Wilde Saalebewohner

Wie ist es um Halles Nutrias bestellt?

Nutrias gibt es schon seit vielen Jahrzehnten in Halle. Doch obwohl ihre Population nicht kontrolliert wird, sehen Naturschützer und Jäger keine Probleme.

Von Jonas Nayda 13.01.2022, 08:30
Die Nutria ( Myocastor coypus ), auch Biberratte genannt.
Die Nutria ( Myocastor coypus ), auch Biberratte genannt. Foto: Bergzoo Halle / Steffen Schellhorn

Halle (Saale)/MZ - Man sieht sie immer wieder mal am Saaleufer, sie wirken wie ein Mittelding aus Biber und übergroßer Ratte und sind doch irgendwie putzig: Nutrias. Niemand weiß genau, wie viele der Nagetiere tatsächlich im Stadtgebiet leben. Auch der Stadtverwaltung liegen dazu keine Zahlen vor. Aber in den Jahren seit 2016 sind jedes Jahr zwischen sieben und 27 Nutrias in Halle gestorben, das geht aus einer Antwort der Verwaltung auf eine Stadtratsanfrage der Grünen-Fraktion hervor. Unklar ist, wie viele davon von einem Jäger erschossen - und wie viele auf andere Art und Weise zu Tode gekommen sind. Ein städtisches Monitoring zu Nutrias gibt es nicht.

Jäger dürfen Nutrias schießen

Laut dem Deutschen Landwirtschaftsverlag hat sich die Nutriapopulation in Deutschland von 2006 bis 2016 verdoppelt. In Halle gibt es aber keine Berichte von einer unkontrollierten Verbreitung. „Nutrias sind hier nicht heimisch, und sie sind auch nicht vom Aussterben bedroht“, sagt Steffen Neubert vom Naturschutzbund (Nabu) Regionalverband Halle-Saalkreis. Es sei deshalb grundsätzlich für Jäger erlaubt, sie zu schießen.

In Halle könne man sogenannte Biberratten schon seit rund 60 Jahren beobachten, sie seien deshalb wohl auch trotz Jagd nicht mehr auszurotten. Zwar gebe es unter Naturschützern keine einhellige Meinung, im Nabu habe man sich allerdings verständigt, Nutrias an der Saale zu akzeptieren, solange sie keinen Schaden verursachen. Der Biber, der eigentlich die gleiche ökologische Nische besetzt, sei in der Regel stärker und werde deshalb nicht besonders beeinträchtigt. Für Menschen sind Nutrias ebenfalls ungefährlich. Schäden verursachen sie höchstens dann, wenn sie an einer Böschung eine Höhle bauen, die dann das Ufer absacken lässt. Im Naturschutzgebiet sei das aber kein Problem und eine Plage gebe es in Halle nicht, sagt Neubert.

Nutrias haben schmackhaftes Fleisch

Laut Bernd Kiesbauer, Vereinsvorsitzender der Jägerschaft Halle, sei es gar nicht so einfach, Nutrias zu jagen, denn häufig würden sie sich in Gebieten aufhalten, in denen Jagen aus Sicherheitsgründen verboten ist. Außerdem dürfe man keine Muttertiere erlegen, die gerade Jungtiere aufziehen. Nutria-Fleisch sei allerdings durchaus schmackhaft und in anderen Ländern deutlich verbreiteter als in Deutschland.

An einem Ort sind die Biberratten auf alle Fälle sicher: Im Bergzoo Halle. Sechs Tiere leben dort aktuell in einem Gehege neben den Berberaffen. „Unsere Nutrias kamen ursprünglich als verwaiste Findlinge zu uns, die wir mit Tieren von einem Züchter zusammengebracht haben“, sagt Karoline Albig, zoologische Leiterin. Aufgrund einer EU-Regel, die Nutrias als „invasiv“ gelistet hat, dürfen die Nager allerdings inzwischen nicht mehr gezüchtet oder gehalten werden. Die Tiere im Bergzoo sind deshalb auch kastriert beziehungsweise sterilisiert und „verbringen bei uns quasi ihren Lebensabend“, wie Albig sagt. Wegen der EU-Richtlinie und weil erwachsene Nutrias laut Albig nur schwer zu vergesellschaften seien, nehme der Zoo auch keine weiteren Wildtiere auf, die etwa an der Saale gefunden werden.

Heimisch in Südamerika

Nutrias stammen ursprünglich aus Südamerika und kommen erst seit Ende des 19. Jahrhunderts in Europa vor. Sie sind Säugetiere und gehören der Familie der Stachelratten an. Nach Deutschland sind sie mutmaßlich von Pelztierfarmern gebracht worden, von denen sie teilweise auch ausgewildert wurden. In Mitteleuropa vermehren sie sich zwar, jedoch machen ihnen kalte Winter zu schaffen.

Die natürlichen Feinde der sogenannten Biberratten sind große Greifvögel und Säugetiere wie der Fuchs oder der Iltis. Ausgewachsene Nutrias können bis zu 65 Zentimeter lang werden und zehn Kilo wiegen. Männliche Nutrias werden in der Regel größer als weibliche. Die Nagezähne sind durch Eiseneinlagerungen teilweise orange gefärbt. Die Tiere fressen vorwiegend Blätter oder Wurzeln von Wasserpflanzen, selten auch Schnecken. Sie sind hauptsächlich dämmerungsaktiv und leben in Gemeinschaften von etwa zwölf bis 15 Tieren. Nutrias können mehr als zehn Jahre alt werden. Winterschlaf halten sie nicht.