetriebe, deren Chef Fromm ist, ein Erzeugnis besonders gut verkaufen: Strom.

Hauptsächlich Strom

Wir treffen den Geschäftsführer in Arnsdorf. Dort befinden sich zwei von insgesamt sechs Biogasanlagen, die Seydaland an fünf Standorten betreibt. Das durch die Vergärung von Biomasse entstehende Biogas „setzen wir primär für die Stromerzeugung ein“, erklärt Fromm.

Durchschnittlich 3.500 Kilowatt Strom pro Stunde konnte Seydaland aus Biogas gewinnen. „Das ist schon richtig viel“, sagt Fromm. „Wir arbeiten jetzt daran, die Leistung fast zu verdoppeln.“ Dafür wurden die Blockheizkraftwerke doppelt überbaut, wie es im Fachjargon heißt. 5.700 Kilowattstunden seien unter Volllast möglich. Allerdings soll die nicht permanent gefahren werden. „Wir wollen den Strom künftig vermehrt dann erzeugen, wenn er gebraucht wird.“

Der Vorteil von Biogas als alternativem Energieträger gegenüber Wind und Sonne sei nämlich, dass es gespeichert werden kann. Gesammelt wird es in den Kuppeln der Gasbehälter. Unterhalb der zumeist grünen Tragluftdächer befindet sich eine undurchlässige Membran, die sich je nach Gasmenge ausdehnen kann. Bis 8.000 Kubikmeter Gas können in acht Stunden gespeichert werden.

Als Stromproduzent ist Seydaland Netzdienstleister. Der Betreiber des Mittelspannungsnetzes Mitnetz kann durch Fernsteuerung der Seydaer Anlage Schwankungen im Stromnetz ausgleichen. „Wenn die Frequenz fällt, wird bei uns hochgefahren“, so Fromm. Zugleich gehört der Betrieb zum Erzeugerpool zweier Stromvermarkter, die auf eine stabile Regelversorgung angewiesen sind.

Stark schwankende Preise

Ziel ist es, den Strom dann abzugeben, wenn er am meisten gebraucht wird: Morgens, wenn in Betrieben Maschinen gestartet, Computer hochgefahren werden; in den Abendstunden, Sonnabend- und Sonntagvormittag, wenn in Haushalten gekocht oder gebacken wird.

Zurzeit noch bekommt der Erzeuger laut Erneuerbare Energie-Gesetz (EEG) eine Vergütung von 16 Cent pro eingespeister Kilowattstunde. In zwei Jahren aber läuft die Förderung für die ersten Biogasanlagen von Seydaland aus und die Bedeutung der flexiblen Stromerzeugung nimmt zu. „Dann geht unser gesamter Strom auf den freien Markt. Da bestimmen Angebot und Nachfrage den Preis“, berichtet Fromm.

Jens Fromm, Geschäftsführer von Seydaland, zeigt den mächtigen Verbrennungsmotor, der die Turbine antreibt.
Jens Fromm, Geschäftsführer von Seydaland, zeigt den mächtigen Verbrennungsmotor, der die Turbine antreibt.
Foto: Ute Otto

An der Börse liegt der Preis in der dritten Jahreswoche 2022 zwischen 12,5 und maximal 26,5 Cent je Kilowattstunde. „Vor einem Jahr sah die Welt hier noch anders aus. Die Preise schwankten zwischen zwei und fünf Cent je Kilowattstunde“, erklärt der Seydaland-Chef. „Allerdings wurden in der ersten Woche des Jahres auch zeitweise negative Preise von bis zu minus 5,5 Cent je Kilowattstunde aufgerufen, weil insgesamt zu viel Strom erzeugt wurde. Das unterstreicht die nötige Flexibilität in jeder Stunde des Tages.“

Und der flexiblen Stromerzeugung kommt laut Fromm in Zukunft noch eine höhere Bedeutung zu. Wenn fossile Brennstoffe zur Stromerzeugung ausscheiden, die Sonne nicht scheint und kein Wind geht, wird Energie knapper und teurer. „Indem wir Biogasbetreiber dann einspeisen, tragen wir dazu bei, dass der Preis nicht astronomisch wird.“ Die Eigennutzung des Stromes soll künftig auch für Seydaland eine größere Rolle spielen.

Vier Mitarbeiter arbeiten am Standort Arnsdorf als Biogasanlagenfahrer. Ihre Ausbildungszertifikate hängen an der Wand im Führerstand. Norbert Dümichen füttert den Rechner mit den Daten des Fahrplans. Anhand spezialisierter Verbrauchs- und Wetterprognosen wird für jede Stunde festgelegt, wie viel Strom erzeugt werden soll.

Täglich bis acht Uhr erfolgt die Aktualisierung für den Folgetag. Kribbelig werde es bei schnell wechselndem Wetter, wenn plötzlich die Wolken aufreißen und Wind aufkommt. Dann wird das Blockheizkraftwerk - gebaut von einem Hersteller in Österreich - abgeschaltet.

Das Herzstück des Herzstücks

3.000 PS hat der 16-Zylinder-Motor, der die Turbine antreibt. In fünf Minuten kann die Leistung von Null auf Hundert gefahren werden. Zehn Minuten zum Hochfahren seien aber für den Motor schonender. „Vor zehn Jahren noch haben die Motorbauer die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als es hieß, der Motor soll mehrmals am Tag gestoppt und gestartet werden“, erzählt Fromm. „Das hat sich mächtig entwickelt.“

Die Abwärme des Motors ist das nicht zu verachtende Nebenprodukt. Damit werden große Mengen Wasser erhitzt und vom Agrarbetrieb selbst für die Beheizung von Ställen und Verwaltungsgebäuden, zur Trocknung und zur Heißwasserreinigung von Melkanlagen genutzt. Darüber hinaus wird Wärme an die Jessener Stadtwerke und andere Gewerbebetriebe abgegeben. Die 11.000 Megawatt Wärme-Jahresleistung, die Seydaland erbringt, ersetzen 1,1 Millionen Liter Heizöl.

Unter einer undurchlässigen Membran in den  Kuppeln der Gärbehalter wird das Gas gelagert. Unterirdisch verläuft zwischen diesen beiden Behältern die 2,5 Kilometer lange Wärmetrasse zu den Jessener Stadtwerken.
Unter einer undurchlässigen Membran in den Kuppeln der Gärbehalter wird das Gas gelagert. Unterirdisch verläuft zwischen diesen beiden Behältern die 2,5 Kilometer lange Wärmetrasse zu den Jessener Stadtwerken.
Foto: Ute Otto

Hochwertiger Dünger

Mit den Gärresten werden Felder gedüngt. „Die Nährstoffverfügbarkeit ist besser und die Umweltbelastung geringer, als wenn Mist und Dünger direkt aufs Feld gebracht würden“, sagt der Chef des Landwirtschaftsbetriebes. Auch dieser Part gewinne an Bedeutung, erst recht auf den mageren Böden um Seyda im Fläming: „Mineraldünger ist für uns derzeit unbezahlbar geworden“, sagt Fromm. Hersteller wie SKW haben wegen der hohen Energiekosten die Düngemittelproduktion gedrosselt, weshalb die Preise explodieren.

415 Biogasanlagen gibt es laut Bundesnetzagentur in Sachsen-Anhalt. In der Landwirtschaft wird Biogas als wichtiger Baustein im erneuerbaren Energiemix gesehen. Das Umweltbundesamt misst diesem Energieträger jedoch einen geringen Stellenwert bei und stuft ihn zudem als nicht nachhaltig ein.